Masern in Deutschland: WHO erkennt Elimination für 2024 nicht an
2022 und 2023 schien Deutschland beim Ziel „masernfrei“ auf Kurs. Doch die WHO erkannte die Daten für 2024 nicht als Beleg für die Masernelimination an. Der geforderte Dreijahreszeitraum wurde verfehlt, und die Zählung musste neu beginnen.
In den Jahren 2022 und 2023 sah es noch gut aus für die Einhaltung des Ziels „Deutschland ist masernfrei“. Doch für 2024 hatte die WHO Einwände bezüglich der Daten zur Virusaktivität. Der geforderte Dreijahreszeitraum der Masernelimination wurde somit verfehlt, die Zählung musste neu beginnen.
Masernfrei bedeutet nicht etwa, dass kein einziger Masernfall mehr auftreten darf. Verlangt wird vielmehr eine Unterbrechung der endemischen Transmission des Virus, schreiben Prof. Dr. Annette Mankertz, Robert Koch-Institut, und ihre Kolleginnen. Übertragungsketten, die durch einen Virusimport in einer Region entstanden sind, müssen also frühzeitig erkannt und unterbrochen werden.
Laut Definition der WHO darf über einen Zeitraum von drei Jahren keine Virusvariante länger als zwölf Monate kontinuierlich zirkulieren. Als Grundvoraussetzung dafür wird eine Immunität in der Bevölkerung von mindestens 95 % angenommen. Zuständig für die Überwachung der Masernvirusaktivität in Deutschland ist die Nationale Verifizierungskommission Masern/Röteln (NAVKO) am Robert Koch-Institut. Das Gremium bewertet das Ziel „masernfrei“ schon seit 2019 als erfüllt. Für die Jahre 2022 und 2023 kommt die WHO zu demselben Ergebnis, nicht aber für 2024.
Mehrere Virusimporte lösten kürzere Infektionsketten aus
In diesem Jahr wurden in Deutschland 645 Masernfälle gemeldet. Hauptsächlich hat man die Sequenzvariante D8-5963 gefunden. Es kam zu mehreren kurzen Infektionsketten. Die Übertragungen brachen jeweils nach kurzer Zeit ab. Aufgrund von Analysen des gesamten Genoms kamen die Expertinnen und Experten zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine durchgehende Transmission, sondern um mehrere Virusimporte von miteinander eng verwandten Varianten handelte. Zudem ereignete sich ein regional begrenzter Ausbruch durch eine ähnliche, aber doch klar von D8-5963 abgrenzbare Variante. Die NAVKO wertete dies als separaten Import ohne relevante Weiterverbreitung. Ihrer Meinung nach lag auch für 2024 keine endemische Maserntransmission vor. Die WHO sah das diesmal anders und bemängelte Datenlücken hinsichtlich der Exposition und der molekularen Charakterisierung. Ihr Fazit: Ziel verfehlt.
Seit dem Jahr 2025 muss daher erneut bis drei gezählt werden. Für 2025 ist die NAVKO optimistisch, den WHO-Forderungen zu entsprechen. Auch momentan sieht es gut aus: Die Fallzahlen sind niedrig, die Immunität ist hoch. Um nicht wieder an Datenlücken zu scheitern, muss jeder Fall erfasst werden, betonen die Autorinnen. Sie fordern die Ärztinnen und Ärzte daher auf, bei allen Masernverdachtsfällen Rachenabstriche zu entnehmen und zur Sequenzierung einzuschicken.
Impfung schützt auch vor schweren Komplikationen
Davon abgesehen sind auch die Impfquoten noch ausbaufähig. Insbesondere für die zweite Masern-Mumps-Röteln-Impfung ist die Quote zu niedrig und liegt für zweijährige Kinder des Geburtsjahrgangs 2022 nur bei 78 %. Ungeimpfte Kleinkinder, vor allem bis zwei Jahre, sind besonders häufig von Maserninfektionen betroffen. Die Impfung beugt zudem gefürchteten Komplikationen wie Enzephalitis und subakuter sklerosierender Panenzephalitis vor. Durch die Kombination mit dem Mumps- und dem Rötelnimpfstoff kann man zudem Ertaubungen nach Mumps und Fehlbildungen bei Neugeborenen durch eine Rötelninfektion der Mutter verhindern. Seit 2017 besitzt Deutschland bereits den Status „rötelnfrei“. „Masernfrei“ wird hoffentlich bald wieder folgen.
Mankertz A et al. Epid Bull 2026; 20: 4-7; doi: 10.25646/14186