Warum Long COVID so schwer zu greifen ist
Wie häufig Long COVID wirklich ist, bleibt unklar. Eine US-Studie zeigt: Je nach Definition schwankt die Prävalenz teils drastisch – von rund 2 % bis etwa 60 %. Forschende fordern einheitliche Kriterien.
Viele Menschen berichten nach durchgemachter Infektion mit SARS-CoV-2 von anhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen. Dennoch gibt es auf die Frage, wie viele Menschen von Long COVID betroffen sind, auch Jahre nach Beginn der Pandemie noch immer keine zuverlässige Antwort. Organisationen und Fachgesellschaften haben eigene Definitionen, die wiederum vielfach von den in Studien verwendeten abweichen.
Das hat Folgen für die Versorgung Betroffener und für die Forschung, schreibt ein Team um Dr. Lauren Wisk von der David Geffen School of Medicine an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Anhand der stichprobenmäßig fünf größten Studien ging das Team in einer prospektiven Kohortenstudie der Frage nach, wie sich unterschiedliche Long-COVID-Definitionen auf die Prävalenz auswirken.
Das Team wandte die Definitionen von Publikationen aus den USA, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Puerto Rico auf die Daten von über 4.500 Erwachsenen der US-amerikanischen INSPIRE-Kohorte an. Diese hatten zum Zeitpunkt des SARS-CoV-2-Tests akute Symptome der Infektion angegeben. Die Personen waren im Schnitt 40,4 Jahre alt und überwiegend (67,7 %) weiblich. Die Forschenden schätzten die Prävalenz der Langzeitfolgen jeweils drei und sechs oder mehr Monate nach der Infektion und verglichen diese mit selbst berichteten Long-COVID-Fällen als Referenzstandard.
Die fünf in die Studie einbezogenen Definitionen von Long COVID unterschieden sich hinsichtlich der Dauer der Symptome (vier Wochen bis elf Monate) und der Anzahl der bewerteten Symptome (neun bis 44). Als das Team diese unterschiedlichen Termini auf die INSPIRE-Kohorte anwendete, zeigten sich große Unterschiede in der geschätzten Prävalenz: Sie lag drei Monate nach der Infektion zwischen 30,8 % und 42,0 %, und reichte nach sechs oder mehr Monaten von 14,2 % bis 21,9 %. Zum Vergleich: Die fünf Studien selbst hatten ein bis fünf Monate nach der Infektion eine Long-COVID-Prävalenz von 2,6 % bis 47,4 % und sechs oder mehr Monate postinfektiös von 10,0 % bis 61,9 % berichtet. Im Vergleich zur Selbstauskunft war die Sensitivität der publizierten Definitionen gering bis mäßig hoch (bis zu 66,3 % nach drei Monaten, 45,5 % nach sechs Monaten), die Spezifität hingegen hoch (bis zu 81,3 % nach drei Monaten, 94,3 % nach sechs Monaten).
Die Ergebnisse lassen erkennen, wie unterschiedlich die Prävalenz von Long COVID je nach verwendeter Definition ausfallen kann. Die Forschenden halten eine Vereinheitlichung für notwendig, um das Syndrom klinisch besser einordnen zu können und die Vergleichbarkeit in der Forschung zu verbessern.
Wisk LE et al. JAMA Netw Open 2025; 8: e2526506; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2025.26506