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Praxiskolumne Endlich die Versorgung sichern!

Autor: Prof. Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth

Dass die MFA beim staatlichen Coronabonus
außen vor blieben, hat zu viel Frustration geführt. Dass die MFA beim staatlichen Coronabonus außen vor blieben, hat zu viel Frustration geführt. © Iryna – stock.adobe.com
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Das Wort Fachkräftemangel ist inzwischen so oft durch die politische Arena gejagt worden, dass es fast schon abgedroschen klingt. Unsere Kolumnistin teilt ihre praktischen Erfahrungen mit MFA.

Jede zweite Branche klagt über den Mangel an qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – egal ob in der Schwerindustrie oder in der Gastronomie. Man hat das Gefühl, dass vielerorts inzwischen mit Achselzucken re­agiert wird, wenn man mit dem Thema Fachkräftemangel um die Ecke kommt. Da hilft es, einmal ganz konkret darzustellen, welche unmittelbaren Folgen Fachkräftemangel hat. Und leider eignen sich wenig Orte besser dafür als die Hausarztpraxis. 

Vielerorts müssen Praxen inzwischen ihre Sprechstunden einschränken, weil sie keine qualifizierten MFA finden. Die Folge ist, dass die Versorgung in einigen Regionen wackelt. Das ist kein theoretisches Szenario, sondern leider Realität. Kaum ein Problem treibt die Kolleginnen und Kollegen so um wie dieses. Dazu kommt der steigende Bedarf an haus­ärztlicher Versorgung aufgrund des demografischen Wandels. 

Wie konnte es so weit kommen? Obwohl 2021 im Vergleich zum Vorjahr knapp 2.000 Ausbildungsverträge mehr abgeschlossen wurden, reicht das nicht, um die Nachfrage zu decken. Um mehr junge Menschen für den Beruf zu begeistern, braucht es Anerkennung – finanzielle und ideelle. Dass die MFA beim staatlichen Coronabonus außen vor gelassen wurden, hat zu sehr viel Frustration geführt. Die Coronakrise hat viele, insbesondere hausärztliche Praxisteams enorm belastet, wir haben über 90 % der Patienten versorgt, nur 3 % benötigten Intensivmedizin. Öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung waren etwas ganz anderes. Stress, nicht funktionierende Digitalisierung und immer aggressiver werdende Patient*innen führten häufig zur Flucht aus dem Beruf.

Für die Arztpraxen wird es zudem immer schwieriger, MFA-Gehälter zu zahlen, die mit Gehältern außerhalb der Arztpraxis mithalten können. Im Gegensatz zu den Krankenhäusern erhalten Praxisärzte die steigenden Personalkosten nicht refinanziert. Die Folge: Krankenkassen, Pflegeeinrichtungen und vor allem die Kliniken werben reihenweise MFA ab. 
Die unterschiedliche Refinanzierungssystematik in Klinik und Praxis führt zu einer Wettbewerbsverzerrung zulasten des ambulanten Sektors und droht diesen personell auszubluten. Bei Politik und Kos­tenträgern scheint dieses Problem allerdings noch überhaupt nicht angekommen zu sein. 

Die Vorgaben für die Honorarverhandlungen zwischen Kassenärzt­licher Bundesvereinigung und dem Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Krankenkassen müssen dringlichst so angepasst werden, dass Tarif- und Kostensteigerungen unmittelbar einfließen.

Außerdem müssen wir für unsere Mitarbeiter*innen neue berufliche Perspektiven schaffen. Das VERAH-Programm, bei dem MFA zu „Versorgungsassistent*innen in der Hausarztpraxis“ weitergebildet werden, hat Maßstäbe gesetzt. Über 15.000 von ihnen gibt es inzwischen bundesweit. Dank ihrer Weiterqualifikation können sie zusätzliche Aufgaben in der Versorgung übernehmen und entlasten so uns Haus­ärztinnen und Hausärzte. 

Zusätzlich ist vor wenigen Monaten der erste Jahrgang des Studiums  „Primärmedizinisches Versorgungs- und Praxismanagement“ gestartet –quasi eine Akademisierung der VERAH. Mit neuen Karrierechancen steigt hoffentlich das Interesse am Beruf MFA an und in einer multiprofessionellen Teampraxis mit akademisch ausgebildeten MFA können Patient*innen besser versorgt, die Versorgung gesichert und möglicherweise sogar ausgeweitet werden.

Um aber höher qualifiziertes Personal, das wir in unseren Praxen dringend benötigen, bezahlen zu können, brauchen wir schleunigst eine Strukturpauschale in Form eines Teampraxenzuschlags. Sicher ist, dass ohne genügend MFA, VERAH und Co. insbesondere die hausärztliche wohnortnahe Versorgung unmittelbar bedroht ist. 

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