Wissenschaftsfreiheit

ADA-Eklat: Diabetesexperten wegen Trump-Kritik rausgeworfen

Bericht
|Erschienen am: 
Der Titel des Leitartikels, den fünf Wissenschaftler auf dem Kongress der ADA in New Orleans verteilten.

Ausgerechnet auf dem ADA-Kongress fliegen renommierte Diabetesexperten hinaus, weil sie einen Trump-kritischen Leitartikel verteilen. Der Fall entfacht eine Debatte über Wissenschaftsfreiheit, Zensur und politischen Druck. Auch die AWMF hat sich geäußert.

Inhaltsverzeichnis

Man stelle sich vor, eine Fachgesellschaft lässt auf ihrem Kongress den Chefredakteur des eigenen Journals, einen ihrer ehemaligen Präsidenten sowie weitere anerkannte Fachleute von der Polizei hinauswerfen. Und zwar, weil sie Kopien eines Leitartikels verteilen, der im eigenen Journal erschienen ist.

So geschehen beim Kongress der American Diabetes Association (ADA) in New Orleans. Fünf Diabetesexperten händigten Besucherinnen und Besuchern einen Artikel aus dem ADA-eigenen Journal „Diabetes Care“ aus. Der Beitrag kritisiert die Wissenschaftspolitik der Trump-Administration, insbesondere geplante Kürzungen bei den staatlichen Gesundheitsinstituten (National Institutes of Health, NIH). Der Titel: „Fehlgeleitete Federstriche zerstören weiterhin die biomedizinische Forschung in den Vereinigten Staaten: Wir können uns Selbstzufriedenheit und Angst nicht länger leisten. Wir müssen jetzt alle handeln!“

Ziel war, eine Gegenposition zur Rede des NIH-Direktors zu schaffen

Mit der Aktion wollten die Wissenschaftler wohl ein Gegengewicht zu einer Eröffnungsrede des von Trump ernannten Direktors der NIH, Prof. Jay Bhattacharya, setzen. Letztlich war allerdings nur ein Vertreter von ihm vor Ort. Polizei und Sicherheitskräfte nahmen den fünf Wissenschaftlern ihre Kopien ab, eskortierten sie nach draußen und verwehrten ihnen den erneuten Eintritt. Zu den Herausgeworfenen gehörten Prof. Steven Kahn, Chefredakteur des ADA-Journals „Diabetes Care“ und einer der Autoren des Artikels sowie Prof. Desmond Schatz, ein ehemaliger Präsident der Fachgesellschaft.  

Viele Wissenschaftler und Teile der amerikanischen Diabetes-Community reagierten empört auf das Vorgehen. Sie deuteten es als Einschränkung der Meinungsfreiheit auf einem der weltweit bedeutendsten Diabetes-Kongresse. Auch innerhalb der ADA regte sich Widerstand: Prof. Jennifer Green, die für die nächste Amtsperiode gewählte Präsidentin der Fachgesellschaft, trat zurück. Der Chef des wissenschaftlichen Planungskomitees des Kongresses, Mark Atkinson, tat es ihr gleich.

Artikel war ausdrücklich nicht im Namen der ADA verfasst

In einer ersten kurzen Stellungnahme erklärte die ADA, man habe in der Aktion einen Verstoß gegen Regularien gesehen. Als Non-Profit-Organisation, die im Steuersystem in die Kategorie 501(c)(3) falle, müsse man ein überparteiliches Umfeld erhalten. Die Journalistin Elizabeth Cooney vom biomedizinischen Fachmedium STAT lässt das nicht gelten: Die Bestimmungen für diese Kategorie würden lediglich bedeuten, dass sich die Fachgesellschaft als Ganzes nicht politisch äußern solle – einzelnen Individuen sei dies sehr wohl erlaubt. Dies hätten die Autoren des Leitartikels auch berücksichtigt, indem sie anfangs schreiben „Die in diesem Editorial geäußerten Meinungen sind die persönlichen Ansichten der Autoren (...) und repräsentieren weder die der American Diabetes Association noch die der Arbeitgeber der Autoren.“

Nach der breiten Kritik entschuldigte sich der CEO der ADA, Charles Henderson, bei den Betroffenen und bei der Community in einer Videobotschaft. „Viele Mitglieder unserer Gemeinschaft waren verstört, enttäuscht und besorgt von dem, was vorgefallen ist.“ Man leite eine Untersuchung ein.

So gut wie keine Reaktionen aus Deutschland

Von deutschen Fachgesellschaften war nach dem Vorfall in New Orleans zunächst nichts zu hören. Auf Anfrage der Medical Tribune antwortete die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), man sehe mögliche Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit auf internationaler Ebene mit großer Sorge.

Die Arbeitsgemeinschaft verweist auf Analysen wie den Academic Freedom Index, nach dem die Wissenschaftsfreiheit in den vergangenen zehn Jahren in rund 50 Ländern zurückgegangen ist. „Diese Entwicklung unterstreicht, dass die Freiheit von Forschung, Lehre und wissenschaftlichem Austausch keine Selbstverständlichkeit ist, sondern aktiv geschützt werden muss.“

AWMF bewertet Unsicherheiten bei der Verfügbarkeit von PubMed kritisch

Zudem betont die AWMF, dass Einschränkungen jeglicher Art den Diskurs beeinträchtigen und zu Verunsicherungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft führen können. „Gerade internationale Fachgesellschaften und Kongresse sollten Räume bleiben, in denen wissenschaftlicher Austausch unabhängig von politischen oder anderen nicht-wissenschaftlichen Einflussfaktoren möglich ist.“

Sie bewerte kritisch, dass bei der Verfügbarkeit von Publikationsdatenbanken wie PubMed Unsicherheiten bestehen. Gleiches gelte auf nationaler Ebene für finanzielle Einschränkungen bei der Deutschen Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED).

Die hinausgeworfenen Diabetesexperten freuen sich laut Medienberichten derweil über einen Streisand-Effekt: Ohne das Vorgehen der ADA wäre ihr Leitartikel vergleichsweise unbemerkt geblieben. So aber sei er bereits mehrere zehntausendmal aufgerufen worden.

Foto von Isabel Aulehla

Isabel Aulehla

Redakteurin Medical Tribune
Isabel Aulehla arbeitet seit 2019 im Ressort für Politik & Praxis der Medical Tribune, erst als Volontärin, dann als Redakteurin. Zuvor studierte sie Publizistik und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie befasst sich besonders gerne mit Themen rund um Behandlungsfehler und KI. Außerdem ist sie Host des Podcasts O-Ton Innere Medizin.
 

Das könnte Sie auch interessieren