Trinkpausen, Schiri-Cam, Ticketpreise – die Berichterstattung zur Fußball-WM wird von zahlreichen Kontroversen begleitet. Auf gesundheitspolitischer Ebene in Deutschland arbeitet man längst daran, die neuen FIFA-Regeln und WM-Trends auf Kliniken und Praxen zu übertragen. Eine Glosse.
Trinkpausen während der OP: Seit dieser Fußball-Weltmeisterschaft müssen die Spieler pro Halbzeit eine dreiminütige Trinkpause einlegen. Reine Schutzmaßnahme, sagt die FIFA. Das sehen deutsche Kliniken offenbar ähnlich. Angesichts der Sommerhitze steht den OP-Teams pro 45 Minuten Operationszeit eine kollektive Hydratationspause zu. Kritik kommt von Patientenvertretungen: Bei Eingriffen in Lokalanästhesie würden die Unterbrechungen als verkappte Werbeblöcke genutzt, um Patientinnen und Patienten auf dem OP-Tisch zusätzliche Selbstzahlerleistungen anzubieten.
Gemeinsames Beten vor der Behandlung: DFB-Stars und andere Fußballer bejubeln ihre Tore vermehrt mit religiösen Gesten oder beten Arm in Arm auf dem Rasen. Die Deutsche Bischofskonferenz hält diese Gebetskreise auch im Praxis- und Klinikbetrieb für sinnvoll. Wenn Ärztinnen und Patienten gemeinsam an die richtige Therapie glauben, verbessert sich deren zwischenmenschliche Beziehung und – so Gott will – auch die Prognose. Politikerinnen und Politiker von CDU/CSU unterstützen den Vorstoß bereits. Unklar ist allerdings, wie die Halbgötter in Weiß damit umgehen, einen anderen Gott neben sich zu haben.
Neue Blickwinkel im Praxisalltag: Das Bildmaterial, das die neuen Bodycams der WM-Schiedsrichter liefern, wird mitunter als spektakulär bezeichnet. Ein ähnlich greifbares Erlebnis wollen insbesondere gastroenterologische Praxen im Wartezimmer bieten. Darm- oder Magenspiegelungen sollen künftig live gestreamt werden. Wer keine Endoskopien durchführt, kann auch die Hektik des Arbeitsalltags mit einer kleinen Körperkamera übertragen. Patientinnen und Patienten können dann die Laufwege analysieren und sind hautnah dabei, wenn der blaue, grüne oder rosa Zettel gezückt wird.
Kontaktgebühr, Olé, Olé, Olé: Bei den rekordverdächtigen Ticketpreisen für WM-Spiele wurde Nina Warken höchstpersönlich hellhörig. Bislang lehnte die Gesundheitsministerin eine Kontaktgebühr für Arztbesuche strikt ab. Dass Menschen nun bereit sind, mehrere Hundert bis Tausende Euro für etwas zu zahlen, das sie nicht zwangsläufig brauchen, könnte aber ungeahnte Summen in die Kassen spülen. Und wer weiß: Vielleicht liegen sich Ministerin Warken und KBV-Chef Gassen dann beim Fußballschauen in den Armen und grölen „Oh, wie ist das schön …“.