Languedoc-Roussillon

Languedoc-Roussillon: Auf den Spuren der Römer

Erschienen am: 
|
Aktualisiert am:

Die Region Languedoc-Roussillon im Süden Frankreichs bietet neben Strandvergnügen auch eine Menge kultureller Highlights. Denn die Region ist weit mehr als nur ein „französisches Florida“. Schon bei Ausflügen ins küstennahe Hinterland gibt es viel zu entdecken, so z. B. einmalige Meisterwerke römischer Baukunst wie den Pont du Gard oder die Arena und die Maison Carrée in Nîmes. Unsere Reiseautorin Dr. Renate Scheiper begab sich auf Spurensuche.

Er zieht den Schlüssel aus der Hosentasche, muss Touristen bitten, ein wenig Platz zu machen vor der metallenen Gittertür, in deren Schloss sich nun quietschend der Schlüssel dreht. Wie ein Sesam-öffne-Dich wird der Weg frei für unser Grüppchen. Als endloser Schacht liegt die mannshohe Wasserleitung vor uns, 275 Meter lang, die oberste Etage auf dem dreifach gestaffelten Bogenreigen. Elegant schwebend überspannt er seit 2.000 Jahren das blaue Wasser des Flusses Gardon im südfranzösischen Departement Gard, bekannt als Pont du Gard und bereits 1985 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Der Herr des Schlüssels ist der Viel-Wissende Guide Alex, der diese erst seit kurzem mögliche spezielle Führung macht und alle Fragen präzise beantwortet. Zum Beispiel, wie diese geniale Brückenkonstruktion damals überhaupt möglich war, und wie die Wasserführung von der Quelle beim nahen Uzès über 50 gewundene Kilometer bis Nîmes gelöst worden sei. Im neuen multimedialen Besucherzentrum erläutert er an einem großen Modell die komplizierte Führung der Wasserleitung mit Untertunnelungen, Überbrückungen und Umgehungen des unebenen Geländes mit einem Gefälle von insgesamt nur 12 Metern.

Ein Film zeigt, wie die großen Blöcke aus dem nahen Kalksteinbruch zurechtgeschnitten, transportiert und mit Hebekränen millimetergenau versetzt wurden. Über hölzernen, später entfernten Stützgerüsten entstanden die Bögen, die immer noch gehalten werden durch den berühmten Schlussstein im Scheitelpunkt und bisher allen Erdbeben widerstanden. In nur 5 Jahren war dieses technische Meisterwerk vollbracht.

Teilweise fehlen heute die Platten, mit denen der Wasserkanal gegen Verschmutzung abgedeckt war. Weit in die Ferne geht der Blick über die grüne Landschaft der zauberhaften Region Languedoc-Roussillon, durch die der Gardon als Nebenfluss der Rhone mäandert. Dann tauchen wir ein in die Dunkelheit des Wassertunnels. Die lichte Höhe bleibt, doch der Gang wird immer schmaler. Auf beiden Seiten wölben sich üppige Polster, es sind Kalkablagerungen des durchfließenden Wassers, das sich offenbar an manchen Stellen zeitweise staute. An solch stark "geschwollenen" Stellen kann man sich gerade noch quer hindurchquetschen.

Am Ende zeigt uns Alex noch einen Teil der weiterführenden Wasserleitung, die einen Hügel umkurvt und etwas weiter als Mini-Aquädukt zwei Hügel miteinander verbindet. Diese Strecke ist Teil des markierten Wanderweges von der Quelle in Uzès bis Nîmes. Wir laufen ein Stück durch diese fast mystische, Garrigue genannte urtümliche Landschaft mit Steineichen. Der Duft von Rosmarin, Thymian und Mastixsträuchern erfüllt die Luft.

Von Gladiatoren und Stieren

Wir fahren weiter nach Uzès, das antike Ucetia. Zauberhaft ist die kurze Wanderung zwischen uralten Platanen hinunter zur Quelle Fontaine d’Eure, aus der unter dem römischen Kaiser Augustus die mit Kriegsveteranen besiedelte Stadt Nemausus, das heutige Nîmes, mit frischem Wasser versorgt wurde. Aquamarinblau ergießt sich das Wasser – allerdings aus einem gestauten Mühlteich abfließend. Macht nichts. Die Imagination ist perfekt.

