Wie Musizieren den Körper krank macht
Virtuosität hat ihren Preis: Bis zu 75 % der Musikprofis leiden unter Schmerzen in Muskeln, Sehnen oder Gelenken. Fehlhaltungen, Vibrationen und Dauerbelastung fordern ihren Tribut, oft bis zur Berufsunfähigkeit.
Der körperliche Einsatz, den professionelle Musikerinnen und Musiker beim Üben und bei Auftritten zeigen müssen, ist mitunter enorm. Das kann zu einer Vielzahl muskuloskelettaler Erkrankungen führen, schreibt ein Team um Lou Autret von der Université Bretagne Occidentale in Brest. Umfragen unter Opern- und Orchesterangehörigen haben ergeben, dass bis zu drei Viertel von ihnen unter leistungsmindernden Beschwerden leiden. Am häufigsten ist die obere Extremität betroffen.
Eine Ursache ist, dass Musikinstrumente nicht maßgeschneidert sind. Der Körper muss mit der standardisierten Form z. B. einer Violine oder einer Tuba zurechtkommen. Beim Spielen muss häufig eine unnatürliche Haltung eingenommen werden, wobei je nach Größe und Gewicht anhaltender Muskeleinsatz erforderlich ist. Auch die immer gleichen Bewegungsabläufe und die Tatsache, dass der Musikerberuf oft ein Leben lang ausgeübt wird, belasten den Bewegungsapparat erheblich.
Kompartmentsyndrom durch das Geigespielen
Violinistinnen und Violinisten sind besonders anfällig für Verletzungen der Rotatorenmanschette auf der Bogenhandseite, in der Regel ist das rechts. Grund ist die langanhaltende und immer wiederkehrende Abduktion des Armes. Überlastungen durch den Druck der Geige auf den Arm können ein Kompartmentsyndrom begünstigen. Die Vibrationen, die die Geige am Kinn auslöst, belasten das Kiefergelenk, wodurch es zu temporomandibulären Schmerzen kommen kann. Die bogenführende Hand wiederum ist wegen der repetitiven Bewegungen oft von Tendinopathien oder einem Karpaltunnelsyndrom betroffen. Aufgrund der kompensatorischen Verdrehung der Halswirbelsäule beim Spielen droht zudem eine Skoliose. Ähnliches gilt für Cellistinnen und Cellisten.
Krankheiten, die beflügeln
In Ausnahmefällen kann eine Bindegewebserkrankung zu außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten führen. So soll der Geigenvirtuose Niccolò Paganini vom Marfan-Syndrom betroffen gewesen sein, andere halten das Ehler-Danlos-Syndrom für wahrscheinlicher. Die für diese Krankheiten typische Hypermobilität hätte den Musiker zu der ungewöhnlichen Beweglichkeit seiner „diabolischen linken Hand“ befähigt, lautet die Annahme. So konnte Paganini seine Finger über die gesamte Violine spannen.Auch der Komponist Sergei Rachmaninoff war ein Virtuose, allerdings am Klavier. Seine Finger waren extrem beweglich und wurden oft mit einem Oktopus verglichen. Er konnte über eineinhalb Oktaven greifen, auch dies eventuell infolge eines Marfan-Syndroms. Andere Manifestationen dieser Erkrankung lagen bei dem Russen allerdings nicht vor, weshalb als Alternative auch eine Akromegalie diskutiert wird.
Auch das Spielen von Blasinstrumenten birgt eine Reihe gesundheitlicher Risiken. Wie beim Geigespielen begünstigt der abduzierte Arm der Bläserinnen und Bläser einen vorzeitigen Verschleiß und Verletzungen der Rotatorenmanschette. Das Kiefergelenk ist ebenfalls in Gefahr, denn auch das Trompete- oder Tubablasen löst starke Vibrationen aus.
Trommeln geht auf die Strecksehnen der Hand
Pianistinnen und Pianisten haben häufig Probleme mit den Händen. Tendinopathien und das Karpaltunnelsyndrom gehören ebenso dazu wie entzündete Sesambeine (s. Kasten). Bei manchen Perkussionistinnen und Perkussionisten kommt es zum Intersektionssyndrom, das dann mitunter Trommlerhandgelenk genannt wird. Dabei handelt es sich um eine Sehnenscheidenentzündung in dem Bereich, wo sich die Strecksehnen des Daumens mit denen der Finger kreuzen und beim exzessiven Üben aneinanderreiben.
Sesambeine in Aktion
Sesambeine sind kleine Knochen, die die Sehnen schützen und deren Biomechanik verbessern. Sie wirken wie eine Umlenkrolle, sodass der Muskel mit weniger Kraft mehr Bewegung erzeugt. Intensives Klavierspielen lässt die Sesambeine im Bereich der Fingergelenke wachsen. So haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass Pianistinnen und Pianisten größere Sesambeine haben als Menschen, die nicht Klavier spielen. Das trifft besonders dann zu, wenn sie schon in jungen Jahren mit dem Musizieren begonnen haben.
Prinzipiell sind Profimusikerinnen und -musiker immer dem Risiko ausgesetzt, eine berufsbedingte rheumatische oder muskuloskelettale Erkrankung zu entwickeln, schreiben die Autorinnen und Autoren. Im schlimmsten Fall kann dies dazu führen, dass das Instrument aufgegeben werden muss und der bzw. die Betroffene berufsunfähig wird.
Mit korrekter Haltung und Sport vorbeugen
Um dies zu verhindern, muss schon frühzeitig das Bewusstsein für eine korrekte Körperhaltung vermittelt werden. Wichtig sind auch eine gute körperliche Fitness und das Ausüben von Ausgleichssport. Üben und Auftritte sollten unter ergonomisch günstigen Bedingungen erfolgen. Der Stuhl, auf dem die Musikerin oder der Musiker sitzt, muss zur Körpergröße passen. Zudem sollte für ausreichend Pausen und körperlichen Ausgleich gesorgt sein.
Falls es dennoch zu Problemen kommt, können spezialisierte Zentren und Ambulanzen für Musikererkrankungen am ehesten weiterhelfen, schreibt das Autorenteam. Denn die Erkrankungen sind komplex und erfordern eine spezifische Behandlung, inklusive der psychosozialen Folgen wie Bühnenangst.
Autret L et al. RMD Open 2025; 11: e006149; doi: 10.1136/rmdopen-2025-006149