Gehört ein geriatrisches Assessment ins Tumorboard?
Ob Ergebnisse des geriatrischen Assessments im Tumorboard diskutiert werden und in Therapieentscheidungen für ältere Krebserkrankte einfließen sollten, darüber gehen die Meinungen in der klinischen Onkologie auseinander. Auch beim Deutschen Krebskongress wurde die Frage kontrovers diskutiert.
Pro: Präzise und patient:innenorientierte Therapieentscheidungen
PD Dr. Barbara Deschler-Baier, Universitätsklinikum Würzburg, setzte sich in ihrem Vortrag dafür ein, Parameter des Geriatrischen Assessments (GA) bei älteren onkologischen Patient:innen systematisch in interdisziplinäre Tumorboards zu implementieren.1 Ein solcher Ansatz sei patient:innenzentriert und verbessere Therapieentscheidungen sowie den Behandlungsverlauf. Die Expertin bemängelte, dass herkömmliche Tumorboards häufig tumororientiert seien, sich allein am chronologischen Alter der Erkrankten orientierten und Vulnerabilität unzureichend abbildeten. Dadurch könne es sowohl zu Über- als auch Untertherapien kommen. Das GA als „multidimensionales, strukturiertes Instrument“, das sich zudem schnell und einfach erfassen lasse, orientiere sich dagegen am biologischen Alter der Betroffenen und ermögliche eine fundierte Risikostratifizierung. Dr. Deschler-Baier bilanzierte: „GA ist kein geriatrischer Luxus und auch kein Altersdiskriminierungsinstrument.“
Studien zufolge führe das GA in 30–50 % der Fälle zu geänderten Therapieempfehlungen, sowohl im Hinblick auf die Intensität der Behandlung (in beide Richtungen) als auch auf den Einsatz supportiver Maßnahmen, so Dr. Deschler-Baier. „Die Tumorboards werden präziser, nicht zwangsläufig defensiver.“ Zudem habe sich in Untersuchungen gezeigt, dass Entscheidungen auf Basis eines GA weniger Hospitalisierungen und eine bessere Therapieadhärenz nach sich ziehen. „Wir bekommen nicht weniger Therapie, sondern eine bessere Therapie, die länger durchgeführt werden kann“, argumentierte die Expertin. Da der Erhalt von Autonomie und Lebensqualität für ältere Erkrankte oft wichtiger sei als das reine Überleben, mache GA nicht zuletzt patient:innenrelevante Endpunkte im Tumorboard besser sichtbar.
Pilotprojekt in Würzburg
Im Pilotprojekt GOBI (Geriatrisch-onkologische Behandlung und Intervention) am Universitätsklinikum Würzburg evaluiert Dr. Deschler-Baiers Team bei älteren Erkrankten (n = 46; medianes Alter 82 Jahre) mit überwiegend fortgeschrittenen urologischen Tumoren die Einbindung des GA ins Tumorboard. In 86 % der Fälle orientierte sich das Tumorboard an den GA-Empfehlungen; die klinische Adhärenz der Tumorboard-Empfehlungen betrug 95 %. Anhand einzelner Fälle erläuterte die Expertin, wie GA im Tumorboard zu anderen Behandlungsempfehlungen führte als die ursprüngliche Einschätzung. Aktuell befindet sich das Projekt in Auswertung; Ergebnisse sollen in Kürze vorliegen.
Contra: Keine Evidenz für Nutzen des GA im Tumorboard
Nach Ansicht von Prof. Dr. Gunnar Folprecht, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, hilft ein GA hingegen nicht relevant bei der Therapieentscheidung im Tumorboard. Ein GA liefere häufig Aussagen zur Toxizität, aber nicht zum Nutzen einer Therapie, und damit auch nicht zum Nutzen-Risiko-Verhältnis. Seiner Meinung nach führe der Einschluss des GA häufig zu „früh-palliativer Therapie“.
Der Diskutant führte die Daten einer Fallvignetten-basierten Studie unter medizinischen Onkolog:innen an. Darin hatten 70 Onkolog:innen Therapieempfehlungen für Erkrankte mit gastrointestinalen Tumoren in drei Stufen abgegeben: zunächst basierend auf Tumordaten eines „50‑jährigen Standardfalls“, anschließend für dieselben Fälle als ältere Patient:innen mit Komorbiditäten (median 77,5 Jahre) in einer fiktiven Konsultation samt Laborwerten und Video, und schließlich nach Vorlage eines vollständigen GA.2
Insgesamt analysierten die Verantwortlichen 164 Empfehlungen. Die Ratschläge zeigten bei älteren Patient:innen eine signifikant höhere Varianz als bei den „Standardfällen“ (944 vs. 602; p < 0,0001) – ein Hinweis auf eine geringere Übereinstimmung zwischen den Onkolog:innen. Die Kenntnis der GA-Ergebnisse hatte nur einen minimalen Einfluss auf die Empfehlungen oder deren Varianz (944 vs. 940; p = 0,92). Die geriatrischen Instrumente wurden zudem etwa doppelt so häufig als „bedeutsam“ (53 %) und „für die präsentierten Fälle nützlich“ (49 %) bewertet, wie sie tatsächlich „in der klinischen Praxis genutzt“ werden (19 %).
Die höhere Varianz legt laut Prof. Folprecht nahe, dass ältere Patient:innen seltener eine optimale Empfehlung erhalten. Aufgrund dieser Daten und auch seiner klinischen Erfahrung sieht er aktuell „keine Evidenz für ein verpflichtendes GA im Tumorboard“.1
1. Deschler-Baier B, Folprecht G.. 37. Deutscher Krebskongress; Debatte „Gehören die Ergebnisse des geriatrischen Assessments in das Tumorboard?“
2. Büttelmann L et al. ESMO Open 2023; 8: 100761.