ePROs verbessern Kommunikation und Versorgung
Elektronische Patient Reported Outcomes (ePROs) verbessern Kommunikation, Symptommanagement und Lebensqualität in der Onkologie. Laut Dr. Christina Sauer sind sie ein Schlüssel für patient:innenzentrierte und effizientere Versorgung.
Digitale Interventionen können psychische Belastungen wie Distress, Angst und Depressionen ebenso reduzieren wie Fatigue und Schmerzen. Sie verbessern zudem Lebensqualität, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und die Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen. Das alles wurde in systematischen Reviews und Meta-Analysen gezeigt, wie PD Dr. phil. Christina Sauer vom Universitätsklinikum Heidelberg beim 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin vorstellte.
Digitale Angebote unterstützen, ersetzen aber nicht die persönliche Betreuung
Die Referentin verwies auf die S3-Leitlinie Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatient*innen, um zu verdeutlichen, dass allen Patient:innen solche digitalen Anwendungen angeboten werden sollten. Die Leitlinie beinhaltet seit 2023 folgende Empfehlungen zu psychoonkologischen E-Health-Interventionen:
Psychoonkologische E-Health-Interventionen sollten Krebspatient:innen unabhängig vom Belastungsgrad zur Verbesserung der Lebensqualität angeboten werden (Empfehlungsgrad B, Level of Evidence 1a).
Psychoonkologische E-Health-Interventionen können Krebspatient:innen unabhängig vom Belastungsgrad zur Reduktion von psychischer Belastung, Depressivität, Angst und Fatigue angeboten werden (Empfehlungsgrad 0, Level of Evidence 1a).
Die Studienlage zur Wirksamkeit psychoonkologischer E-Health-Interventionen zur Reduktion von Schmerz und sexuellen Funktionsstörungen bei Krebspatient:innen lässt keine Empfehlung für oder gegen den Einsatz bei diesen Beschwerden zu (Level of Evidence 1b).
„Es geht hier nicht darum, das Face-to-Face-Angebot zu ersetzen, sondern es geht darum, dies zu ergänzen, Informationen zu vermitteln und ein weiteres Angebot zur Verfügung zu stellen“, betonte Dr. Sauer.
Was sind digitale Interventionen bzw. eHealth?
Wie Dr. Sauer erläuterte, gibt das Bundesgesundheitsministerium folgende Definition: Unter E-Health werden Anwendungen zusammengefasst, die zur Unterstützung der Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten die Möglichkeiten nutzen, die moderne, digitale Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) bieten.
„Das ist ein sehr breiter Begriff“, ordnete die Psychologin die Defintion ein. Dieser umfasst sowohl die elektronische Infrastruktur als auch die digitale Patientenakte oder das E-Rezept. Es seien aber auch die digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) mit gemeint.
Welche klinischen Parameter lassen sich durch digitales Symptomtracking optimieren?
Die Expertin verwies besonders auf das Symptomtracking und die Erfassung von elektronischen Patient Reported Outcomes (ePROs). Zahlreiche Untersuchungen veranschaulichen, dass mit diesen ePROs eine bessere Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen erreicht werden kann und damit einhergehend eine bessere Versorgung, sprich eine höhere Lebensqualität, ein besseres Symptommanagement und ein längeres Überleben.
Darüber hinaus kann Fachpersonal unter Berücksichtigung der ePROs Therapieentscheidungen gezielter an individuellen Bedürfnissen ausrichten und so die patient:innenzentrierte Versorgung optimieren. Nicht zuletzt profitiere die Früherkennung durch schneller erkannte Verschlechterungen und eine dadurch verringerte Zahl von Notaufnahmen. „Effizienz und Datenqualität können durch die regelmäßige Erfassung von Symptomen verbessert werden“, fügte die Referentin abschließend an.
Praxisbeispiel: SOFIA-Studie
Dr. Sauer stellte die SOFIA-Studie vor, in der sie und ihr Team eine App mit zwei Elementen entwickelten:
eine Monitoring-Komponente (Erhebung von ePROs) und
eine Coaching-Komponente (Bereitstellung von unterstützenden Informationen).
Diese Anwendung stand Patient:innen zur Verfügung, die eine Therapie mit Immuncheckpoint-Inhibitoren erhielten.
