Zuckersteuer beschlossen – wie geht es weiter?
Zuckersteuer beschlossen, Auftrag erfüllt? „Nein“, haben DANK und DDG beim Diabetes Kongress 2026 betont. Die politische Debatte um Prävention und Reduktion von Übergewicht, Adipositas und Diabetes geht nun weiter, denn viele Präventionsprobleme bleiben weiterhin ungelöst.
Erst vergehen 15 Jahre, dann geht alles ganz schnell: Seit Mai ist die Zuckersteuer beschlossene Sache; die Einführung konnte im Rahmen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes angestoßen werden. In einem „weiteren Gesetzgebungsverfahren“ werde die Bundesregierung beschließen, eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ab 2028 einzuführen. So steht es im Gesetzentwurf. „Da haben uns sicherlich die leeren Kassen etwas in die Hände gespielt“, betonte Barbara Bitzer, DDG Geschäftsführerin und Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK). Denn mit dem Entwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz kam auch die „gute Nachricht“, dass eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt werden soll.
Herstellerabgabe nach britischem Vorbild geplant
Laut dem Bericht der FinanzKommission Gesundheit ist eine nach Zuckergehalt gestaffelte Herstellerabgabe auf Softdrinks vorgesehen. Vorbild ist das britische Modell. Ab fünf Prozent Zuckergehalt von gesüßten Getränken sollen die Hersteller in die Pflicht genommen werden (siehe Kasten). Die Maßnahme soll 450 Mio. Euro in die Kassen spülen. Zu einem genaueren Vergleich zog Barbara Bitzer hier Großbritannien heran, wo eine solche Steuer auf Softdrinks dazu führte, dass der tägliche Zuckerkonsum signifikant gesenkt werden konnte: bei Minderjährigen von knapp 62 g auf rund 48 g, bei Erwachsenen von circa 58 g auf 48 g. Die tägliche Zuckeraufnahme bei Minderjährigen allein aus Softdrinks wurde sogar fast halbiert und sank von 22 g auf 12 g.
Zuckersteuer greift ab 5 g Zucker
Die Zuckersteuer ist gestaffelt und soll voraussichtlich folgende Regelungen für Softdrinks enthalten:
unter 5 g Zucker/100 ml steuerfrei
5 bis < 8 g Zucker/100 ml: 26 Cent je Litern
≥ 8 g Zucker/100 ml: 32 Cent je Liter
Von der Regelung ausgenommen sind 100 % Fruchtsäfte und Getränke mit künstlichen Süßstoffen.
Auf die Steuer reagierten in Großbritannien vor allem die Hersteller. Während 2015 noch fast die Hälfte der im Supermarkt erhältlichen Getränke 5 g Zucker pro 100 ml enthielt, waren es vier Jahre später nur noch 15 %. Zudem reduzierte sich das Übergewicht bei 10- bis 11-jährigen Mädchen um 8 %. Während das Vereinigte Königreich auch bei der Prävention in Europa die Nase vorn hat, ist Deutschland Schlusslicht. Es belegt Rang 17 von 18 untersuchten Staaten in Nord- und Zentraleuropa.
Die Spitzenreiter-Länder setzten hingegen besonders viele der wissenschaftlich empfohlenen Maßnahmen zur Föderung einer gesunden Lebensweise um, erklärte Bitzer: Mindeststandards für Schulessen, gesundheitsorientierte Besteuerung, umfassender Kinderschutz im Marketing. „Deutschland lässt viel Potenzial ungenutzt, vor allem bei gesundheitsförderlicher Politik“, so die DDG Geschäftsführerin. Neben der beschlossenen Zuckersteuer fordert DANK deshalb noch weitere Maßnahmen für einen gesunden Alltag, und das in jedem Alter: täglich eine Stunde Bewegung (Sport) in Kita und Schule, verbindliche Qualitätsstandards für Kita- und Schulverpflegung sowie ,das Verbot von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung.
