Heiter bis wolkig: Guten Abend, gut‘ Nacht
Ich erinnere mich an ein Szenario vor Jahren, als mich morgens um drei Uhr eine Mutter mit verzweifelter Telefonstimme aus dem Schlaf riss. Ihr Kind schreie nun schon seit Stunden, sei nicht zu beruhigen und habe wahrscheinlich Bauchschmerzen, weil die Bauchdecke wie eine Trommel gespannt sei. Ich sicherte mein sofortiges Kommen zu, riet aber der Mutter zunächst, bei ihrem Nachwuchs die Körpertemperatur zu messen. Klassisch wohlgemerkt, mit dem Thermometer im Popo. Als ich wenig später bei der jungen Familie eintraf, fand ich einen entspannt schlafenden Säugling und eine glückselig strahlende Mutter. Sie erzählte mir, dass nach dem Einführen des Thermometers explosionsartig Darmgas entwichen und das Kindchen dann sofort entspannt eingenickt sei. Für den Wiederholungsfall habe ich dann noch die hilfreiche Anwendung eines feuchtwarmen Wickels und andere Tricks aus Großmutters Therapieportfolio erklärt: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.
Wenig später hat mir dann eine andere Mutter erzählt, dass sie bei den funktionellen Bauchschmerzen ihrer Kleinen das Bäuchlein immer mit dem Fön warm gemacht habe und in der Folge das Föngeräusch allein schon ausreichte, um das Kind zu beruhigen. Ein Tipp aus der Pawlowschen Konditionierungsschublade also, den ich bis heute mit leichtem Schmunzeln gerne an Jungeltern weitergebe, selbstverständlich nicht ohne den Hinweis auf beachtenswerte Alarmzeichen.
Doch dies gehört jetzt mit Ausnahme der immer wieder von Bauchschmerzen oder anderen Zipperlein gequälten kleinen Schreihälse und ihrer gestressten und überforderten Eltern dem analogen Mittelalter an. Die aktuelle Lösung heißt "Infant Crying Translator", eine App, die sich frischgebackene Neueltern auf ihre allseits bereitgehaltenen Lebens- und Kommunikationshelfer herunterladen können. Die in Taiwan entwickelte digitale Ersatzmutter soll bei Neugeborenen und älteren Babys aufgrund der Schreicharakteristik helfen, die Probleme des neuen Weltbürgers zu verstehen, ohne das elterliche Gehirn zu beanspruchen. Dazu wurden im Zeitraum von zwei Jahren mehr als 200.000 Babyschreie aufgezeichnet, analysiert und mit den Problemen des Kindes korreliert. Die Babylaute bei Hunger, nasser Windel, Müdigkeit und Schmerz konnten bei 9 von 10 Neugeborenen immerhin korrekt übersetzt werden, wobei die Trefferquote mit zunehmendem Alter allerdings schlechter wurde.
Auf den ersten Blick scheint das ganz erstaunlich. Doch welcher Zeitgeist bahnt sich an, wo eine seit Generationen gewachsene elterliche Trias aus Empathie, Erfahrung und Emotion schon ab dem Säuglingsalter durch Messtechnik ersetzt wird: "Guten Abend, gut‘ Nacht, vom Computer bewacht!"
Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2019; 41 (17) Seite 85
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf doctors.today publiziert.