In fünf Minuten erkennen, entscheiden, handeln
Ein anaphylaktischer Schock bei der intravenösen Gabe von Tumortherapien ist ein echter onkologischer Notfall. Hier zählt jede Minute. Eine Expertin erläuterte, wann damit besonders gerechnet werden muss und was dann zu tun ist.
Das Risiko für eine allergische Reaktion während der intravenösen Applikation von antitumoralen Substanzen ist in der senologischen Onkologie nicht so gering wie oft angenommen, erläuterte Dr. Kerstin Muras vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. So beträgt es bei der Paclitaxel-Infusion ohne Prämedikation bis zu 30 %, im Falle von Carboplatin-Infusionen nach dem sechsten oder siebten Zyklus aufgrund der Sensibilisierung 12–27 % und bei intravenöser Gabe von Trastuzumab/Pertuzumab 5–10 %.
Anaphylaxie führt schnell zu Atemarrest
Nur fünf Minuten dauert es, bis eine schwere allergische Reaktion auf eine intravenöse Medikamentengabe zu einem Atemarrest oder einem Herz-Kreislauf-Stillstand führen kann. „Für unsere Patient:innen macht es einen extremen Unterschied, ob wir Gynäkolog:innen selbst die Anaphylaxie in den ersten Sekunden erkennen, die Entscheidungen treffen und handeln können, oder erst Hilfe holen müssen“, erklärte Dr. Muras.
Allergische Reaktionen vom Typ I, also eine durch IgE-Antikörper vermittelte Soforttyp-Reaktion, und nicht-IgE-vermittelte Pseudoallergien oder anaphylaktoide Reaktionen präsentieren sich klinisch identisch. In der Akutsituation sei auch keine Unterscheidung notwendig, so Dr. Muras. „Wir behandeln beide erst einmal komplett gleich.“ Zu den typischen Symptomen einer Anaphylaxie gehören unter anderem:
Hautrötungen
Urtikaria
Bronchokonstriktion und Stridor
Hypotonie und Tachykardie bis hin zum kardiogenen Schock
plötzliche gastrointestinale Symptome
Ist aufgrund der Symptome von einer allergischen Reaktion auszugehen, besteht der erste essenzielle Schritt darin, die Allergenzufuhr, also die Infusion, zu stoppen und sofort Hilfe anzufordern. Danach wird innerhalb von fünf Sekunden ein Basis-Assessment nach dem ABCDE-Schema durchgeführt.
Adrenalin – der Retter in der Anaphylaxie
Für die Therapie in der akuten Situation reicht die Unterscheidung zwischen einer Grad-I-Reaktion und einer Reaktion der Grade II-IV und damit einer echten Anaphylaxie aus. Letztere liegt vor, wenn zu einem Hautbefund noch mindestens ein weiteres Organsystem – Abdomen, Respiration oder Herz-Kreislauf – betroffen ist. Dann dürfen nicht H1-Antihistaminika als erste Medikation eingesetzt werden, sondern Adrenalin, das intramuskulär gespritzt wird. „Intramuskulär ist das ein sehr sicheres Medikament“, erklärte Dr. Muras.
Zunächst soll nur die halbe Ampulle, also 0,5 ml, verabreicht werden. Hat die Patientin nach fünf Minuten weiterhin ein ABC-Problem, sollten erneut 0,5 ml gespritzt werden. Bei respiratorischer Beteiligung muss man außerdem Sauerstoff verabreichen, bei einer Bronchokonstriktion Salbutamol, beginnend mit zwei bis vier Hüben. „Bestenfalls können Sie auch noch Adrenalin vernebeln – keine Sorge, eine Überdosierung ist so nicht möglich“, ergänzte Dr. Muras. Nach der Stabilisierung kann eine Behandlung mit H1-Blockern erfolgen. Aufgrund der Gefahr biphasischer Reaktionen sollten die Betroffenen nachüberwacht werden.
Wichtige Tipps für die Praxis
Essenziell für die Praxis ist, ein Anaphylaxie-Set sofort greifbar zu haben und den Vorlauf mit Glukokortikoiden mit einem Abstand von 30 Minuten zu Therapiebeginn durchzuführen. Das höchste Risiko haben Patient:innen mit einer Atopieneigung irgendeiner Art, mit Asthma und Mastzellerkrankungen. Auch Betablocker und ACE-Hemmer erhöhen das Risiko für eine schwere Anaphylaxie. Außerdem sollten die Betroffenen gut beobachtet und ermutigt werden, Symptome nach einer intravenösen Gabe zu berichten.
Muras K. 45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie; Vortrag „Allergische Reaktion – erkennen und handeln“
