Transition bei Adipositas: So bleiben Jugendliche in Therapie
Wie lassen sich junge Menschen mit Adipositas auf dem Weg von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin begleiten? Zwei Fachgesellschaften haben zu dieser Frage eine gemeinsame S3-Leitlinie veröffentlicht.
Kontrollierte Studien zur Transition von jungen Menschen mit Adipositas fehlen. Deshalb habe man sich bei der Entwicklung der S3-Leitlinie zu diesem Thema an Studien mit assoziierten Erkrankungen wie Typ-1-Diabetes orientiert, heißt es in der gemeinsamen S3-Leitlinie der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und der Gesellschaft für Transitionsmedizin (GfTM). Um der Variabilität der Pubertätsentwicklung gerecht zu werden, wurden für die Leitlinie Studien berücksichtigt, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 11 und 26 Jahren durchgeführt wurden.
Der Übergang in die Erwachsenenmedizin braucht Zeit
Die Verantwortung für die Gesundheit von Kindern tragen in der Regel die Eltern. Im Transitionsprozess müssen Jugendliche immer mehr davon selbst übernehmen. Dies kann durch Anleitung und Schulung in kompakten Transitionsworkshops unterstützt werden. Wie verschiedene Studien z. B. bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes zeigen, verbessern solche Angebote die Transitionskompetenz und Selbstwirksamkeit. Das ist auch bei Jugendlichen mit Adipositas zu erwarten, schreibt die Autorengruppe.
Doch die notwendige Modifikation von Verhaltensgewohnheiten ist ein langwieriger Prozess, der längerfristige Schulungs- und Beratungskonzepte erfordert und auch Rückschläge verkraften können muss. Eingesetzt werden kann z. B. das strukturierte Transitionsprogramm TraiN, das sich bereits bei Jugendlichen mit Nieren- und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie seltenen Stoffwechselstörungen bewährt hat.
Es gehört zu einer bedarfsgerechten Schulung, individuelle Fähigkeiten, Ziele und Schwierigkeiten der Beteiligten zu erfassen. Daran anknüpfend lassen sich dann Problemlösungen erarbeiten, heißt es in den Leitlinien. Die Rolle des Jugendlichen selbst soll in diesem Prozess zunehmend aktiver und selbstständiger werden.
Ergänzend zur persönlichen Betreuung wird jungen Menschen mit Adipositas die Nutzung von validierten web- oder appbasierten Anwendungen empfohlen. Sie können die Motivation zu regelmäßigem Sport steigern, zudem verbessern sie den Zugang zu der internetaffinen Altersgruppe. Zur Therapie der Adipositas in Deutschland gibt es mit Oviva und Zanadio zwei DiGA, die allerdings erst ab dem Alter von 18 Jahren zugelassen sind.
Digitale Tools stärken Selbstmanagement und Motivation
Bewährt haben sich an die Praxissoftware gekoppelte Tools zur Terminerinnerung, etwa per automatisierter SMS oder E-Mail. Sie können die Terminadhärenz in einer Altersgruppe verbessern, die noch Schwierigkeiten mit einer selbstständigen strukturierten Terminplanung hat.
Um junge Menschen mit Adipositas beim Übergang in die Erwachsenenmedizin zu unterstützen, kann ein erster Termin dort bereits über die pädiatrische Praxis organisiert werden. Studien, die dieses Vorgehen untersucht haben, ergaben, dass nach einem Jahr etwa 90 % der Jugendlichen tatsächlich in der Erwachsenenmedizin betreut wurden. Bestehen Komorbiditäten, muss auch die fachärztliche Weiterbetreuung geplant werden.
Die Pubertät bringt fundamentale Veränderungen des Körpers, der Psyche und der sozialen Situation mit sich, die sich direkt auf das gesundheitsbezogene Verhalten auswirken. Für die jungen Menschen mit Adipositas werden im Transitionsprozess vollkommen neue Themen relevant, etwa:
Sexualität
Familienplanung
Berufswahl
Schlaf-Wach-Rhythmus
Stressmanagement
Medien- und Substanzkonsum
Adoleszenz als Stresstest für die Adipositastherapie
Bei der Betreuung der jungen Menschen müssen diese Themen und Lebensbereiche sowie ihre Auswirkungen auf die Adipositas bzw. die Therapie angesprochen werden, heißt es in der Leitlinie. Dazu gehören etwa das Risiko für sexuelle Dysfunktion und Infertilität sowie das erhöhte Thromboserisiko von jungen Frauen, die orale Kontrazeptiva nutzen und gleichzeitig rauchen.
Eine multifaktorielle Lebensstilmodifikation ist – wie bei Erwachenen auch – die wichtigste Maßnahme in der Adipositastherapie von Jugendlichen. Dabei ist nicht eine ganz spezielle Diät wirksam, sondern prinzipielle Kalorienrestriktion. Jugendliche müssen insbesondere über die kontraproduktiven Effekte zuckerhaltiger Softdrinks aufgeklärt werden.
Ziel sind 90 Minuten Bewegung am Tag
Mindestens 90 Minuten pro Tag sollten sich die jungen Menschen in moderater bis hoher Intensität körperlich bewegen. Der größte Teil davon kann schon durch Alltagsaktivität (z. B. 12.000 Schritte pro Tag) erreicht werden. Ein digitaler Schrittzähler kann die Motivation steigern. Vermeidbare Sitzzeiten sollten auf ein Minimum reduziert werden, heißt es im Leitlinientext. Für Jugendliche sollten 120 Minuten pro Tag das Maximum sein.
Eine zusätzliche Medikation z. B. mit GLP1-Rezeptoragonisten kann auch bei Jugendlichen mit extremer Adipositas oder mit Komorbiditäten die Gewichtsreduktion effektiv unterstützen. Doch der Effekt geht nach dem Absetzen sehr rasch wieder verloren. Auch eine bariatrische Chirurgie kommt in solchen Fällen durchaus in Betracht.
Junge Menschen mit Adipositas sollten regelmäßig mittels validierter Instrumente auf somatische und psychische Komorbiditäten einschließlich Essstörungen gescreent werden. Auch nach psychosozialen Belastungen sollte gefragt werden, z. B. nach Mobbing aufgrund des hohen Körpergewichts. Schließlich sollte die soziale Teilhabe gezielt gefördert werden.
S3-Leitlinie zur Transition von jungen Menschen mit Adipositas von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin; AWMF-Register-Nr. 050-003; www.awmf.org