Wer stundenlang aufs Handy starrt, hat vielleicht ein Problem. Lösen lässt es sich mit technischen Hilfsmitteln, ein bisschen Neuropsychologie - und der Expertise der Digital Natives. Eine Kolumne von Tobias Stolzenberg.
Meine Kinder reden nicht viel. Aber wenn sie mal etwas erzählen, lohnt es sich, zuzuhören. Neulich etwa berichtete meine Tochter, ohne vom Handy aufzuschauen: „Drei bis vier Stunden, Papa. Solange starren ganz gewöhnliche Leute täglich auf ihr Smartphone. Im Durchschnitt.“ Und dann fügte sie hinzu: „Ist ja gar nicht so viel.“ Mein Sohn, ebenfalls ohne den Blick zu heben, murmelte: „Gibt Apps dagegen.“ Mehr nicht. Aber es reichte, um mein Interesse zu wecken.
Feuer bekämpft man bekanntlich mit Feuer, man treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus, und es gibt Menschen, die Ähnliches mit dem Ähnlichen heilen. Warum also nicht mit technischen Finessen gegen das Daddeln? Ich fragte bei meinem Sohn nach, der in diesen Dingen stets wohlinformiert ist. „Am einfachsten geht das mit dem Graustufenmodus. Vom Handy. Hat deins auch“, erklärte er mir maulfaul. „Ist aber total doof“, wusste die Tochter, während sie ihren virtuellen Bauernhof auf Zack brachte. Dann würden nämlich die Farben fehlen, dann mache das alles keinen Spaß mehr.
„So richtig bescheuert sind die Blocker-Apps, das sind so Verzögerungsdinger“, meinte mein Sohn, jetzt deutlich lebendiger. „Da möchte man nur mal eben Insta gucken, und – schwups – startet so ein blöder Countdown. Zehn Sekunden, Papa, das ist viel zu lange, das hält doch keiner aus!“ Er war richtig erbost.
Was mag es auf sich haben mit diesen Verzögerungsdingern? fragte ich mich. Und was passiert bei der digitalen Selbstkontrolle im Kopf? Ich griff mir – natürlich – mein Smartphone und recherchierte nach einer Erklärung.
Die Antwort liegt im Frontallappen unseres Gehirns, lernte ich. Das ist jenes Areal, das für die Impulskontrolle zuständig ist – und das die moderne Mediengesellschaft notorisch unterbeschäftigt hält, weil immer irgendeine Ablenkung bereitsteht. Der kurze Countdown, mit dem uns eine Verzögerungs-App zum Innehalten zwingt, fordert ihn heraus. Impulsive Menschen greifen häufiger zum Smartphone, das belegen Studien an insgesamt mehr als 10.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wer das Warten jedoch trainiert, nimmt das Gerät seltener zur Hand. Schnöde Neuropsychologie, mehr nicht.
Ich habe es ausprobiert. Der Graustufenmodus ist wirklich doof. Aber für mich funktioniert es. Die digitale Welt ist plötzlich so aufregend wie ein politischer Dokumentarfilm der frühen Siebziger. Ich scrolle, schaue, gähne – und lege das Handy weg. Meinem Sohn habe ich das alles erzählt. Er hat kurz genickt – und ist wieder im Display versunken. Immerhin: Es war grau. Es besteht also Hoffnung.