DDG sieht Lücken bei Evidenz, Qualität und Versorgung
In einem neuen Positionspapier nimmt die DDG eine abwägende, aber klare Haltung ein: Für ein bevölkerungsweites Screening auf Insel-Autoantikörper sieht die Fachgesellschaft derzeit keine Grundlage.
Zwar ist die wissenschaftliche Entwicklung schon weit vorangeschritten, doch nach Einschätzung der Deutschen Diabetes Gesellschaft fehlen noch zentrale Voraussetzungen, um ein solches Screening-Programm flächendeckend und bevölkerungsweit z. B. im Rahmen der Fr1da-Studie zu verankern. Im Zentrum der Debatte steht die Möglichkeit, Typ-1-Diabetes bereits vor der klinischen Manifestation zu erkennen, also mittels Nachweis multipler Autoantikörper in den präsymptomatischen Stadien 1 oder 2. Damit könnten Hochrisikopersonen frühzeitig beobachtet, Familien vorbereitet und sogar krankheitsverzögernde Maßnahmen eingeleitet werden – mit dem Einsatz des seit Anfang 2026 in Europa zugelassenen monoklonalen Antiköpers Teplizumab lässt sich die klinische Manifestation des Typ-1-Diabetes um im Mittel zwei Jahre verzögern. Zudem könnte eine frühe Diagnose v. a.bei Kindern und Jugendlichen die diabetische Ketoazidose bei Erstmanifestation verhindern oder seltener machen.
Das Positionspapier betont aber auch die Grenzen vor allem des bevölkerungsweiten Screenings: Ein positiver Antikörperbefund erlaubt zwar eine Risikoeinschätzung, der exakte Zeitpunkt der Erkrankung bleibt aber unvorhersehbar. Hinzu kommt: Die derzeit verfügbaren Tests sind nicht standardisiert, zwischen einzelnen Assays bestehen Unterschiede in Vergleichbarkeit und Kalibrierung und für ein Screening in der Allgemeinbevölkerung fehlen ausreichend belastbare Langzeitdaten. Auch die Frage, ob sich ein Screening-Programm gesundheitsökonomisch lohnt, ist offen.
2027: Leitlinie zum Typ-1-Diabetes-Screening
Derzeit erarbeiten DDG, AWMF und das IQWiG gemeinsam eine Leitlinie zum Screening auf Typ-1-Diabetes (Evidenzlevel 2e). Die Literaturrecherche wird das IQWiG übernehmen. Die Leitlinie soll im ersten Halbjahr 2027 fertig sein.
Screening in strukturierte Pfade einbetten
Die DDG ordnet das Thema außerdem anhand klassischer Screening-Kriterien ein: Ein sinnvolles bevölkerungsweites Screening setzt nicht nur eine relevante Erkrankung und eine erkennbare Frühphase voraus, sondern auch einen geeigneten Test, klare Entscheidungskriterien, eine gesicherte Nachsorge und ein Versorgungssystem, das auffällige Befunde verlässlich auffangen kann. Genau in diesen Punkten sieht die DDG derzeit Defizite. Ein Screening darf aus ihrer Sicht kein isolierter Labortest sein, sondern muss in strukturierte diagnostische und therapeutische Pfade eingebettet werden.
Besondere Aufmerksamkeit widmet das Positionspapier möglichen Nebenwirkungen eines Screenings. Wer über ein erhöhtes Erkrankungsrisiko informiert wird, kann psychisch belastet werden. Das gilt besonders für Eltern betroffener Kinder. Auch ethische Fragen spielen eine Rolle, etwa wenn Minderjährige ohne unmittelbaren Behandlungsanlass getestet werden. Die DDG mahnt deshalb eine sorgfältige Abwägung zwischen möglichem medizinischem Nutzen und potenziellen Schäden an.
Unterm Strich sieht die DDG derzeit noch keine ausreichende Grundlage für ein bevölkerungsweites Screening auf Typ-1-Diabetes. Die Chancen der Früherkennung werden anerkannt, ebenso die wissenschaftlichen Fortschritte. Für die Umsetzung in die Breite braucht es nach Auffassung der Deutschen Diabetes Gesellschaft jedoch mehr:
bessere Evidenz zur klinischen Wirksamkeit,
validierte Testsysteme und standardisierte Verfahren,
gesicherte Versorgungs- und Nachsorgestrukturen und
weitere gesundheitsökonomische und ethische Bewertungen.
Quelle: ddg.info/politik/stellungnahmen