Im Monitoring-Teil gaben die Patient:innen zweimal wöchentlich Feedback zu auftretenden Nebenwirkungen der Therapie (11 körperliche, 3—8 psychische). „Wenn ein bestimmter Grenzwert überschritten war, bekamen die Patient:innen eine Nachricht, dass sie sich am NCT in Heidelberg bzw. am Wochenende in der Notaufnahme melden sollten“, so die Expertin.
Vor dem nächsten Artzgespräch hat der oder die Behandelnde einen Verlaufsbogen mit den angegebenen Symptomen zur Verfügung gestellt bekommen, um die Angaben im Verlauf einzuordnen.
Im Coaching-Teil der App konnten die Patient:innen auf zahlreiche validierte Informationen, Artikel und Videos u. a. zu Krankheitsverarbeitung, Umgang mit Angst usw. zugreifen. Außerdem hatten die Nutzenden Zugriff auf die Inhalte der Mika-App.
Evaluation: Akzeptanz und Wirksamkeit der App-Nutzung
Wie Dr. Sauer erinnerte, wurde die App innerhalb der randomisiert-kontrollierten Pilotstudie bereits evaluiert. Die vorläufige Wirksamkeitsanalyse legte offen, dass eine verbesserte Lebensqualität sowie eine verringerte Angst und Depressivität im Vergleich von Prä- und Post-Messpunkt in der Interventionsgruppe erreicht wurde.
Die Ergebnisse zeigen eine sehr gute Akzeptanz und Machbarkeit bei den Patient:innen.
91 % der geforderten ePRO-Eingaben wurden getätigt. „Das zeigt eine sehr gute Akzeptanz und Machbarkeit bei den Patient:innen“, ordnete die Referentin die Ergebnisse ein. Über 80 % der Teilnehmenden hatten berichtet, dass ihnen die Eingabe der ePROs geholfen hat, sich an Nebenwirkungen zu erinnern. Fast alle Patient:innen würden die App weiterempfehlen und die ePRO-Erfassung gerne auch außerhalb der Studie weiterführen.
Ein Kritikpunkt: Die Erkrankten wünschten sich in der App-Gestaltung mehr Flexibilität. Zudem gaben mehr als 60 % an, dass Ärzt:innen die eingegebenen Werte im folgenden Arztgespräch zu selten aufgriffen.
Passend dazu hatte Dr. Sauer einen Hinweis aus der Hauptstudie mitgebracht. Darin hatten mehr als die Hälfte der Ärzt:innen angegeben, dass sie einen Nutzen im ePRO-Assessment sehen. Im Widerspruch dazu integrierten aber 65 % selten oder nie das Monitoring.
„Hier gab es also eine Lücke bzw. Unsicherheiten, wie man das Monitoring integrieren kann“, schlussfolgerte die Psychologin. „Wir müssen die Ärzt:innen besser schulen, wie die Maßnahmen gut in den klinischen Alltag integriert werden können.“
Welche DiGA sind in der Onkologie zugelassen?
In der Onkologie sind aktuell zwei digitale Gesundheitsanwendungen zugelassen:
PINK! Coach für Brustkrebspatient:innen, die Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit fokussiert
Untire® für Brustkrebspatient:innen zur Reduktion der Fatiguesymptomatik
Bis vor Kurzem war auch noch eine Anwendung für Erkrankte mit Prostatakarzinom zugelassen. Sie diente zum Training des Beckenbodens, um die Harnkontinenz nach der Operation schneller wiederherzustellen. „Diese App wurde aber vor einem Monat aus dem Verzeichnis wieder herausgenommen“, so die Heidelberger Expertin. Ihr Beispiel unterstreicht, wie schnelllebig sich der DiGA-Markt entwickelt.
„Wenn Sie in den App-Store gehen und dort das Stichwort Onkologie oder Psychoonkologie eingeben, werden Ihnen so einige Apps angezeigt“, sagte Dr. Sauer zum gesamten digitalen Angebot. Um Behandelnden einen einordnenden Überblick zu geben, hat die Arbeitsgruppe E-Health der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft eine Broschüre herausgegeben.
Zusammengefasst sind Informationen zur Wissenschaftlichkeit der jeweiligen Angebote, Evaluationen oder auch Datenschutzkriterien. Noch in diesem Jahr soll eine aktualisierte Fassung der Broschüre erscheinen.
Sauer C. 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin; Vortrag „Symptomtracking als Möglichkeit der psychosozialen Unterstützung“