Polyzystisches Ovarsyndrom früher erkennen und ganzheitlich behandeln
Das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) betrifft jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter. Jetzt liegt eine S2k-Leitlinie vor.
Es handelt sich um ein komplexes endokrinologisches, gynäkologisches und internistisches Krankheitsbild mit bisher unklarer Ursache“, erklärt Dr. Cornelia Jaursch-Hancke, leitende Endokrinologin an der DKD HELIOS Klinik Wiesbaden und Koordinatorin der Leitlinie. Die Stoffwechselstörung PCOS bewirkt, dass die Eierstöcke zu viele männliche Sexualhormone produzieren. „PCOS bleibt häufig unerkannt. Neben Zyklusstörungen, erhöhten männlichen Hormonen und unerfülltem Kinderwunsch steigt bei betroffenen Frauen auch das Risiko für weitere Erkrankungen: Typ-2-Diabetes, Schwangerschaftsdiabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Daher ist eine frühe Diagnose entscheidend“, ergänzt Professorin Dr. Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabetes-Zentrum NRW und Mitkoordinatorin der Leitlinie.
Die neue Leitlinie präzisiert die Diagnostik
Ein PCOS liegt vor, wenn mindestens zwei der drei Kriterien erfüllt sind:
klinischer Hyperandrogenismus und/oder biochemischer Hyperandrogenismus
ovulatorische Dysfunktion
Polyzystische Ovarmorphologie (PCOM) und/oder eine hohe Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH) und Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen
„Die Symptome bei PCOS sind sehr ähnlich zu anderen Erkrankungen, beispielsweise der Schilddrüse, Tumoren oder des Cushing-Syndroms. Bei der Diagnose müssen behandelnde Ärzt*innen daher andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen“, so Dr. Jaursch-Hancke.
Neue Leitlinie als Fundament für eine vernetzte Versorgung
Empfohlen wird eine multimodale und individuelle Therapie; im Mittelpunkt stehen Lebensstiländerungen, je nach Symptomprofil und Kinderwunsch gezielt ergänzt um medikamentöse Therapien mit oralen Kontrazeptiva, Metformin oder antiandrogenen Medikamenten. Damit dieser Ansatz greift, müsse die Behandlung fachübergreifend erfolgen – „im Team aus Endokrinologie, Gynäkologie, Diabetologie und Psychologie“, so Dr. Jaursch-Hancke.
Regelmäßige Kontrollen auf Risikofaktoren
Die Leitlinie empfiehlt regelmäßige Untersuchungen auf Risikofaktoren und Begleiterkrankungen ausdrücklich: „Besonders wichtig ist die Überprüfung des Zuckerstoffwechsels beispielsweise mit einem oralen Glukosetoleranztest, da Frauen mit PCOS unabhängig vom Alter ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2 und Schwangerschaftsdiabetes haben“, so Prof. Reger-Tan. Dafür räume die Leitlinie mit der Annahme auf, dass die Messung der Insulinresistenz eine zentrale Bedeutung für Therapieentscheidungen hat. Zudem sollten Gewicht, Blutdruck und Fettstoffwechsel regelmäßig kontrolliert werden, um rechtzeitig präventive und therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Ärzt*innen sollten ebenso auf psychische Belastungen (z. B. Depressionen, Angststörungen, negatives Körperbild) achten und dies in die Behandlungen einbeziehen. Eine Leitlinie, die sich an Patientinnen richtet, ist in Arbeit.
Die S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des PCOS” ist unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Zusammenarbeit u. a. mit der DDG entstanden. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/089-004