Vom Studium in Pécs in die Praxis nach Pirna
Für angehende Ärztinnen und Ärzte kann ein Studium im europäischen Ausland neue Wege eröffnen. Gregor Naumann nutzte dafür das Förderprogramm der KV Sachsen. Es führte ihn zum Studium nach Ungarn und schuf zugleich eine Perspektive für seine hausärztliche Arbeit im Freistaat.
Als Gregor Naumann nach dem Abitur Medizin studieren wollte, reichte sein Notendurchschnitt nicht für einen Studienplatz in Deutschland. Der Weg in den Arztberuf schien versperrt. Dann entdeckte seine Mutter in der Zeitung einen Bericht über den ersten Jahrgang des Programms „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“ der KV Sachsen, der 2013 gestartet war. Naumann bewarb sich – und wurde angenommen.
2014 begann er den deutschsprachigen Studiengang an der Universität Pécs im Süden Ungarns. Sechs Jahre später schloss er das Studium ab. Der Schritt ins Ausland eröffnete ihm nicht nur die Chance auf die lange gewünschte Ausbildung, sondern war von Anfang an mit einer klaren Rückkehrperspektive verbunden: nach Sachsen, in die hausärztliche Versorgung auf dem Land. Denn das KV-Projekt schafft nicht nur zusätzliche Studienplätze zu den in Deutschland verfügbaren, sondern verknüpft das Studium im Ausland mit einer allgemeinmedizinischen Weiterbildung sowie einer Verpflichtung zur hausärztlichen Tätigkeit in unterversorgten Gebieten des Freistaats für mindestens fünf Jahre.
„Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“
Die KV Sachsen startete 2013 das Modellprojekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“. Das Förderprogramm richtet sich an Abiturientinnen und Abiturienten mit einem Notendurchschnitt von mindestens 2,6. Die Teilnehmenden studieren Humanmedizin im deutschsprachigen Studiengang an der Universität Pécs; die Gebühren werden während der Regelstudienzeit übernommen. Nach dem Abschluss absolvieren sie ihre Weiterbildung zur Fachärztin oder zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Sachsen. Sie verpflichten sich zu einer mindestens fünf Jahre dauernden hausärztlichen Tätigkeit im Freistaat. Eine Tätigkeit in Dresden, Radebeul, Leipzig oder Markkleeberg ist nicht vorgesehen.
Anfangs wurden jährlich 20 Plätze gefördert. Seit dem Studienjahr 2020/21 finanziert Sachsen 40 Plätze pro Jahrgang. Aktuell nehmen insgesamt 251 Personen mit dem Wunsch, Haus- oder Facharzt in Sachsen zu werden, am Modellprojekt teil, davon befinden sich 178 im Studium. Seit 2019 sind insgesamt 73 Absolventen zurück nach Sachsen gekommen, von denen derzeit 65 ihre Weiterbildung absolvieren. In der vertragsärztlichen Versorgung sind bereits 8 Fachärztinnen und -ärzte tätig.
Gemeinschaft weit weg von zu Hause gefunden
Das Studium in Ungarn unterschied sich deutlich von einem Medizinstudium in Deutschland, so Naumann. Mit rund 200 anderen deutschen Studienanfängerinnen und -anfängern musste er sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden. Das Studierendenbüro unterstützte die jungen Menschen bei organisatorischen und sprachlichen Fragen. Zugleich entstand ein enger Zusammenhalt. Viele der damals geschlossenen Freundschaften bestehen bis heute fort, auch wenn viele ehemalige Kommilitoninnen und Kommilitonen inzwischen über ganz Deutschland verteilt arbeiten. Einige von ihnen waren nicht Teil des Förderprogramms, andere waren bereit, die Vertragsstrafe in Höhe der gesamten Studiengebühren zu zahlen, um nicht an Sachsen gebunden zu sein.
Schon im ersten Semester gehörten im Rahmen des Ungarischunterrichts Gespräche mit Erkrankten zum Studienalltag. Dabei standen neben der Sprache der Umgang mit Patientinnen und Patienten und das Führen von Anamnesegesprächen im Mittelpunkt. „Wenn man sich bemüht hat, wurde man von den Patientinnen und Patienten ernst genommen, auch wenn man die Sprache noch nicht perfekt beherrscht hat“, erinnert sich Naumann. Dieser unmittelbare Bezug zu Patientinnen und Patienten habe ihm später den Berufseinstieg erleichtert. Ein weiterer Unterschied waren die überwiegend mündlichen Prüfungen. Statt sich vor allem auf Multiple-Choice-Tests vorzubereiten, mussten die Studierenden in Pécs ihr Wissen im direkten Gespräch darlegen.
