Praxiskolumne

Lieber lernen statt lamentieren

Aus der Praxis
|Erschienen am: 

Allein in der Praxis, unter Druck, ohne Rückfragemöglichkeit: Da passieren Fehler. Entscheidend ist, was danach folgt. Die ambulante Versorgung braucht eine offenere Fehlerkultur und CIRS-ähnliche Strukturen.

Zum ersten Mal als einzige Ärztin in der Praxis. Zwar war ich auch als Assistenzärztin in Ausnahmefällen mal allein, doch als Fachärztin fühlt sich das noch mal ganz anders an. Keine Kollegin, kein Kollege für die kleinen medizinischen Rückfragen, niemand für kurze abrechnungstechnische Tricks zwischen­durch. Sogar das MFA-Team ist aus Krankheitsgründen anders zusammengesetzt! Alles ist neu.

Die Patientinnen und Patienten dagegen sind weiterhin so, wie sie eben sind: drängend, fordernd und meist wenig verständnisvoll dafür, dass plötzlich alles länger dauert. Und dann passieren sie: Fehler.

Sie beginnen harmlos – mit der falschen Reihenfolge der Patientenanliegen am Tresen oder den Abrechnungsverhaspeleien. Aber manchmal bleibt es nicht nur bei den kleinen Dingen. Dann werden auf einmal Medikamenteninteraktionen zu spät gesehen, Diagnosen nicht bedacht, eine akute Fragestellung geht im Getriebe des Alltags einfach unter. Ich bin sicher, der eine oder die andere aus dem Kollegenkreis hätte die Augen gerollt.

Es fällt mir nicht leicht, mir das einzugestehen. Der Druck, an jeder Front gut zu sein, nichts zu übersehen und gleichzeitig effizient zu arbeiten, ist hoch. Und genau dieser Druck führt gelegentlich dazu, dass man an der einen oder anderen Stelle etwas übersieht oder aufgrund der schieren Menge an Aufgaben die Arbeit nachlässiger erledigt, als man es von sich selbst erwartet hätte.

Rückblickend ist niemand zu Schaden gekommen. Die kleinen Fehler konnten korrigiert werden. Trotzdem ärgern sie mich.

Und ich brauche länger als gedacht, um mit mir selbst wieder ins Reine zu kommen. Manchmal schlaflose Nächte, die Sorge, etwas übersehen zu haben. Ein Gefühl, das mich an meine ersten Nachtdienste als Assistenzärztin erinnert.

Dabei lässt der Begriff „Fehler“ durchaus Interpretationsspielraum. Die eine ärgert sich schon darüber, dass sie die Vene nicht direkt getroffen hat. Der andere beginnt erst zu grübeln, wenn eine Diagnose übersehen wurde oder eine Patientin oder ein Patient zu Schaden kam. Und manchmal hallt schon ein misslungenes Patientengespräch oder eine fachliche Unsicherheit lange nach.

Irgendwann muss man sich daher eine praktische Frage stellen: Wie zieht man möglichst schnell nötige Konsequenzen, ohne zu lange im Grübeln stecken zu bleiben? Denn jede Stunde, die man mit Selbstvorwürfen verbringt, blockiert Energie, die man für die nächste Patientin, den nächsten Patienten bräuchte.

Natürlich wissen wir Ärztinnen und Ärzte, dass Fehler passieren können – im schlimmsten Fall vielleicht sogar schwerwiegende. Aber diese Erfahrung dann auch tatsächlich zu machen, ist etwas anderes. Und wie kommt man dann mit der Patientin, dem Patienten wieder ins Reine? Den Fehler offen ansprechen? Oder besser schweigen? In Krankenhäusern gibt es strukturierte Fehlermeldesysteme wie CIRS. In der ambulanten Versorgung ist eine solche Kultur in Grundsätzen vorhanden – aber deutlich weniger etabliert und genutzt.

Dabei würde eine offenere Fehlerkultur allen entgegenkommen: der Medizin, unseren Patientinnen und Patienten – und uns selbst. Umso wichtiger sind die Angebote, die sich inzwischen flächendeckend finden lassen: Seminare, Workshops, Qualitätszirkel und Hotlines, die im Umgang mit Fehlern unterstützen – sowohl präventiv als auch im Nachgang. Und das Fehlermanagement im Rahmen eines guten Qualitätsmanagements ist auch besonders hilfreich.

Nein, wir werden Fehler nie ganz vermeiden können. Aber wir können entscheiden, ob wir sie verdrängen – oder ob wir durch sie bessere Ärztinnen und Ärzte werden.

Dr. Franziska Hegedüs

Dr. Franziska Hegedüs

Dr. Franziska Hegedüs beendete 2025 ihre Facharztweiterbildung in der Allgemeinmedizin und arbeitet jetzt in einer klassischen Hausarztpraxis in Flöha im Landkreis Mittelsachsen. Eigentlich wollte sie nach dem Abitur „mal was mit Zeitung machen“. Dass sie stattdessen Medizin studierte, ist einer eher kuriosen Wette mit einer Freundin zu verdanken. Ein bisschen darf sie nun doch „etwas mit Zeitung tun“ und schreibt seit einem Jahr für die Kolumne der Medical Tribune Geschichten aus dem Praxisalltag. Nebenbei und soweit es die Zeit zulässt, werkelt sie zusammen mit ihrem Ehemann, Dr. Janos Hegedüs, am gemeinsamen Podcast „Sprechstunde mit Dr. Hegedüs“, der medizinische Themen für Laien verständlich aufbereitet und zugleich auf die Gefahren alternativer Heilpraktiken aufmerksam machen möchte. Gerade in der Hausarztpraxis verschwimmen oft die Grenzen zwischen evidenzbasierter Medizin und Alternativmedizin. Das sollte nicht weiter toleriert, sondern kritisch hinterfragt werden – zum Wohle der Patient:innen.

Das könnte Sie auch interessieren