Wenn der sozioökonomische Status die Diagnose verzögert
Bei Krebskranken mit niedrigem sozioökonomischem Status können finanzielle Engpässe und Wissensdefizite zu Scham führen – und dazu, dass Betroffene Termine meiden. Wie man auch diese Patient:innen einfühlsam erreichen kann, erklärte Dr. Steffen Wagner.
Menschen mit niedrigem Sozialstatus erkranken im Schnitt sieben Jahre früher und werden häufiger in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert. Ihre Überlebensrate ist somit auch deutlich geringer. Die Ursachen liegen zum einen in Lebensstilfaktoren. So rauchen Menschen aus sozial benachteiligten Regionen häufiger und ernähren sich oft schlechter. Zum anderen spielt das Gefühl von Scham eine Rolle. Die Patient:innen wollen nicht zum/zur Bittsteller:in werden, sagte Dr. Steffen Wagner von der Praxis Frauenärzte Saarbrücken-West.
Betroffene fürchten, als unwissend dazustehen, wenn sie Fachtermini nicht verstehen
So schämen sich Betroffene mitunter, wenn sie sich Zuzahlungen, Anfahrtskosten oder eine gesunde Ernährung nicht leisten können. Im Gespräch mit Ärzt:innen fürchten manche, aufgrund ihrer Kleidung oder Herkunft verurteilt zu werden oder als unwissend dazustehen, wenn sie Fachbegriffe nicht kennen. Insbesondere bei tabakassoziierten Tumoren kann zudem der Gedanke, die Erkrankung durch einen falschen Lebensstil selbst verschuldet zu haben, zum Schamgefühl beitragen.
Diese inneren Barrieren führen dazu, dass Betroffene Termine versäumen und sich während des Gesprächs zurückhalten – obwohl sie eigentlich Fragen hätten. Im Videointerview mit der Medical Tribune erklärte Dr. Wagner, wie es gelingt, auch diese Patient:innen einfühlsam abzuholen und sensibilisierte dabei für einen unbewussten Provider Bias.