Unerkannter Typ-1-Diabetes führte bei Zehnjähriger zum Tod
Ein unerkannter Typ-1-Diabetes endete für ein zehnjähriges Mädchen tödlich: Rechtsmediziner fanden Hinweise auf Ketoazidose, hyperglykämisches Koma und Aspiration. Der Fall zeigt, wie leicht Warnzeichen übersehen werden können.
Wenn ein Kind bis zum vollendeten 14. Lebensjahr ohne bekannte Vorerkrankung stirbt, ist in Niedersachsen immer die Polizei zu informieren. In der Regel erfolgt dann eine gerichtliche Obduktion, schreiben Dr. Vanessa Preuss, Institut für Rechtsmedizin, Medizinische Hochschule Hannover, Außenstelle Oldenburg, und ihre Kolleginnen und Kollegen. Der größte Teil der kindlichen Todesfälle ereignet sich im ersten Lebensjahr. Bei Schulkindern vor der Pubertät kommen sie selten vor und wenn, dann sind sie Folge einer bekannten Erkrankung. In der im Folgenden beschriebenen Kasuistik war dies nicht der Fall, so dass eine Obduktion stattfand.
Das zehnjährige Mädchen hatte zwei Tage vor seinem Tod über Übelkeit und leichten Durchfall geklagt. Am Abend des zweiten Tages hatte das Kind die Nahrungsaufnahme verweigert und lediglich trinken wollen. Weitere Familienmitglieder waren nicht erkrankt. Am nächsten Morgen war sie tot. Bei der Obduktion fanden die Rechtsmediziner und Rechtsmedizinerinnen braunes Sekret an Mund und Nase, das auch in die Atemwege bis in den Bronchialbaum beider Lungen eingedrungen war. Sie deuteten es als tiefe Aspiration von Erbrochenem. Das Mädchen war mit 26 kg bei einer Körpergröße von 137 cm untergewichtig, blass und wies halonierte Augen auf. Die Wohnsituation hatte die Polizei als desolat beschrieben, d. h. „unaufgeräumt, verschmutzt und vollgequalmt“.
Wie kam es zum plötzlichen Tod des zehnjährigen Mädchens?
Als Ursache der Aspiration hielten die Ärztinnen und Ärzte den Einfluss von Medikamenten, Drogen, Giften oder Alkohol sowie eine Stoffwechselentgleisung für möglich. Für Letzteres sprach der hochpositive Nachweis von Glukose und Ketonkörpern im Urin. Ergänzend dazu errechnete man aus den Werten im Liquor einen Blutzuckersummenwert nach Traub von 785 mg/dl. Das im Herzblut gemessene HbA1c lag bei über 15 % – ein Zeichen für einen über längere Zeit erhöhten Blutzuckerspiegel. Damit stand die Verdachtsdiagnose: Typ-1-Diabetes mit Ketoazidose und hyperglykämischem Koma. Dazu passte auch die histologische Untersuchung des Pankreas und der Nieren.
Ein weiterer auffälliger Befund war ein massiver Madenwurmbefall des Kolons. Die Parasitose konnte mikroskopisch mittels Abklatschpräparat der Perianalhaut bestätigt werden. Madenwürmer kommen bei Kindern häufig vor. Ein direkter Zusammenhang mit Diabetes mellitus ist nicht bekannt; dennoch könnten die Würmer als möglicher Auslöser der initialen Magen-Darm-Symptome infrage kommen – unabhängig von der diabetischen Stoffwechsellage. Übelkeit und Erbrechen entstehen aber auch infolge einer Azidose. Für den Tod sei allein die Aspiration verantwortlich, zu der es durch das Koma mit Funktionsstörungen im Magen-Darm-Trakt und geminderter Vigilanz gekommen ist.
Warnzeichen erkennen, Diabetes früher diagnostizieren
Aufgrund der desolaten Wohnverhältnisse könnte man vermuten, dass das Mädchen nicht optimal gesundheitlich versorgt oder sogar vernachlässigt wurde. Daher hatte die Polizei das Jugendamt eingeschaltet. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt. Da Typ-1-Diabetes familiär gehäuft vorkommt, muss der vierjährige Bruder entsprechend getestet werden, schreibt das Autorenteam. Um einen Diabetes frühzeitig zu erkennen und einen solchen fatalen Verlauf zu verhindern, seien Screeningverfahren und Aufklärungskampagnen essenziell. In Deutschland findet beides statt. Dennoch fehlt es manchmal am Verständnis für die Erkrankung. Im beschriebenen Fall war den Eltern und Lehrkräften aufgefallen, dass das Mädchen in letzter Zeit sehr viel getrunken hatte, was aber niemanden beunruhigte.
Preuss V et al. Rechtsmedizin 2026; doi: 10.1007/s00194-026-00843-2