Kommentar

Eine Stimme weniger

Aus der Redaktion
|
Stand: 
|Lesezeit: 2 Min

Das arznei-telegramm hört auf. Freuen wir uns, dass ein unbequemer Akteur verschwindet? Ein Kommentar.

Ende 2026 soll die letzte Ausgabe arznei-telegramm erscheinen. Herausgeber Wolfgang Becker-Brüser zieht sich aus Altersgründen zurück, eine Nachfolge aus der Redaktion zerschlug sich wegen finanzieller und steuerlicher Risiken, heißt es. Für externe Interessenten fand sich kein Konzept, das Qualität und Unabhängigkeit gesichert hätte.

Das a-t war unbequem. 1970 wurde das Journal aus Flugblättern geboren und versorgt seitdem Ärztinnen, Ärzte und Apotheken mit Arzneimittelinformationen. Es prüfte Nutzen und Risiken und fragte nach, wenn Versprechen und Evidenz nicht zusammenpassten. Finanziert wurde es ausschließlich über Abonnements, wie es selbst betont. 

In der Hochzeit des Pharmamarketings war das a-t ein wichtiges Korrektiv – auch für jene, die seine Bewertungen nicht teilten. Mittlerweile agieren Pharmaunternehmen nicht mehr im komplett ungeregelten Raum: Mit dem IQWiG und dem AMNOG haben unabhängige Nutzenbewertung und Preisregulierung einen gewissen Platz. Und Compliance-Regeln setzen dem Werben um Ärztinnen und Ärzte Grenzen. Genau dafür hat sich das a-t über Jahrzehnte starkgemacht: Arzneimittelversprechen kritisch an Evidenz und Nutzen zu messen und Ärztinnen und Ärzte vor unangemessenem Werbedruck und finanziellen Anreizen zu schützen.

Auch die Medical Tribune stand unter Beobachtung. Über das Erlösmodell hinaus gibt es einen nennenswerten Vorwurf zu berichten: eine irreführende Bezeichnung für eine gesponserte Fortbildung in 2013. Der Fehler wurde korrigiert. Kritik muss nicht bequem sein, um nützlich zu sein.

Das arznei-telegramm hört auf. Freuen wir uns, dass ein unbequemer Akteur im Markt verschwindet? Nein. Es braucht in der Medizin kritische Nachfrage und eine offene Auseinandersetzung dazu, was Daten tatsächlich hergeben. Wissenschaftliche Debatte lebt davon, dass unterschiedliche Stimmen argumentieren, prüfen und sich korrigieren lassen. Eine davon wird bald fehlen.

Anouschka Wasner

Anouschka Wasner

Redakteurin Medical Tribune
Seit Anfang der 2000er Redakteurin im Ressort Politik und Wirtschaft der Medical Tribune. Fachjournalistin (FJS) mit Abschlüssen als Dipl.-Übersetzerin, Mediatorin und Kfz.-Mechanikerin. Verfolgt Themen rund um IT & Datenschutz, ambulante Versorgungsstrukturen, Kommunikation und Praxisführung mit Fokus auf Arbeit & Arbeitsrecht. Liebt Recherchen und witzige und/oder kluge Gäste im Podcast.

Bei Google bevorzugen

Sie möchten bei der Suche nach aktuellen Entwicklungen häufiger unsere Beiträge sehen? Dann fügen Sie uns jetzt zu Ihren bevorzugten Quellen hinzu.

Als bevorzugte Quelle auswählen
Wie funktioniert das? Häufige Fragen: Hier erfahren Sie mehr

Das könnte Sie auch interessieren