Orale Krebstherapie: Pharmazeutische Betreuung senkt Risiken
Seit 2022 können Apotheken mit entsprechender Fortbildung die pharmazeutische Dienstleistung „Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie“ anbieten und mit den Krankenkassen abrechnen. Wie hoch der Informationsbedarf bei vielen Krebskranken ist und was die Apotheken bei der Betreuung von Patient:innen unter oraler Krebstherapie leisten, beleuchtete ein Symposium beim Senologiekongress.
In Deutschland sind derzeit mehr als 120 orale Zytostatika zugelassen, wobei die Verordnung oraler Antitumortherapien (OAT) ständig zunimmt, wie Julia Sendker, Apothekerin und Heilpraktikerin aus Münster, erklärte. „Die Krebstherapie findet dann nicht in der Praxis oder einer Klinik statt, sondern zu Hause.“ Dazu komme, dass die häufig komorbiden Patient:innen unter OAT im Durchschnitt sieben weitere Arzneimittel einnehmen, so Sendker.
Dabei können OAT nebenwirkungsintensiv und interaktionsanfällig sein, ihre Wirksamkeit ist in jedem Fall adhärenzabhängig. Zudem gehört zu vielen OAT eine mehr oder weniger umfangreiche Supportivtherapie. Mit dem Wunsch, selbst zur Genesung beizutragen, nehmen Erkrankte außerdem häufig komplementäre Arznei- oder Nahrungsergänzungsmittel ein.
Mangelnde Begleitung oraler Therapien
„Wir haben auf jeden Fall das Problem einer mangelnden Überwachung der oralen Therapien und müssen uns fragen: Was machen unsere Patient:innen eigentlich zu Hause mit ihren Tabletten?“, konstatierte MUDr. Jana Petroff, MVZ Onkologische Schwerpunktpraxis Göttingen. Insgesamt ist die Gefahr von Einnahmefehlern, Arzneimitteinteraktionen, verstärkten Nebenwirkungen und Therapieabbrüchen hoch.
Dem kann mit einer pharmazeutischen Betreuung wirkungsvoll begegnet werden, wie die randomisierte AMBORA-Studie zeigte.1 „Dass die pharmazeutische Betreuung die Therapietreue der Patient:innen tatsächlich verbessert, bestätigt sich auch in unserem Praxisalltag“, berichtete Dr. Petroff. Ihre Praxis wird regelmäßig (dreimal pro Woche) unterstützt von Kerstin Bornemann, Apothekerin für onkologische und palliative Pharmazie und Psychoonkologin. Sie erstellt Einnahmepläne, erklärt Einnahmemodalitäten, Nebenwirkungsmanagement und mögliche Wechselwirkungen genau und bleibt Ansprechpartnerin bei Fragen und Problemen mit der oralen Medikation. Bornemann: „Viele Patient:innen können dem Beipackzettel nicht die eigene Dosierung entnehmen.“
Sendker wies darauf hin, dass bei den hochwirksamen Medikamenten schon kleine Änderungen an Dosierung oder Einnahmemodalitäten Einfluss auf die Wirksamkeit oder Verträglichkeit der antitumoralen Therapie haben können. Nichtsdestotrotz verändern Patient:innen regelmäßig die Dosierung – „Ich nehme nur eine Tablette, denn ich habe mir gedacht, vier auf einmal, das kann nicht stimmen“ – oder die Einnahmefrequenz – „Die Tabletten tun mir gar nicht gut. Jetzt nehme ich sie einfach nur noch jeden zweiten Tag“, berichtete Sendker aus ihrem Beratungsalltag.
Sie ergänzte: „Die letzte Aussage begegnet uns relativ häufig bei antihormonellen Langzeittherapien.“ Aus den jahrelangen Nebenwirkungen der antihormonellen Therapie folgten nicht selten stille Therapiepausen oder Dosisreduktionen. Dies zeige, wie wichtig Therapiebegleitung und Nebenwirkungsmanagement sind.
Pharmazeutische Dienstleistungen im Versorgungsalltag
Eine wichtige Informationsquelle ist die Seite www.orale-krebstherapie.de der Deutschen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie (DGOP), hieß es im Symposium. Unter der Rubrik „Für Patient:innen und Angehörige“ gibt es dort auch eine bundesweite Übersicht beratender Apotheken, bei denen sich Apotheker:innen mit einem Curriculum der DGOP fortgebildet haben und nun die pharmazeutische Betreuung der OAT anbieten.
Anspruchsberechtigt für die pharmazeutische Dienstleistung (pDL) „Pharmazeutische Betreuung bei oraler Antitumortherapie“ sind Patient:innen innerhalb von sechs Monaten nach Beginn ihrer OAT, pro OAT nur einmal. Danach haben Apotheken die Möglichkeit zur Therapiebegleitung über die pDL „Polymedikation“, wenn fünf oder mehr ärztlich verordnete Arzneimittel eingenommen werden. Die pDL „Polymedikation“ kann jedes Jahr neu abgerufen werden.
Bei der pharmazeutischen Betreuung der OAT ist nach Analyse, Ergebnisgespräch und Dokumentation auch ein Follow-up-Gespräch vorgesehen. „Wir begleiten die Patientinnen und Patienten jedoch häufig wesentlich länger“, sagte Sendker, wobei diese auch schriftliches Informationsmaterial erhalten. Für viele Erkrankte sei nicht nur die fachliche Unterstützung wichtig, sondern auch das Wissen um einen vertrauten Ansprechpartner bzw. eine -partnerin, der oder die niederschwellig erreichbar ist, resümierte die Apothekerin.
1. Dürr P et al. J Clin Oncol 2021; 39: 1983-1994; doi: 10.1200/JCO.20.03088
45. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie; Wissenschaftliche Sitzung „Pharmazeutische Betreuung oraler Antitumortherapien im interprofessionellen Team“