Viele Menschen sind mit Beipackzetteln überfordert. Vielleicht bräuchte es einen Beipackzettel zu Anwendung, Kontraindikationen und Nebenwirkungen von Beipackzetteln. Eine Glosse.
Lesen Sie diese Information sorgfältig, bevor Sie den folgenden Text konsumieren: Studien belegen konsistent, dass viele Menschen Beipackzettel als unverständlich empfinden – eine Tatsache, die Expertinnen und Experten als „erschreckend“ bezeichnen und die Hersteller offenbar als Ziel interpretieren.
Was ist ein Beipackzettel und wofür wird er verwendet?
Beipackzettel (lateinisch: folium informativum incomprehensibile) gehören zur Gruppe der pharmazeutischen Pflichtlektüren und werden angewendet von Patientinnen und Patienten, die dem Missverständnis unterliegen, nach der Lektüre besser informiert zu sein als vorher. Der Gebrauch dient der vollständigen Verunsicherung gesunder Erwachsener sowie dem Herbeiführen eines Frustrationszustands beim Versuch, den Zettel in seine ursprüngliche Form zu falten – ein Vorhaben, das mit dem Zurückknäulen eines formlosen Papiergebildes in die Schachtel endet.
Was ist vor der Anwendung zu beachten?
Beipackzettel dürfen nicht gelesen werden von Personen, die
eine bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Fremdwörtern griechisch-lateinischer Herkunft aufweisen,
bereits einen früheren Beipackzettel desselben Herstellers gelesen und dabei das Bewusstsein für die eigene Gesundheit verloren haben,
eine bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Schriftgrößen unter 6 Punkt aufweisen – insbesondere in Kombination mit schlechter Raumbeleuchtung und fehlender Lesehilfe.
Wechselwirkungen und Kontraindikationen
Beipackzettel interagieren stark mit dem gesunden Menschenverstand. Die gleichzeitige Anwendung von Beipackzettel und Internetrecherche kann zu akuter Vollhypochondrie führen. Klinisch beschrieben wurden Fälle, in denen Menschen nach der Lektüre überzeugt waren, sämtliche unter „Nebenwirkungen“ aufgeführten Erkrankungen simultan zu erleiden – einschließlich des sehr seltenen „diffusen Unwohlseins mit Bezug zu Organen, deren Existenz bis dahin vergessen war“. Die Nutzung des Beipackzettels unter Handlungsdruck – etwa 30 Sekunden vor der ersten Tablette – ist kontraindiziert. Bekannt sind Fälle, in denen Patientinnen und Patienten wichtige Warnhinweise zur Nierenfunktion übersprungen, dafür aber die vollständige Liste der chemischen Hilfsstoffe zweimal gelesen haben. In welcher Reihenfolge die Informationen aufgenommen werden, entzieht sich bislang jeder wissenschaftlichen Vorhersage.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (mehr als 1 von 10 Anwenderinnen und Anwendern): Stirnrunzeln, Augenreiben, erneutes Lesen ab Anfang.
Häufig (1 bis 10 von 100): Lautes Vortragen unverständlicher Passagen an die Partnerin oder den Partner.
Gelegentlich (1 bis 10 von 1.000): Existenzielle Sinnfragen wie „Wozu ist Medizin eigentlich da?“
Selten (1 bis 10 von 10.000): Vollständiges Verständnis des Textes. Melden Sie diesen Fall umgehend den zuständigen Behörden.
Weitere Informationen erhalten Sie bei einer promovierten Linguistin bzw. einem promovierten Linguisten oder in Ihrer Bibliothek.