Ermittlungen gegen Mediziner Selbst zusammengerührtes Coronavakzin injiziert

Gesundheitspolitik Autor: Isabel Aulehla

Dr. Winfried Stöcker behauptete, sein Vakzin sei denen der Pharmahersteller überlegen. Eine Überprüfung meidet er. Dr. Winfried Stöcker behauptete, sein Vakzin sei denen der Pharmahersteller überlegen. Eine Überprüfung meidet er. © balabolka – stock.adobe.com
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Der rechtspopulistische Mediziner Dr. ­Winfried Stöcker impfte Freiwilligen ein nicht zugelassenes, selbst entwickeltes Coronavakzin. Paradoxerweise scheint es eine Nachfrage zu geben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Bei einer illegalen Impfaktion im Flughafen Lübeck wurde kürzlich offenbar mehr als 100 Freiwilligen ein nicht zugelassener Impfstoff injiziert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Ärzte im Ruhestand sowie gegen die beiden Geschäftsführer des Flughafens wegen des Verdachts auf einen Verstoß gegen das Arzneimittelrecht.

Einer der Geschäftsführer des Flughafens ist der Mediziner und Unternehmer Dr. Winfried Stöcker. Er meinte bereits im Frühjahr 2020, ein eigenes Vakzin gegen ­COVID-19 entwickelt zu haben. Auf die üblichen Phasen der Impfstoffzulassung verzichtete der Honorarprofessor. Stattdessen setzte er auf Menschenversuche – er testete den Stoff an sich selbst und weiteren Freiwilligen.

Fragwürdige Rezeptur auf Website veröffentlicht

Dann wandte sich der 74-Jährige an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Dieses informierte ihn darüber, dass die Verabreichung des Vakzins an Dritte den Tatbestand einer klinischen Prüfung nach Arzneimittelgesetz erfüllen könnte. Eine klinische Prüfung ohne erforderliche Genehmigung könne strafrechtlich relevant sein, erklärte man ihm weiter. Zudem bot das Institut gemäß Standard­prozedere eine „wissenschaftliche und regulatorische Beratung“ durch Arzneimittelexperten an. Zu einem solchen Gespräch war Dr. Stöcker laut PEI aber bislang nicht bereit (Stand: 06.12.2021).

Da für arzneimittelrechtliche Behörden gegenseitige Unterrichtungspflichten bestehen, informierte das PEI das Landesamt für soziale Dienste in Lübeck. Es folgte eine Anzeige gegen Stöcker wegen des Verabreichens eines nicht zugelassenen Impfstoffs. Trotzdem pries der 74-Jährige das Vakzin weiter an und veröffentlichte die Rezeptur auf seiner Website – neben einem Rezept für Quittenmarmelade und einer Anleitung zum Entsteinen von Sauerkirschen. Laut MDR Sachsen vertritt der gebürtige Oberlausitzer die Meinung, jeder Arzt dürfe einen Heilversuch unternehmen, wenn er die Arznei selbst herstelle.

Schon in den vergangenen Jahren hatte Dr. Stöcker Schlagzeilen gemacht: Er fiel unter anderem durch rassistische und frauenfeindliche Äußerungen auf und spendete 2019 satte 20.000 Euro an die AfD. Insbesondere in Sachsen ist er allerdings offenbar in Teilen der Bevölkerung bekannt und geschätzt. Er tritt dort als Investor und Sponsor in Erscheinung – beispielsweise ließ er das Jugendstilkaufhaus in Görlitz sanieren, in dem der Film „Grand Budapest Hotel“ gedreht wurde.

Auch sein medizinischer Hintergrund erwecke bei den Leuten den Eindruck von Kompetenz, geben Reporter der Sächsischen Zeitung in einem Podcast zu bedenken. Stöcker hat 1987 in der Nähe von Lübeck das weltweit tätige Labordiagnostik-Unternehmen „Euroimmun“ gegründet, 2017 verkaufte er es für 1,3 Milliarden Euro an einen US-Konzern.

Im Sachsen gab es offenbar bereits mehrere illegale Impfaktionen mit dem Vakzin des Unternehmers. Paradoxerweise scheinen manche Menschen dem nicht zugelassenen, möglicherweise schädlichen Impfstoff mehr zu vertrauen als den ausgiebig untersuchten Präparaten der Pharmahersteller. In den sozialen Medien erkundigen sich Interessierte, ob es in ihrer Nähe Ärzte gibt, die das Vakzin spritzen. Einige Nutzer nähren das Narrativ, Staat und Pharmaindustrie würden Stöcker bewusst gemeinsam ausbremsen oder schikanieren.

Der Präsident der Sächsischen Ärztekammer, Erik Bodendieck, sagte im Podcast der Sächsischen Zeitung, dass Dr. Stöcker wenig tue, um zur „Aufhellung“ über die Wirksamkeit oder Gefahren seines Vakzins beizutragen, da er kein Zulassungsverfahren anstrebe. Da Stöcker nicht in Sachsen tätig ist, sei die Kammer berufsrechtlich nicht für diesen Fall zuständig.

Nun Aufruf zur Impfung mit zugelassenem Stoff

Die Landesärztekammer Schleswig-Holstein äußerte gegenüber Medien, sie halte eine berufsrechtliche Prüfung für möglich, dies sei aber staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nachgeordnet. Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein bezeichnete Stöckers Impfaktion als „problematisch“.

Zunächst hatte Dr. Stöcker den Polizeieinsatz am Lübecker Flughafen „Hausfriedensbruch“ genannt und sein Vorgehen verteidigt. Inzwischen ist er allerdings zurückgerudert und fordert auf seiner Website dazu auf, sich mit einem zugelassenen Präparat immunisieren zu lassen. Ob er bei dieser Meinung bleibt, muss sich noch zeigen. Anwaltlich lässt sich das ehemalige FDP-Mitglied von dem FDP-Politiker und Juristen Wolfgang Kubicki vertreten.

Medical-Tribune-Bericht

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