Ohne „Typ F“ geht es nicht: Diabetesmanagement im Alltag und Familienleben
Auf der Vorab-Pressekonferenz zum Diabetes Kongress 2026 stellte die Deutsche Diabetes Gesellschaft das für Familie stehende Konzept „Typ F“ vor und machte deutlich: Angehörige tragen einen erheblichen Teil der Versorgung, ohne dass diese Leistung im System ausreichend berücksichtigt wird.
Diabetes mellitus wird unabhängig vom Typ nicht nur in medizinischen Einrichtungen von Fachpersonal behandelt. Im Alltag tragen die Menschen mit Diabetes selbst sowie bei Kindern und älteren Menschen auch ihre Angehörigen die Hauptlast des Managements der chronischen Stoffwechselerkrankung – 365 Tage lang, rund um die Uhr. Eltern von Kindern mit Diabetes Typ 1 müssen dabei unter anderem Bildungseinrichtungen wie Kindergarten und Schule einbinden, damit die Therapie reibungslos läuft.
„Diabetes wird nicht nur in Praxen und Kliniken behandelt. Ein Großteil der Versorgung findet im Alltag statt – in den Familien, bei Kindern und Jugendlichen auch in deren Bildungseinrichtungen und später im Beruf. Angehörige übernehmen dabei viele Aufgaben, die im Versorgungssystem bislang kaum sichtbar sind“, erklärte Professorin Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg. Diese Verlagerung hat Folgen. Versorgungslücken werden oft nicht im System sichtbar, sondern von Familien ausgeglichen. Damit verschiebt sich Verantwortung zunehmend in den privaten Bereich.
Familien tragen die Hauptlast
Besonders deutlich zeigt sich dies bei Kindern mit Typ-1-Diabetes. Die Insulintherapie ist komplex und erfordert eine kontinuierliche Aufmerksamkeit. Eltern kontrollieren den Glukosewert, passen die Insulindosis an und reagieren auf Notfälle – häufig rund um die Uhr. Gleichzeitig fehlen in vielen Kitas und Schulen verbindliche Strukturen für eine medizinische Unterstützung durch Fachpersonal. Eltern übernehmen deshalb zentrale Aufgaben auch während dieser Betreuungszeiten. Das hat direkte Auswirkungen auf ihre eigene Berufstätigkeit. Szendrödi betonte, dass diese Situation kein Einzelfall sei. Auch bei älteren Menschen oder bei Menschen mit zusätzlichen Erkrankungen übernehmen Angehörige zentrale Aufgaben. Diabetes wird so zu einer gemeinsamen Herausforderung für ganze Familien.
Beruf und Therapie im Spannungsfeld
Auch im Berufsleben zeigt sich, wie eng Therapie und Alltag miteinander verbunden sind. Menschen mit Diabetes müssen ihre Behandlung in feste Arbeitsabläufe integrieren. Gleichzeitig fehlen häufig flexible Rahmenbedingungen. Dabei sind die meisten mit der Erkrankung Lebenden leistungsfähig und können grundsätzlich nahezu jeden Beruf ausüben. Einschränkungen entstehen oft nicht durch die Erkrankung selbst, sondern durch strukturelle Hürden.
Technologien erreichen Familien zu selten
Moderne Technologien wie kontinuierliche Glukosemessung oder telemedizinische Betreuung könnten den Alltag erleichtern. Doch diese Möglichkeiten werden bislang nicht ausreichend genutzt. „Wir haben heute sehr gute technische Lösungen. Doch sie erreichen viele Menschen und ihre Familien noch nicht im erforderlichen Maße“, so Szendrödi.
Versorgung neu denken
Die DDG fordert, die Versorgung stärker an den Lebensrealitäten auszurichten. Dazu gehört, Angehörige systematisch einzubeziehen und Strukturen in Kitas, Schulen und Pflegeeinrichtungen zu verbessern, in Schulen durch Schulgesundheitsfachkräfte. „Wenn wir Diabetes wirksam behandeln wollen, müssen wir die Realität der Menschen ernst nehmen. Dazu gehört auch, die Rolle von Familien sichtbar zu machen und sie gezielt zu unterstützen“, sagte Szendrödi. Der Ansatz „Typ F“ steht damit für einen Perspektivwechsel: weg von einer rein medizinischen Betrachtung hin zu einer Versorgung, die den Alltag von Menschen mit Diabetes sowie ihren Familien berücksichtigt.