Schilddrüsenfunktion & Diabetestherapie

Unerklärliche Glukoseverläufe? Schilddrüse checken!

Diabetes Herbsttagung 2025
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Bei nicht erklärbaren Glukoseverläufen sollte an eine Störung der Schilddrüsegedacht werden.

Hinter instabilen Glukosekurven, ungewohnten Hypo- oder Hyperglykämien und einem stark veränderten Insulinbedarf steckt oft eine unerkannte Schilddrüsenfunktionsstörung. Neue Daten zeigen, wie stark Hyper- und Hypothyreose den Glukosestoffwechsel beeinflussen und weshalb der Blick auf die Schilddrüse bei Diabetes so wichtig ist.

Diabetes und auch Schilddrüsenerkrankungen für sich genommen sind weit verbreitet. „Wir haben in Deutschland knapp neun Millionen Menschen mit Diabetes“, sagte Professor Dr. Karsten Müssig vom Franziskus-Hospital Harderberg, Kongresspräsident der Diabetes Herbsttagung. Insbesondere beim Typ-2-Diabetes, aber auch beim Gestations- und Typ-1-Diabetes steigen die Fallzahlen seit Jahren an. Schilddrüsenfunktionsstörungen sind ebenfalls weit verbreitet. So fänden sich beim Schilddrüsen-Screening bei rund einem Drittel der berufstätigen Bevölkerung morphologische Veränderungen, bei älteren Menschen sogar bei der Hälfte.

Bei Typ-2-Diabetes: Metformin senkt das Struma-Risiko

Zwischen beiden Krankheitsgruppen bestehen vielfältige Assoziationen. So sei das Struma-Risiko bei Menschen mit Typ-2-Diabetes um das 2,6-Fache erhöht. Dass die Jod-ausscheidung im Urin mit einer Insulinresistenz assoziiert ist, lässt auf eine schlechtere Jodversorgung bei Diabetes schließen: „Je mehr Jod ausgeschieden wird, desto besser der Glukosestoffwechsel“, erklärte Prof. Müssig. Zugleich gebe es einen überraschenden Einfluss der Therapie. „Bei Frauen sehen wir, dass Metformin offenbar eine protektive Rolle spielt: Ohne Metformin ist die Schilddrüse größer, mit Metformin sinkt das Risiko für ein Struma.“

Überprüfung der Schilddrüse: Was steht in den Leitlinien?

Die Zusammenhänge zwischen Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen werden von den Leitlinien nur teilweise abgebildet. So empfiehlt die amerikanische Diabetesgesellschaft (ADA) zwar, bei Diagnosestellung eines Typ-1-Diabetes TSH und schilddrüsenspezifische Antikörper zu bestimmen. Im weiteren Verlauf erfordern negative Antikörperbefunde jährliche TSH-Kontrollen, positive Befunde kürzere Intervalle. Bei Typ-2-Diabetes hingegen gibt es bislang trotz der Hinweise auf erhöhte Hypothyreose- und Karzinominzidenzen keine Screening-Empfehlung. In der DDG S3-Leitlinie zu „Diagnostik, Therapie, und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter“ ist festgehalten: „Bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes sollen bei Diabetesmanifestation eine TSH-Bestimmung und eine Bestimmung der Schilddrüsenautoantikörper (TPO-AK) erfolgen, danach alle 1-2 Jahre bei asymptomatischen Individuen. Eine häufigere TSH-Bestimmung soll bei Symptomen einer Schilddrüsenfunktionsstörung, Struma oder positiven Schilddrüsenautoantikörpern durchgeführt werden.“ Auch in der S2e-Leitlinie „Diabetes in der Schwangerschaft“ der DDG finden sich Empfehlungen.

Auch für die um knapp 20 % höhere Inzidenz von Schilddrüsenkarzinomen bei Diabetes gab er eine plausible Erklärung: „Insulin steuert nicht nur den Glukosestoffwechsel, sondern beeinflusst auch proliferative Signalwege wie den MAPK-Path­way.“ Dies könne das Karzinomrisiko bei Typ-2-Diabetes zusätzlich erhöhen. Doch auch umgekehrte Assoziationen sind bekannt: So erhöht eine Hypothyreose das Risiko für Typ-2-Diabetes: Zwei Metaanalysen zeigen ein Plus von etwa 30 %.Bei Typ-1-Diabetes sind TPO-Antikörper ein entscheidender Prädiktor für eine spätere Hypothyreose bzw. Hashimoto-Thyreoiditis. Nach 18 Jahren seien nur 20 % der Betroffenen euthyreot, so Prof. Müssig. Thyreotoxische Krisen infolge eines Morbus Basedow können den Glukosestoffwechsel ebenfalls massiv destabilisieren. Die hormonellen Verflechtungen sind komplex. „Hyper- und Hypothyreose reduzieren beide die Insulinsensitivität, wirken aber unterschiedlich auf die Insulinsekretion“, betonte Prof. Müssig. Während bei einer Hyperthyreose die Insulinsekretion vermindert und die hepatische Glukoseproduktion erhöht ist, verhält es sich bei einer Hypothyreose genau umgekehrt.Mit Blick auf die klinischen Konsequenzen erklärte Prof. Müssig: „Bei Hashimoto sinken renale Insulin-Clearance und Glukoneogenese. Damit verringert sich auch der Insulinbedarf, die Insulindosis muss angepasst werden.“ Bei einer Hyperthyreose hingegen steigen hepatische Glukoseproduktion und Glykolyse: Hyperinsulinämie, Insulinresistenz und gestörte Glukosetoleranz sind die Folge. Seine zentrale Botschaft lautete daher: „Bei unerklärlichen Glukoseverläufen sollte man immer auch an die Schilddrüse denken und entsprechende Untersuchungen veranlassen.“

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