Praxiskolumne Zwischen Anspruch, Alltag und Altlasten
Nun ist 2025 Geschichte.
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Für mich war 2025 ein turbulentes Jahr mit Facharztprüfung und Start in der neuen Praxis. Bis zuletzt blieb es spannend: Die Antragstellung zur Prüfung darf man erst so spät einreichen, dass man dann nur noch beten kann, dass alle Formalitäten passen. No second chance.
Prüfung? Check! Praxisstart? Check!
Zwei Tage nach meiner Prüfung wollte ich in meiner neuen Praxis starten. Bei der Freischaltung meines Heilberufeausweises gab es natürlich auch Probleme. Aber letztlich starteten wir. Ich hatte das riesige Glück, zwei hervorragende MFA übernehmen zu können. Dank ihnen gelang die Übergabe wirklich gut. Und die Patientinnen und Patienten hatten zwei bekannte Gesichter – bei denen sie sich beschweren konnten, dass früher alles besser war. Manche ärgerten sich etwa darüber, dass sie eine halbe Stunde warten mussten statt wie früher fünf Minuten. Aber früher haben Sie sich geärgert, dass es nur so kurze Sprechzeiten gab ... Es gab Patientinnen und Patienten, die die Praxis gewechselt haben. Die Gründe? Reichten von enttäuschten Erwartungen über verletzte Eitelkeiten bis zur Forderung, dass Ärztinnen keine Kinder bekommen sollen, sie hätten doch ihre Patientinnen und Patienten zu versorgen. Und ein weiterer interessanter Grund zur Klage: fehlende Diagnostik. Während mir ganze Ordner voller Befunde vorgelegt wurden. Wie ist das mit der Realität – bzw. Versorgungsrealität – in Einklang zu bringen?
Solche Gespräche zeigen, wie groß teils die Kluft zwischen Anspruch und Alltag geworden ist. Praxisinterne Gespräche, gegenseitige Unterstützung und eine Portion Humor helfen mir durch schwierige Situationen. Und Grenzen zu setzen, weiß ich jetzt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Voraussetzung für eine langfristig gute Medizin.
Natürlich gibt es auch die Patientin, die sich bedankt, weil ihr jemand zuhört. Und den Patienten, der meint, noch nie so gründlich untersucht worden zu sein. Diese Begegnungen sind leiser – aber sie wiegen schwerer als jede Beschwerde.
Der Bürokratiestapel, mein treuer Begleiter
Zuletzt hatte ich mir das Ziel gesetzt, meinen Bürokratiestapel vor Jahresende komplett abzutragen. Und, natürlich, was macht die IT? Nicht, was sie soll. Wir mussten also über Tage weitgehend analog arbeiten, mit Rezeptblock und Faxgerät. Die Patientinnen und Patienten liebten es. Endlich wieder ein Stück Papier in der Hand. Und ich hatte irgendwann sogar trotzdem meinen Bürokratiestapel abgetragen – aber naja, er kam natürlich direkt wieder.
Vielleicht brauche ich ja genau das: Jeden Montag zu wissen, dass die Sprechstunde kaum zu schaffen ist. Immer sicher zu sein, dass der Stapel Post bis Freitag zum Stapel Altlasten wird. Und regelmäßig vor unlösbaren Rätseln zu stehen, wie Anträgen, von denen ich noch nie gehört habe, und Anfragen nach der zehnten Unterschrift unter einen zum zehnten Mal falschen Medikamentenplan des Pflegedienstes.
Nun ist 2025 Geschichte. Letztlich überwogen die freundlichen Worte und guten Wünsche zum ersten gelungenen halben Jahr in der Praxis. Und sowieso: Die Allgemeinmedizin besteht nicht aus Perfektion, sondern aus Kontinuität. Aus Menschen, die bleiben – auf beiden Seiten des Schreibtisches. Mit diesem Gedanken blicke ich gelassen nach vorn. Die nächsten Herausforderungen warten auf uns. Gleich, nachdem wir das Alt-Chaos beseitigt haben.