Was Mann und Frau von einem gesünderen Lebensstil abhält
Obwohl Präventionsangebote zu Änderungen des Lebensstils hierzulande leicht zugänglich sind, bleibt die Teilnahmerate niedrig. Geschlechtsspezifische Hürden wie eine unterschiedlichen Risikowahrnehmung und familiäre Verpflichtungen spielen dabei eine Rolle.
Jedes zusätzliche Gesundheitsverhalten bringt weitere Lebensjahre, betonte Prof. Dr. Gertraud Stadler von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Laut Daten des US-amerikanischen Veteran Affairs Boston Healthcare System können Frauen bis zu 20 Jahre und Männer bis zu 24 Jahre gewinnen, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen konsequent umsetzen:
regelmäßige Bewegung
gesunde Ernährung
ausreichender Schlaf
Verzicht auf illegale Drogen und Medikamentenmissbrauch
Nikotinfreiheit
seltener Alkoholkonsum
mentale Gesundheit/Stressmanagement
Pflege von sozialen Beziehungen
Wer hingegen keinen dieser Lebensstilfaktoren berücksichtigt, erreicht im Schnitt nur ein Alter von 67 Jahren (Frauen) bzw. 63 Jahren (Männer).
Trotz der bekannten positiven Effekte der genannten Verhaltensweisen ist die Teilnahmerate an präventiven Angeboten in Deutschland noch unzureichend. Laut der COVIMO-Studie nehmen mehr als die Hälfte der Frauen und fast drei Viertel der Männer grundsätzlich keines solcher Programme in Anspruch.
Dass Männer Präventionsmöglichkeiten deutlich seltener nutzen, spiegelt sich auch in der Zusammensetzung von Kursen zur Gesundheitserhaltung wider: Bei Programmen zum Stressmanagement stellen Frauen durchschnittlich 84 % der Teilnehmenden, bei Bewegungs- oder Ernährungskursen 77 % und bei Angeboten gegen den Suchtmittelgebrauch 58 %. Besonders Letzteres sei überraschend, denn unter den Drogenkonsumierenden fänden sich wesentlich mehr Männer, so die Referentin.
Geschlechtsspezifische Aspekte beeinflussen, warum Präventionsangebote nicht genutzt werden. So spielt bei Männern eine geringere Risikowahrnehmung eine Rolle. Übergewicht wird zudem häufiger als normal angesehen und viele Programme gelten als „unattraktiv“ oder „unmännlich“, erklärte Prof. Stadler. Bei Frauen hingegen stehen familiäre Verpflichtungen im Vordergrund. Sie leisten deutlich mehr Haus- und Sorgearbeit, was zu einer hohen Mehrfachbelastung führt. Dieser Effekt ist umso stärker bei Frauen mit niedrigeren sozialen und finanziellen Ressourcen, die sich oftmals keine Unterstützung bei Hausarbeit oder Kinderbetreuung leisten könnten, so die Expertin. Bewegungsmangel tritt bei Frauen außerdem häufiger auf als bei Männern.
Abnehmkurse mit Bewegung sprechen Männer eher an
Wie sich diese Zugangsbarrieren überwinden und mehr Menschen erreichen lassen, erklärte Prof. Stadler ausführlich in einem Interview, das sie der Medical Tribune im Anschluss an ihren Vortrag gab (siehe QR-Code). Sie betonte, dass bisherige Kursangebote noch immer stark auf Frauen ausgerichtet seien und es daher gezieltere Angebote für Männer brauche. Programme zur Gewichtsabnahme sollten beispielsweise eine Bewegungskomponente enthalten, da das die Akzeptanz bei Männern erhöhe. Als gelungenes Beispiel, um Sportangebote attraktiver zu gestalten, nannte sie die Initiative „Fußballfans im Training“, die sich an Frauen und Männer mit Übergewicht oder Adipositas richtet. Die Teilnehmenden werden über gesunde Lebensstilfaktoren aufgeklärt und können dort Sport treiben, wo u. a. ihr Lieblingsverein spielt.1 Es brauche noch viel mehr derartige Konzepte, sagte Prof. Stadler.
Prävention beginnt im Kindesalter
Immer mehr Kinder und Jugendliche greifen zur E-Zigarette – die Verdampfer sind mittlerweile beliebter als klassische Zigaretten oder Shishas. Jeder vierte junge Mensch zwischen 9 und 17 Jahren hat bereits E-Zigaretten ausprobiert, jeder fünfte Tabak geraucht. Besonders gefährdet sind Schülerinnen und Schüler mit niedrigem sozioökonomischem Status. Sie weisen eine deutlich höhere Nikotinerfahrungsrate auf als Gleichaltrige aus besser gestellten Verhältnissen.
Dass es auch bei den Motiven für das Rauchen geschlechtsspezifische Unterschiede gibt, zeigt eine Studie aus der Arbeitsgruppe von Prof. Stadler. Dafür wurden Kinder aus der fünften Klasse an 42 Berliner Schulen in sozial benachteiligten Bezirken befragt. Mädchen und nichtbinäre Kinder gaben häufiger an, mit dem Rauchen Stress bewältigen zu wollen – sie waren zudem durchschnittlich stärker von Stress, Angst und depressiven Symptomen betroffen als Jungen. Bei Jungen hingegen stand der soziale Status in der Peergroup im Vordergrund.
Bei Menschen mit geringerem sozioökonomischem Status erschweren insbesondere Zeitnot und eingeschränkte Ressourcen die Teilnahme an Präventionsmaßnahmen. Daher seien für diese Gruppe wohnortnahe, niedrigschwellige Programme wichtig, erklärt die Expertin im Interview. Auch Initiativen am Arbeitsplatz können dabei helfen, diese Zielgruppe besser zu erreichen.
Jeder Patientenkontakt bietet sich zur Motivation an
Auf gesellschaftlicher Ebene plädierte Prof. Stadler zudem für ein Verbot von Aromen in E-Zigaretten. Denn der süße Geschmack verschleiere die Gefahren dieser Produkte. Das gelte besonders für Kinder und Jugendliche, die auf diese Weise früh eine Nikotinabhängigkeit entwickeln können (siehe Kasten).
Ärztinnen und Ärzte spielen der Expertin zufolge eine wichtige Rolle darin, Menschen zur Wahrnehmung von Präventionsangeboten zu motivieren: Jeder medizinische Kontakt bietet die Gelegenheit zu einem Gespräch über das Thema. Im Idealfall sollten Kolleginnen und Kollegen immer wieder für die Gesundheit relevante Themen wie Bewegung, Ernährung, Stress, Alkohol- und Nikotinkonsum in die Anamnese aufnehmen und auf entsprechende Angebote verweisen, erklärte Prof. Stadler im Interview.