Pandemiebewältigung und Digitalisierung „Drangsalieren hilft nicht“

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

An die Seite des Bundesvorsitzenden des Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt (links) wurde der Erlanger Allgemeinarzt und Chef des Bayerischen Hausärzteverbandes Dr. Markus ­Beier (rechts) als erster Stellvertretender Vorsitzender gewählt. An die Seite des Bundesvorsitzenden des Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt (links) wurde der Erlanger Allgemeinarzt und Chef des Bayerischen Hausärzteverbandes Dr. Markus ­Beier (rechts) als erster Stellvertretender Vorsitzender gewählt. © Georg J. Lopata/axentis.de

Hektisch beschlossene Maßnahmen haben den hausärztlichen Praxen in der Pandemie viele Probleme beschert. Der Deutsche Hausärztetag fordert deshalb von der Politik, mehr auf den Rat der Kollegen vor Ort zu hören. Zugleich heißt es hinsichtlich der weiterhin anstehenden ­Herausforderungen: „Wir kriegen das hin.“

Zwei Tage lang tagten die 120 geimpften, genesenen und getesteten Delegierten des 42. Deutschen Hausärztetages in Präsenz im Westberliner Steigenberger Hotel.

Ulrich Weigeldt, der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, bemängelte, dass in der letzten Legislatur die Novellierung der Approbationsordnung mit dem Mas­terplan Medizinstudium 2020 nicht umgesetzt wurde. Die universitäre Ausbildung sei ein entscheidender Faktor, um in Zukunft haus­ärztliche Versorgung sicherstellen zu können. Junge Menschen wählten diesen Beruf eher, wenn sie ihn während ihrer Ausbildung kennenlernen. Deswegen müsse die Allgemeinmedizin als wichtigstes Fach der Primärversorgung an der Universität nach vorn gebracht werden.

Hausärztliche Versorgung politisch nur eine Randnotiz

Nach dem Blick in die Wahlprogramme der Parteien zeigte sich Weigeldt ernüchtert. Es werde viel über Krankenhäuser geredet und über den öffentlichen Gesundheitsdienst. Die ambulante und die haus­ärztliche Versorgung seien nur eine Randnotiz. Dabei sei es dringend erforderlich, dass der Rat der Praxen gehört und die Ärzte in die Entscheidungsfindung zu Maßnahmen einbezogen werden, die ihre Arbeit betreffen, verwies Weigeldt auf die Erfahrungen während der Pandemie. In einzelnen Bundesländern sei dies teilweise geschehen, nicht aber auf Bundesebene. Deshalb hätten die Hausärzte zum Beispiel unter „hektischen Freitag-Montag-Entscheidungen“ gelitten: „Freitag beschlossen, Montag umzusetzen“. Auch die katastrophale Kommunikation zu den Impfstoffen hätten die Praxen ausbaden müssen.

Weigeldt kritisierte Alarmismus und Spekulationen in der Coronakrise. Es gebe hier einen Überbietungswettbewerb. „Drangsalieren hilft nicht“, sagte er hinsichtlich der noch zu überzeugenden Impfskeptiker. Manche Menschen seien verunsichert, man müsse sie auf andere Weise informieren. In Zukunft müsse die Impfung auch in die Impfroutine der hausärztlichen Praxen integriert werden, am besten kombiniert mit der jährlichen Grippeimpfung.

Dr. Barbara Römer, Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz, verwies in der Pressekonferenz zum Hausärztetag auf den großen Beratungsbedarf zum Infektionsgeschehen: „Corona ist noch immer ein Hot Topic in den Hausarztpraxen.“ Früher seien Patienten mit Schnupfen drei Tage im Bett geblieben, heute kämen sie gleich aus Sorge, sie hätten Corona. „Der Bedarf an Beratung und Versorgung ist unverändert hoch.“ In der Bewertung bilde sich das jedoch nicht ab, monierte die Hausärztin. Sie stellte allerdings zu den Herausforderungen der Pandemie klar: „Wir kriegen das hin, wir nehmen die Herausforderung an.“

Digitalisierung – wer klärt die Patienten auf?

Ein Topthema in der Delegiertenversammlung war die Digitalisierung. Man könne mit Videotelefonie keine Wunden versorgen oder Patienten abhören, mahnte Dr. Römer. Die Strukturen vor Ort blieben deshalb 365 Tage bestehen – mit dem Personal, den Räumlichkeiten und Kosten. Dafür werde eine entsprechende Finanzierung gebraucht.

Dr. Römer will auch nicht, dass Ärzte ihre Patienten in Fragen der Digitalisierung beraten müssen. Dies sei die Aufgabe von Politik, Krankenkassen und IT-Unternehmen. „Ich bin als Ärztin dafür zuständig, Patienten zu versorgen.“

Zudem müsse die Digitalisierung funktionieren, mahnte sie an. Ab Oktober komme die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung – mit Sanktionen für Ärzte, die sie nicht einsetzten. Schicke man die AU elektronisch weg, erwarte man allerdings auch, dass sie beim Empfänger ankommt. Aber von den rund 100 Krankenkassen könnten nur etwa sieben diese verarbeiten. „Für die Digitalisierung gibt es den klaren Grundsatz“, betonte Weigeldt, „dass sie Mehrwert bringen muss.“ Nur, wenn sie die Arbeit in den Praxen erleichtere und von Bürokratie entlaste, komme sie den Patienten zugute. „Insofern prüfen wir jetzt alle Maßnahmen, die ins Haus stehen, ob sie einen Mehrwert bieten.“ Die Praxen seien keine Beta-Tester für die Telematikinfrastruktur.

Lobend hob Weigeldt dagegen die Situation in Baden-Württemberg hervor. Mit den Partnern – AOK, MEDI, technische Dienstleister – sei es gelungen, ein vernetztes System aufzubauen, das zu 100 % funktioniere. Über eine Million eAU seien innerhalb eines Jahres problemlos übertragen worden.

Stolz verwies der Verbandschef auf die hausarztzentrierte Versorgung (HzV). Die Hausärzte hätten in der Pandemie keinen extra Rettungsschirm gebraucht: „Die HzV war der Rettungsschirm. Sie hat vielen Praxen geholfen, keine Einbrüche in der Honorierung zu haben.“ Die HzV habe sich gut entwickelt. Etwa acht Millionen Versicherte hätten sie gewählt, davon sechs in Vollversorgungsverträgen. Die HzV sei oft eine Frage williger bzw. unwilliger Krankenkassen. Noch immer versuchten es einige mit einer „Betonblockade“.

Lobend äußerte sich der Hausärztechef zur VERAH (Versorgungsassistent/in in der Hausarztpraxis). 14.000 gebe es inzwischen. Zusätzlicher Bedarf bestehe. Es sei notwendig, den Lehrberuf der MFA weiterzuentwickeln. Das sei auch Teil der Beschlussfassung gewesen. Mit Hochschulen werde bereits über ein Aufbaustudium gesprochen. Die Gespräche stünden kurz vor dem Abschluss. Mit der Delegation ärztlicher Aufgaben müsse man sich intensiver befassen.

Quelle: 42. Deutscher Hausärztetag