Gender Gap und Medical Gaslighting bei Diabetes

Warum es Frauen mit Diabetes besonders schwer haben

Online-Pressekonferenz des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e. V.
|Erschienen am: 
|Lesezeit: 3 Min
Ein Gestationsdiabetes verschwindet zwar häufig nach der Entbindung. Das Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes ist jedoch deutlich erhöht.

Die Diabetestherapie von Frauen hat Schwachstellen: Moderne Medikamente werden seltener verordnet, hormonelle Phasen zu wenig beachtet und Beschwerden nicht immer ernst genommen.

Es gebe zwei Probleme bei der Diabetestherapie von Frauen, erklärte Prof. Dr. Susanne Reger-Tan, Ruhr-Universität Bochum: Zum einen den Gender Data Gap, d. h. dass Frauen in Studien unterrepräsentiert sind, zum anderen den Gender Health Gap, der besagt, dass Patientinnen anders und oft schlechter behandelt werden. Die Diabetologin erwähnte eine Studie, an der sie selbst mitgewirkt hatte. In dieser wurden Daten von fast 20.000 Menschen mit Typ‑2‑Diabetes sowie einer Herz-, Gefäß- oder Nierenerkrankung ausgewertet. Frauen erhielten um ein Drittel seltener SGLT2-Hemmer oder GLP1-Rezeptoragonisten.

Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom mit einem vierfach erhöhten Risiko für Diabetes verbunden

Die Patientinnen seien zudem diversen hormonellen Veränderungen im Laufe ihres Lebens ausgesetzt, die Einfluss auf den Diabetes haben. Sie nannte das polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (früher polyzystisches Ovarsyndrom), unter dem jede achte Frau leidet und das mit einem vierfach erhöhten Risiko für einen Typ-2-Diabetes verbunden ist. Trotzdem bleibt diese Krankheit bei 70 % der Betroffenen unerkannt, so Prof. Reger-Tan.

Auch der normale Menstruationszyklus sorgt für Probleme. In der Lutealphase kann der Insulinbedarf um bis zu 15 % steigen. Dieser Umstand wird bei Insulinpumpen mit automatischer Dosierung nicht berücksichtigt. Die Frauen müssen manuell nachsteuern. Schließlich haben auch die Wechseljahre ihre Tücken. Östrogen und Progesteron schwanken unvorhersehbar und damit die Glukose. Zudem können Betroffene Hypoglykämien fälschlich als Hitzewallungen deuten – und behandeln sie dann nicht.

Gestationsdiabetes: Nachsorge mit Lücken

Ein Gestationsdiabetes verschwindet zwar häufig nach der Entbindung. Das Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes ist jedoch deutlich erhöht, erklärte Dr. Judith Scholler-Sachs von der Diabetes Schwerpunktpraxis in Hückelhoven. Dennoch nehmen nur 40 % der Frauen den empfohlenen oralen Glukosetoleranztest sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt wahr. Außerdem fehlt es an strukturierter Lebensstilberatung, bemängelte Dr. Scholler-Sachs, sowie an gesellschaftlicher Aufklärung, was Präventionsmaßnahmen und die familiäre Unterstützung angeht.

Nach der Geburt eines Kindes bleiben in einer heterosexuellen Beziehung die Haushalts- und Sorgeaufgaben hauptsächlich an der Frau hängen, beklagte Laura Klinker, Psychologin am Diabetes Zentrum Bad Mergentheim. Wenn dann noch ein Diabetes dazukommt, leiden Frauen womöglich an dieser Mehrfachbelastung. Studien konnten zeigen, dass Frauen mit Diabetes höhere diabetesassoziierte Belastungen, mehr diabetesbezogene Stigmatisierung und geringere Lebensqualität aufweisen als die männlichen Patienten.

Was ist Medical Gaslighting?

Darüber hinaus werden Frauen mit Diabetes häufig nicht ernst genommen, betonte Theresia Schoppe, Ökotrophologin am Diabetes Zentrum Bad Mergentheim. Medical Gaslighting wird es genannt, wenn Symptome relativiert oder als stressbedingt, psychisch oder hormonell abgetan werden. Auf diese Weise würden Diagnosen verzögert und Therapien weniger konsequent eingeleitet. Dabei tragen Frauen mit Diabetes oft ein höheres Risiko für Folgeerkrankungen.

Eine Diabetesberatung dient nicht nur dazu, Werte zu erklären, heißt es in der Pressemitteilung des VDBD*. Sie könne helfen, Muster zu erkennen und Frauen in Lebensphasen zu begleiten, in denen der Diabetes plötzlich neue Regeln schreibt.

* Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e. V.

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert ist approbierte Ärztin mit Berufserfahrung im Medizinbereich (Kinderklinik und Praxen niedergelassener Pädiater und Allgemeinärztinnen/Allgemeinärzte). Seit 2024 als freie Autorin tätig.

Das könnte Sie auch interessieren