Globale Herausforderung Diabetes

Wie Diabetesprävention im Ausland funktioniert

Veranstaltungsbericht
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Viele Länder reagieren auf den Diabetesanstieg mit früher Prävention, klaren Regeln und einer stärkeren Public-Health-Perspektive.

Während Europa beim Thema Diabetes vor allem über bessere Versorgung spricht, wird in anderen Teilen der Welt verstärkt auf präventive Maßnahmen gesetzt. Deutschland könnte von diesen Ländern für die Diabetespolitik einiges lernen.

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Diabetes ist längst mehr als eine medizinische Herausforderung. Für Prof. Dr. Peter Schwarz, Präsident der International Diabetes Federation, ist die Erkrankung auch ein Prüfstein dafür, wie Gesundheitssysteme Prävention, Versorgung und Public Health miteinander verbinden. Weltweit gebe es kein Land, das bereits ein ideales System für Menschen mit Diabetes etabliert habe, sagte er beim Netzwerktreffen der Diabetes Allianz Rheinland-Pfalz, das unter dem Themenschwerpunkt „Wissen, Möglichkeiten und Grenzen früher Prävention am Beispiel von Diabetes mellitus“ stattfand. Gerade deshalb lohne der Blick über nationale Grenzen hinweg.

Europa habe im internationalen Vergleich kein Versorgungsproblem im engeren Sinn, betonte Prof. Schwarz. In Deutschland hätten Menschen mit Diabetes grundsätzlich Zugang zu einer Behandlung. In vielen Teilen der Welt sehe das ganz anders aus. Nur ein kleiner Teil der Menschen mit Diabetes weltweit verfüge über eine Krankenversicherung, die die Erkrankung abdecke. In Staaten mit hohen Eigenzahlungen entstünden deshalb andere Versorgungsmodelle, die teils schneller, pragmatischer und stärker digital ausgerichtet seien.

Bangladesch und Sri Lanka als Präventionsvorbilder

Als Beispiele nannte Prof. Schwarz Bangladesch und Sri Lanka. Bangladesch habe digitale, evidenzbasierte Präventionsprogramme entwickelt, die Patientinnen und Patienten über das Smartphone erreichten und mit sehr geringen Kosten auskämen. Sri Lanka wiederum habe ein nationales Präventionsprogramm als Ergänzung zur bestehenden Therapie aufgebaut. Solche Modelle könnten auch für Europa relevant sein. Nicht, weil sie eins zu eins übertragbar seien, sondern weil sie zeigten, dass Prävention näher an den Alltag der Menschen rücken müsse.

Die größten Zuwächse erwartet der Mediziner in Südostasien und Afrika. Dort seien Gesundheitssysteme zunehmend damit konfrontiert, dass Einrichtungen, die bislang vor allem Infektionskrankheiten behandelten, plötzlich auch viele Patientinnen und Patienten mit chronischen Stoffwechselerkrankungen versorgen müssten. Es fehle oft nicht an Infrastruktur, sondern an Ausbildung, Konzepten und politischen Strategien für nichtübertragbare Erkrankungen.

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Prof. Dr. Peter Schwarz, Präsident der International Diabetes Federation.

Prävention muss früher beginnen

Nach Ansicht von Prof. Schwarz setzen heutige Systeme zu spät an. Diabetes werde meist erst diagnostiziert und behandelt, wenn die Hyperglykämie bereits seit Jahren bestehe. Die pathophysiologischen Prozesse begännen jedoch deutlich früher. Besonders die Verfettung der Leber sieht der Diabetologe als zentralen Ansatzpunkt. Sie sei inzwischen auch international stärker in den Fokus gerückt, weil sie mit Adipositas, kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes zusammenhänge.

Gesundheitspolitisch bedeute das, Prävention nicht als getrennten Bereich neben der Versorgung zu behandeln. Vielmehr müsse sie Teil einer lebensphasenorientierten Gesundheitsstrategie werden. Dazu gehörten Bewegung, Ernährung, städtische Planung, Bildung und regulatorische Maßnahmen.

Pakistan setzt auf hohe Zuckersteuer

Einige Länder gingen bei der Prävention bereits deutlich weiter als Deutschland. Pakistan habe beispielsweise hohe Steuern auf gesüßte Getränke eingeführt sowie auf Produkte mit Zuckerersatzstoffen. Zudem dürften im Umfeld von Schulen keine frittierten Kohlenhydrate verkauft werden. Auch Mexiko, Ecuador und mehrere Golfstaaten hätten gesundheitspolitische Maßnahmen entwickelt, um Risikofaktoren stärker zu begrenzen.

Prof. Schwarz plädierte dafür, Prävention breiter zu denken. Neben Ernährung und Bewegung gehöre auch Luftverschmutzung dazu. Feinstaub und andere Partikel könnten nach seiner Darstellung Stoffwechselprozesse beeinflussen und zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen. In Regionen mit hoher Luftbelastung werde dies zu einem relevanten Diabetesrisiko. In Mumbai sei Luftverschmutzung z. B. die Hauptursache für die Entstehung von Diabetes.

Politische Aufgabe statt Einzelappell

Diabetesprävention dürfe deshalb nicht allein an die Eigenverantwortung einzelner Patientinnen und Patienten delegiert werden. Zwar bleibe Bewegung ein zentraler Faktor. Schon mehr Alltagsaktivität könne den postprandialen Blutzucker deutlich senken. Entscheidend sei aber, ob Politik und Gesellschaft Bedingungen schafften, die gesünderes Verhalten erleichterten.

Prof. Schwarz warb dafür, Versorgung neu zu denken: ganzheitlich, interdisziplinär und international lernfähig. Gerade Länder mit begrenzten Ressourcen könnten zeigen, wie wirksam digitale Ansätze, klare Public-Health-Regeln und früh ansetzende Prävention sein können. Für Deutschland bedeute das vor allem, Diabetes nicht erst am Ende der Krankheitsentwicklung zu behandeln, sondern wesentlich früher zu handeln.

Jan Helfrich

Jan Helfrich

Redaktion Medical Tribune
Nach Abschluss seines Studiums der Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg zog Jan Helfrich 2022 nach Mainz. Im Anschluss an erste berufliche Erfahrungen im Bereich der tagesaktuellen Medien trat er im September 2024 sein Redaktionsvolontariat bei der Medical Tribune im Ressort Politik & Management an. Parallel zu seiner redaktionellen Arbeit im Print-Bereich ist er als Mitglied des Social-Media-Teams tätig.

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