Grippeimpfungen in Apotheken – eine Zwischenbilanz

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Am Pilotprojekt beteiligte Apotheker ziehen eine erste positive Bilanz, während Vertragsärzte noch immer Bedenken tragen. Am Pilotprojekt beteiligte Apotheker ziehen eine erste positive Bilanz, während Vertragsärzte noch immer Bedenken tragen. © iStock/SDI Productions
Anzeige

Bisher ist das Impfen eine Domäne der Ärzte. Das könnte sich ändern, zumindest was den Grippeschutz betrifft: Seit dieser Saison dürfen Krankenkassen und Apotheker die Sache erproben. Erste Patienten ziehen mit – auch wenn das Vertretern der Ärzteschaft eher nicht passt.

Laut Masernschutzgesetz dürfen die Landesverbände der Krankenkasse mit Apotheken, Apothekengruppen oder Spitzenverbänden der Apotheker Verträge zu Modellvorhaben bezüglich Grippeschutzimpfungen abschließen. Ziel des Gesetzgebers sind höhere Impfquoten. Erste Modellprojekte, angestoßen von den Ortskrankenkassen, gibt es bereits. 

Ein Problem ist der Engpass bei Impfstoffen 

So haben z.B. der Apothekerverband Nordrhein und die AOK Rheinland/Hamburg vier Piloten gestartet in Düsseldorf und Umgebung, Duisburg/rechter Nieder­rhein, Essen-Mülheim-Oberhausen und dem Bonn-Rhein-Sieg-Kreis. Erste Bilanz Mitte November: 85 Apotheken haben die Legitimation teilzunehmen, rund 200 Impfungen wurden in 25 Apotheken bis dahin durchgeführt. Als ein Problem wird derzeit der Engpass an Impfstoff gesehen. „Wir sehen unser Angebot deshalb auch als Ergänzung zum Impfen in den Praxen, wir stehen nicht im Wettbewerb und nicht in Konkurrenz zu den Ärzten“, betont Florian ­Wehrenpfennig, Inhaber der Rathaus-Apotheke in Sankt Augustin. 

Die Rathaus-Apotheke nimmt seit November an dem Modellprojekt teil. Jeweils Mittwoch- und  Freitagnachmittag sowie samstags stehen für Kunden Impftermine zur Verfügung, vorausgesetzt sie sind bei der AOK Rheinland/Hamburg versichert. Ein Termin lässt sich auch online buchen. Ausgeschlossen von der Grippeimpfung in der Apotheke sind Schwangere, Menschen mit Eiweißallergie und jene, die Blutverdünner einnehmen. 

In einem Tageskurs wurde der Apotheker durch einen Arzt medizinisch geschult, um auf mögliche Impf-Komplikationen vorbereitet zu sein. Die Schulung ist eine Vor­aussetzung für die Teilnahme an dem Modell. Außerdem muss in der Apotheke ein separater Raum inklusive Liege für Notfälle verfügbar sein. 

In der Schweiz ist schon jede zweite Apotheke dabei

„Die Menschen finden unser Angebot großartig“, sagt Wehrenpfennig. Bei ihm persönlich habe sich noch kein Vertragsarzt beschwert. Im Gegenteil – die Ärzte seien sogar zufrieden, wenn es für Patienten in der Apotheke noch eine weitere Impfmöglichkeit gebe, erzählt der Apotheker. 

Er verweist dabei auch auf das Ausland. In der Schweiz werde in jeder zweiten Apotheke geimpft – und das nicht nur gegen Grippe. Die Immunisierungsquoten in der Bevölkerung seien deshalb besser als in Deutschland. Auch in Frankreich würden durch das Grippeimpfen in Apotheken die Zahlen nach oben gehen.

Im Ausland sind Apotheken als Impfpartner gefragt

In den USA ist die Grippeschutzimpfung in Apotheken schon seit Jahren Usus. Bald sollen Apotheker auch gegen COVID-19 impfen, wie das U.S. Department of Health and Human Services ankündigt. Durch die Partnerschaft mit Apothekenketten würden 60 % der Pharmazien in 50 Bundesstaaten einbezogen. Zusätzlich zu den Impfungen in der Vor-Ort-Apotheke sollen die Immunisierungen von den Apothekern und ihren Technikern in Ladengeschäften und in Supermärkten durchgeführt werden können. Auch in Großbritannien sollen Apotheker bei Verfügbarkeit des Serums gegen COVID-19 impfen dürfen. Ist die Hilfe durch Apotheker auch in Deutschland denkbar? Bisher sehen die Empfehlungen für die Organisation und Durchführung von Impfungen gegen SARS-CoV-2 Apotheker nur für die Ansprache der Bevölkerung vor, konkret für Impfaufforderung und Vorabinformation zur Impfung.

Wehrenpfennig bedauert, dass sich bisher nur die AOK an dem Projekt beteiligt. Würde das Impfen in der Apotheke von allen Kassen gefördert, könnte die Impfquote deutlich höher sein. Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein, bestätigt die erste positive Resonanz. Der Start der Pilotprojekte lasse erwarten, dass die Apotheken in dieser Grippesaison auf etwa 2000 Schutzimpfungen kommen können. Zum Vergleich: Die KV Westfalen-Lippe meldet, dass in ihrem Landesteil fast 2,2 Millionen Grippe-Impfdosen an die niedergelassenen Ärzte ausgeliefert und von diesen bereits verimpft wurden (rund 30 % mehr als in der gesamten Grippesaison 2019/2020). In Verlautbarungen laufen Vertreter der Vertragsärzte auch weiterhin Sturm gegen den Vorstoß der Apotheker. „Impfen ohne Arzt gefährdet die Patientensicherheit“, warnen  KV und ärztliche Berufsverbände in Niedersachsen. „Es kann nicht sein, dass der Apotheker impft und den Patienten bei Komplikationen dann zu seinem Arzt schickt“, meint KV-Vize Dr. Jörg Berling.  Ähnliche Töne schlagen in Bayern KV, Hausärzteverband und Landesärztekammer an. Sie fordern, das Pilotprojekt Impfen, an dem Apotheken in der Oberpfalz beteiligt sind, „umgehend einzustellen“. KV-Chef Dr. Wolfgang Krombholz meint: „Wenn in Apotheken potenziell Patienten ohne Risikokonstellation geimpft werden und die Apotheker auch noch eine höhere Vergütung als Ärzte für die Impfleistung erhalten, kommt das einer strukturellen Förderung von medizinischer Fehlversorgung gleich.“ Die Ärztekammer Nordrhein führt an, eine neunstündige Impfschulung, wie sie die Apotheker im Rheinland absolvierten, könne kein sechsjähriges Medizinstudium ersetzen. Die Apotheken müssten sich auf ihre originären Aufgaben fokussieren. Der Freiburger Pharmazeut und Medizinrechtler Dr. Dennis ­Effertz rät Apotheken dennoch, hinsichtlich der Modellvorhaben aktiv zu werden. Die Ärzte verteidigten die „Demarkationslinie Heilkunde“. Impfen sei aber keine Heilkunde, sondern Prävention.

Medical-Tribune-Bericht

Anzeige