Stammzellforschung könnte Behandlung von Typ-1-Diabetes verändern
Forschenden ist es erstmals gelungen, aus Stammzellen gewonnene insulinproduzierende Zellen funktionell bei Menschen mit Typ-1-Diabetes einzusetzen. In einzelnen Fällen wurden Patient:innen zeitweise unabhängig von externen Insulingaben. Auf der Kongress-Pressekonferenz stellte Kongresspräsidentin Professorin Dr. med. Barbara Ludwig Chancen, Risiken und offene Fragen dieses neuen Therapieansatzes vor.
Seit Jahren arbeitet die Forschung daran, bei Menschen mit Typ-1-Diabetes die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse zu ersetzen oder ihre Funktion zu erhalten. „Der stammzellbasierte Betazellersatz eröffnet erstmals die Perspektive, die körpereigene Insulinproduktion bei Menschen mit Typ-1-Diabetes wiederherzustellen“, erklärte Professorin Dr. med. Barbara Ludwig, Kongresspräsidentin Diabetes Kongress 2026. Sie leitet die Abteilung klinische Inseltransplantation und ist Laborleitung der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. „Damit geht die Entwicklung über eine reine Behandlung der Symptome der Erkrankung hinaus.“
In den vergangenen Jahren hat die Forschung deutliche Fortschritte gemacht. Wissenschaftler:innen können inzwischen aus pluripotenten Stammzellen insulinproduzierende Zellen herstellen, die nach einer Transplantation funktionell aktiv bleiben. Studien deuten darauf hin, dass diese Zellen auf Glukoseschwankungen reagieren und die Stoffwechselkontrolle verbessern können. „Einzelne klinische Studien zeigen bereits, dass transplantierte Zellen beim Menschen funktionell arbeiten können. In einigen Fällen wurde sogar eine Unabhängigkeit von externen Insulingaben erreicht“, so Ludwig.
Immunabwehr bleibt zentrales Problem
Eine der größten Herausforderungen bleibt die Immunreaktion des Körpers. Damit transplantierte Zellen nicht erneut angegriffen werden, verfolgen Forschende unterschiedliche Strategien. Einige Ansätze arbeiten mit einer systemischen Immunsuppression, andere mit Verkapselungen oder genetischen Veränderungen der Zellen.
Ziel ist, die Zellen vor dem Immunsystem abzuschirmen, ohne ihre Funktion einzuschränken. Dann könnten Patientinnen und Patienten langfristig auf Medikamente zur Unterdrückung der Immunabwehr verzichten. Noch fehlen jedoch belastbare Daten zur langfristigen Sicherheit und Stabilität der transplantierten Zellen.
Hoher Aufwand begrenzt Einsatz
Zellbasierte Therapien sind derzeit technisch komplex und kostenintensiv. Herstellung, Qualitätskontrolle und Transplantation erfordern spezialisierte Verfahren. Deshalb dürften diese Therapien zunächst vor allem für Menschen mit einem schwer zu stabilisierenden Typ-1-Diabetes infrage kommen.
Parallel dazu hat sich die Diabetestechnologie stark weiterentwickelt. Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung und automatisierten Insulinabgabe verbessern die Behandlung deutlich und senken die Zahl schwerer Unterzuckerungen. Dadurch verändert sich auch die Frage, für welche Patient:innen invasive Therapien überhaupt notwendig sind.
Zwischen Fortschritt und offenen Fragen
Die bisherigen Ergebnisse gelten als wichtiger Schritt der translationalen Forschung, also der Übertragung von Erkenntnissen aus dem Labor in die klinische Anwendung. Zugleich bleiben zentrale Fragen offen: Wie dauerhaft wirken die transplantierten Zellen? Wie sicher sind die Verfahren langfristig? Und wie lässt sich die Therapie in eine bezahlbare Versorgung überführen?
„Der stammzellbasierte Betazellersatz steht noch am Anfang der klinischen Anwendung“, sagte Ludwig. „Die bisherigen Entwicklungen zeigen jedoch, welches Potenzial diese Therapieansätze künftig haben könnten.“