Kolumne

Prävention beginnt auf der Straße

Aus der Redaktion
|Erschienen am: 
|
Aktualisiert am:

Hitzewelle in Deutschland, das Thermometer ist kurz vor dem Explodieren. Dass uns der Sommer hierzulande so zu schaffen macht, ist auch ein hausgemachtes Problem. Am Beispiel von Südkorea zeigt unsere Autorin auf, wie es anders gehen kann. Eine Kolumne.

40 Grad Celsius. Das hat das Thermometer meines Autos kürzlich angezeigt, als ich damit durch die Stadt gefahren bin. Auf dem Weg bin ich an zwei Einsätzen mit RTW vorbeigekommen. Der Gedanke liegt nahe, dass sie hitzeassoziiert waren. Während ich – die Klimaanlage auf Anschlag – durch die glühenden Straßen des Städtchens fahre, denke ich zurück an meine letzte Reise. Zwei Wochen war ich in Südkorea unterwegs und bin noch immer fasziniert von den vielen Eindrücken, vor allem aber von den vielen kleinen Dingen, die den Alltag dort erleichtern und ein gesundes Leben fördern.

Stichwort Hitze: Während ich dort war, überschritten die Temperaturen regelmäßig die 30-Grad-Marke. Trotzdem waren wir von morgens bis abends unterwegs und konnten unser Programm wie geplant durchziehen – ohne von der Hitze gefährdet zu sein. Muss man in Südkorea an einer Fußgängerampel warten, so kann man das in der Regel unter einem Sonnenschirm tun. In mehreren Städten habe ich zudem sogenannte „Smart Shelters“ gesehen: Diese bushaltestellenähnlichen Räume stehen meist entlang großer Straßen und spenden im Winter Wärme und im Sommer angenehme Kühle. Selbstverständlich sind auch die öffentlichen Verkehrsmittel sowie nahezu alle öffentlichen Räume klimatisiert.

Einer der schönsten Orte in Seoul ist der Cheonggyecheon. Der rund 6 km lange Bach war in den 1960er-Jahren mit einer mehrspurigen Autobahn überbaut worden. Anfang der 2000er entschied man sich, die Straße abzureißen und das Gewässer zu renaturieren. Die Temperaturen entlang des Baches sind seitdem bis zu 5,9 Grad Celsius niedriger als die auf parallel verlaufenden Straßen, die Feinstaubbelastung sank um 35 %. Und da der Bach einige Meter unterhalb des Straßenniveaus verläuft, schützt er die Viertel zudem vor Hochwasser.

© Kathrin Strobel – Medical Tribune

Entlang des Cheonggyecheon gibt es verschiedene kostenlose Freizeitangebote. Auf dem Foto sieht man die Open-Air Public Library. Die Sitzgelegenheiten laden zum Entspannen ein, dazu kann man sich (kostenlos) Bücher und Sonnenschirme leihen.

Der Cheonggyecheon ist kein Einzelfall: Immer wieder fallen in der Stadt Bereiche auf, die in den letzten Jahren umgestaltet wurden. Man hat dort Büsche und Bäume zwischen Hochhäusern und großen Straßen gepflanzt, die wirksam Schatten und Kühle spenden. Man muss eine Stadt nicht neu bauen, um sie besser zu machen.

© Kathrin Strobel – Medical Tribune

Auch zwischen den Hochhäusern in den modernen Vierteln der Innenstadt von Seoul gibt es zahlreiche „grüne Inseln“. Große Bäume spenden Schatten.

Für die nicht so heißen Tage bieten sich an jeder Ecke Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Es gibt frei zugängliche Sportplätze sowie eine Dichte an öffentlichen Fitnessgeräten, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Was mich dabei am meisten begeistert hat: Die Angebote werden rege genutzt, auch und vor allem von den Älteren.

Dass Prävention in Südkorea großgeschrieben wird, ist offensichtlich. Laut OECD sind nur 5 % der Bevölkerung adipös – verglichen mit dem OECD-Schnitt von 19 % und einem Übergewichtsanteil von rund 57 % in Deutschland. Die vermeidbare Sterblichkeit liegt mit 99 pro 100.000 Einwohnern weit unter dem OECD-Schnitt von 158. Südkorea investiert zudem überdurchschnittlich viel in Prävention und betreibt eines der umfassendsten Krebsfrüherkennungsprogramme weltweit. Da überrascht es nicht, dass das Land mit einer Lebenserwartung von 83,5 Jahren zu den Spitzenreitern im OECD-Vergleich zählt. Gestützt wird das durch ein Gesundheitssystem, das regelmäßig unter den Top 5 weltweit gelistet wird.

Zurück nach Deutschland. Ziel meiner heutigen Fahrt durch das Städtchen war übrigens meine Hausarztpraxis. Als ich das Wartezimmer betrat, war ich überrascht: Es war klimatisiert. Immerhin ein Anfang.

Kathrin Strobel

Kathrin Strobel

Chefredakteurin Medical Tribune
Nach ihrem Studium an der Universität Heidelberg und der University of Sheffield absolvierte sie ein Volontariat bei einem großen Medizinverlag in Stuttgart. Seit 2018 ist sie Teil der Redaktion der Medical Tribune und verantwortet seit 2024 als Chefredakteurin der Medical Tribune Deutschland die Hauptpublikation, die damit assoziierten Fachtitel sowie die Podcastreihe O-Ton Allgemeinmedizin.