Als es um die Einführung der Zuckersteuer ging, habe es „sehr viele kontroverse Positionen“ gegeben, so Professorin Dr. Diana Rubin vom Zentrum für Ernährungsmedizin und Diabetologie, Vivantes Netzwerk für Gesundheit, Berlin. Vor allem wenn es um die wissenschaftliche Evidenz ging. Da es in der Ernährungsmedizin „keine besonders guten“ randomisierten und kontrollierten Endpunktstudien, sondern vielmehr Beobachtungsstudien gebe, sei sie „zahlreichen Kritiken ausgesetzt“ gewesen. Das Thema Zucker werde aus zwei Gründen so kontrovers diskutiert: wegen einer starken Moralisierung aufgrund der hohen medialen Präsenz und dem Unterschied zwischen wissenschaftlicher Evidenz und populären Narrativen („Ich esse relativ viel Zucker: Bekomme ich deshalb einen Diabetes?“) und weil die Zunahme von Adipositas und Typ-2-Diabetes die Aufmerksamkeit für das Thema verstärke.
Großbritannien: Pläne für eine Ausweitung und Verschärfung der Zuckersteuer
Die Zuckersteuer haben weltweit bereits über 100 Länder umgesetzt. Als einer der Vorreiter in Europa gilt Großbritannien, das diese Abgabe 2018 eingeführt hat, wie auch Estland und Irland. Frankreich und Portugal starteten ein Jahr zuvor eine solche Steuer, seit 2021 gibt es sie auch in Spanien und Polen. Das Vereinigte Königreich verfolgt dabei ein einfaches zweistufiges Modell, das die Getränke je nach Zuckergehalt besteuert. Die Hersteller können damit relativ leicht in die untere Steuerkategorie fallen.
Dieses System führte dazu, dass die große Mehrheit der Getränkehersteller ihre Rezepturen angepasst und den Zuckergehalt deutlich gesenkt hat. Die britische Steuer gilt ausschließlich für zugesetzten Zucker, nicht für natürlichen Zucker aus Früchten oder anderen Quellen. Fruchtsäfte –auch wenn sie einen hohen natürlichen Zuckergehalt haben – sind davon ausgenommen. Die britische Regierung hat bereits angekündigt, die Zuckersteuer ab Januar 2028 noch auf Milchmischgetränke, gezuckerte Kaffeegetränke und Getränke mit Milchersatzstoffen (z. B. Hafer- oder Mandelmilch-Drinks) auszuweiten (Stand Juni 2026). Die untere Steuerschwelle sinkt dann von 5 g auf 4,5 g Zucker pro 100 ml.
Für die im Entwurf des GKV-Spargesetzes geplante Einführung der Zuckersteuer in 2028 ist das Bundesgesundheitsministerium mit der Ausarbeitung beauftragt und steht derzeit in Abstimmung mit den beteiligten Ressorts, hieß es auf Anfrage aus dem Ministerium.
Nicht nur allein den Zuckerkonsum betrachten
Zucker werde jedoch häufig nur isoliert betrachtet. Man müsse auch immer beachten: „Was ist das für eine Art von Zucker? Wo steckt der genau drin? In welchem Lebensmittel? Und wie ist das allgemeine Ernährungsmuster? Das spielt eine wesentliche Rolle“, betonte sie. Ein besonders starker Zusammenhang bestehe zwischen Zuckeraufnahme und Körpergewicht. Dies sei vor allem bei zuckergesüßten Getränken der Fall. So zeige die Evidenzlage eine starke Assoziation zwischen Softdrink-Konsum und Typ-2-Diabetes – mit einem um 13 % erhöhten Risiko pro täglicher Portion.1 Wichtiger als einzelne Nährstoffe sei jedoch der Kalorienüberschuss und die „Qualität der Gesamternährung“, führte die Prof. Rubin an. Fruktose sei differenziert zu betrachten. Süßstoffe würden als sicher gelten, prägten aber „auf süß“, so Prof. Rubin.Den Kampf für weniger Zucker in der Nahrungspräferenz ließe sich nur durch „eine multimodale Strategie gewinnen, die Verhaltens- und Verhältnisprävention kombiniert“. Nur so könne man „gegen die Macht von Zucker in Lebensmitteln und den Methoden der Werbeindustrie ankommen“.
Quelle:
Imamura F et al. BMJ 2015 Jul 21; 351: h3576; doi: 10.1136/bmj.h3576
Symposium „Zuckersteuer beschlossen – Präventionsprobleme gelöst?“; Diabetes Kongress 2026