Die unterschätzte Psychopathie
Subklinische Psychopathie ist deutlich verbreiteter als oft angenommen: Auch im Alltag, in Beziehungen und in der Politik begegnen uns emotionale Kälte, Rücksichtslosigkeit und Verachtung für andere. Eine Kolumne.
Psychiaterinnen und Psychiater tragen eine gesellschaftliche Verantwortung, die oft übersehen wird: Sie müssen die Bevölkerung aufklären. Nicht um Paranoia zu schüren, sondern um Menschen zu befähigen, gefährliche Persönlichkeitsmuster frühzeitig zu erkennen. Die subklinische Psychopathie ist in dieser Hinsicht zentral. Sie betrifft nicht nur zwei oder drei Prozent der Bevölkerung wie die „echte“ Psychopathie, sondern etwa vierzehn Prozent! Diese Menschen sind unter uns – in Familie, Beruf, Politik. Und sie bleiben häufig unerkannt.
Das Fundament der Psychopathie ist nicht primär Kriminalität oder offene Regellosigkeit. Es ist eine Affektstörung: eine Trias von emotionaler Kälte, Rücksichtslosigkeit und Furchtlosigkeit. Diese drei Merkmale sind lebensgeschichtlich konstant, oft schon seit früher Kindheit. Sie bilden das psychologische Substrat, aus dem alles andere folgt.
Auch in der subklinischen Form zeigen sich die vier klassischen Facetten von Psychopathie: interpersonale Manipulation, affektive Defizite, verantwortungsloses und impulsives Verhalten sowie amoralisches, regelverletzendes Verhalten. Auch subklinische Psychopathen verbergen ihre Absichten hinter erwarteten Verhaltensweisen, scheinen oft besser als normal. Sie kaschieren, manipulieren, täuschen und lügen, ohne das hoch dosierte, selbstschädigende, amoralische und gefährliche Verhalten zu zeigen, das klinische Psychopathen disqualifiziert. Ein zusätzliches Merkmal: Sie können sich Autoritäten kaum unterordnen. Abhängigkeiten, Hierarchien und Anpassungszwänge erleben sie als unerträglich. Sie brauchen Kontrolle und Autonomie, um funktionsfähig zu bleiben.
Um eine solche Person praktisch zu erkennen, stellen Sie ihr eine einfache Frage: Was denkst du selbst darüber? Was empfindest du dabei? Die Antwort ist typischerweise verkürzt, wenig differenziert, emotional kaum spürbar. Es entstehen sogenannte Pseudoemotionen: ein Sprechen über Gefühle, aber kein echtes Fühlen.
Das deutlichste Merkmal aber ist Verachtung. Menschen, Dinge, Strukturen, die für andere Bedeutung haben, werden herabgewürdigt, nicht beachtet, oberflächlich abgehandelt: emotionale Kälte in Aktion. Subklinische Psychopathie heißt außerdem, eigene Fehler, Schwächen und Defizite nicht zu sehen. Reue oder Einsicht in begangene Fehler gibt es nicht.
Besonders in der Politik wird die Maske sichtbar. Es gibt sie aber auch in Beziehungen und Familien. Es wird permanent gelogen. Subklinisch psychopathische Führungspersonen behaupten Multiperspektivität, Differenziertheit, Reflexion. Sie klingen anschlussfähig und nachvollziehbar. Aber ihre tatsächlichen Äußerungen sind monoperspektivisch, schwarz-weiß gezeichnet: „Kartellparteien“ versus Alternative, „Oligarchisierung“ durch die „Altparteien“, richtig versus falsch, Feind versus Opfer. Keine Grautöne, denn Komplexität und Polyperspektive werden nur vorgetäuscht. Diese Diskrepanz zwischen behaupteter und tatsächlicher Denkweise ist ein starkes diagnostisches Signal.
Wenn Personen mit dieser Konstellation – emotionale Kälte, Rücksichtslosigkeit, Furchtlosigkeit – politische Macht erhalten, gefährdet das unsere Demokratie. Verachtung bestehender Strukturen, konstruierte Feindbilder, inszeniert Opferrollen, um sich selbst zu legitimieren: Das ist keine geeignete Führung, das ist eine Persönlichkeitspathologie.
Unsere Aufgabe als Psychiaterinnen und Psychiater ist, Menschen zu befähigen, diese Muster zu sehen, bevor sie wählen, bevor sie folgen, bevor es zu spät ist. Demokratie braucht Menschen, die verstehen, dass andere Menschen Bedeutung haben. Die Psychopathie versteht das nicht. Sie kann es nicht. Und das muss sichtbar werden.
Dr. Pablo Hagemeyer
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