In Nîmes haben wir uns bewusst für das ehrwürdige Hotel "Imperator" aus den Roaring Twenties entschieden, das erstens genau gegenüber den herrlichen Gärten Jardins de la Fontaine liegt und zweitens bevorzugtes Domizil war von Ernest Hemingway und Pablo Picasso, die oft an der Bar sitzend die von beiden geliebten Stierkämpfe diskutierten bei reichlich Alkoholgenuss und in Rauchschwaden gehüllt.

Am nächsten Morgen machen wir uns auf, das römische Nîmes zu erkunden. Gegenüber in den Gärten sind die nun barock eingefassten Quellen beim Tempel der Göttin Diana zu bewundern. Ihr musste der vor den Römern hier verehrte keltische Quellgott Nemausus weichen. Auf dem dahinter ansteigenden Hügel "Mont Cavalier" erklimmen wir 140 gewendelte Stufen des Turmes der römischen Stadtmauer. Auf der Brüstung ist zu lesen, warum Palme und Krokodil das heutige Stadtwappen zieren: Die Römer prägten beides auf ihre Münzen, um zu sagen, dass sie Nordafrika unterworfen hatten. Aus der Beischrift NEM wurde Nîmes.

Wir schlendern zum schlicht "Maison Carrée" genannten römischen Tempel im Zentrum der Stadt. Auf einem Podest erbaut, ist er in aller Pracht erhalten. Innen, wo einst die Statue einer Gottheit stand, läuft jede halbe Stunde ein erst kürzlich produzierter Film, der anschaulich zeigt, wie die einst keltische Siedlung unter dem römischen Kaiser Augustus offenbar friedlich von den Römern besiedelt wurde. Bald schon schauen wir auf die Arena, das von den Römern hinterlassene Amphitheater. In dem riesigen Oval wurden damals als Volksbelustigung Christen als Verbrecher von wilden Tieren zerrissen. Ebenso beliebt wie heute Fußball waren damals die Gladiatorenkämpfe.

Nun fehlt noch die "Mündung" der großartigen Wasserleitung. Das Castellum genannte Verteilerbecken liegt in einer schmalen Seitenstraße nahe dem schmucklosen Augustus-Tor. In rauschendem Schwall ergoss sich das Wasser nach dem langen Weg in ein großes, rundes Bassin. Durch 10 noch vorhandene Öffnungen floss das wertvolle Nass durch ein kompliziertes Röhrensystem in Stadtbrunnen, öffentliche Thermen und auch in die Villen reicher Römer. Von alldem ist nichts mehr vorhanden außer Teilen bildreicher Mosaikfußböden im Archäologischen Museum. Der Neubau soll im Jahr 2018 gleich neben dem Amphitheater in prächtigem, gläsernem Gewand eröffnet werden.

Dr. Renate V. Scheiper

Reise-Informationen

Informationen, auch über spezielle Führungen: www.pontdugard.com; www.nimes-tourisme.com.

Reiseführer: Dumont Kunst-Reiseführer "Provence", 25,90 Euro; "Languedoc-Roussillon" Dumont direkt (neue Reihe), 9,99; Baedeker "Provence – Côte d’Azur" mit großer Reisekarte, 22,99 Euro.

Hotel Imperator:www.hotel-imperator.com.

Restaurant-Tipp: Restaurant Croizard, 17, Rue de Chassaintes – 30000 Nîmes. www.restaurantcroizard.com.



Römischer Tipp: Unweit Nîmes wurde im Gelände eines traditionellen Weingutes bei einer Ausgrabung ein römisches Weingut gefunden. Die Idee ist gelungen, auf "römisch" umzustellen mit Film, Museum und römischen Produkten: Mas des Tourelles 4294, Route de Saint-Gilles (D38), 30300 Beaucaire (Gard);www.tourelles.com.

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (14) Seite 96-98
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf doctors.today publiziert.