Während des Studiums war Naumann über eine Patenschaft mit einer Hausarztpraxis im sächsischen Schmiedeberg verbunden. Bei Hospitationen lernte er früh, was den Praxisalltag ausmacht: nicht nur die Behandlung einzelner Erkrankungen, sondern die langfristige Betreuung von Patientinnen und Patienten.
Nach dem Studium absolvierte Naumann in Sachsen eine breit angelegte Weiterbildung. Er arbeitete zunächst zwei Jahre in einer Klinik in Pirna, danach durchlief er in Dippoldiswalde Abschnitte in Kinderheilkunde und Dermatologie. Darauf folgten sechs Monate in einer chirurgischen Praxis in Dresden, bevor ihn sein Weg wieder nach Pirna in die Allgemeinmedizin führte.
Unterstützung erhielt er dabei auch über die Weiterbildungsförderung der KV. Diese senkt für Facharztpraxen die Hürde, Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zeitlich begrenzt anzustellen. Gerade in Fächern wie Dermatologie, Pädiatrie oder Chirurgie sei das wichtig, weil Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten dort oft nur einige Monate bleiben, so Naumann.
Zusätzlich nutzte er Angebote des Kompetenzzentrums Weiterbildung Allgemeinmedizin Sachsen. Seminartage vermittelten fachliche Inhalte, etwa zu Krankheitsbildern und Verordnungen, aber auch Wissen über organisatorische Praxisaufgaben. Besonders wertvoll waren für Naumann die Mentoring-Termine mit einer erfahrenen Hausärztin und anderen Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung. Dort sei es um die Struktur der Weiterbildung, mögliche Rotationen und die Fragen gegangen, die sich vor einer späteren Niederlassung stellen.
Das neue Gebäude der medizinischen Fakultät der Universität Pécs bietet Raum für 426 Studierende.
Versorgung reicht über Pirnas Stadtgrenzen hinaus
Heute arbeitet Naumann in Pirna in einer Hausarztpraxis mit diabetologischem Schwerpunkt. Dort kümmert er sich gemeinsam mit zwei weiteren Ärztinnen und Ärzten und acht nichtärztlichen Mitarbeitenden um die Versorgung. Das Einzugsgebiet ist groß: Hausärztlich reicht es von Pirna bis in die Sächsische Schweiz und in Richtung tschechische Grenze. Für den diabetologischen Schwerpunkt kommen Patientinnen und Patienten teils von noch weiter her. Pirna sei zwar keine abgelegene Landregion, aber auch nicht vergleichbar mit überversorgten Großstädten wie Dresden und Leipzig.
Besonders deutlich werde das bei Hausbesuchen, die Fahrtzeiten von bis zu 40 Minuten bedeuten können. „Die Entfernungen bei Hausbesuchen sind teilweise eine Herausforderung“, so Naumann. Eine solche Fahrt lasse sich nicht einfach zwischen zwei Sprechstunden legen. Dass die Praxis ärztlich zu dritt besetzt sei, erleichtere jedoch die Organisation.
Die Praxis als Wegweiser im Versorgungssystem
Die Arbeit in der Region empfindet Naumann als erfüllend. „Die Patientinnen und Patienten sind sehr herzlich und haben großes Vertrauen in uns Hausärztinnen und Hausärzte.“ Die Praxis ist für viele Menschen die erste und oft wichtigste Anlaufstelle. Fachärztliche Kapazitäten seien in der Umgebung knapp. „Das Durchschnittsalter unserer Patientinnen und Patienten liegt im Schnitt bei knapp über 70 Jahren“, schätzt der Mediziner. Viele Menschen sind multimorbid und benötigen eine kontinuierliche, gut koordinierte Versorgung.
Naumanns beruflicher Fokus liegt auch künftig klar in Pirna. „Ich wüsste nicht, wo ich sonst hinwollte.“ Er will die hausärztliche Versorgung vor Ort langfristig fortführen und zugleich den diabetologischen Schwerpunkt erhalten. Derzeit erwirbt er die Zusatzbezeichnung Diabetologie. Im Frühjahr 2027 könnte eine Praxisübernahme möglich werden, auch wenn die Details noch geklärt werden müssen.
Auf das Modellprojekt blickt er positiv zurück: „Ohne dieses Programm hätte ich niemals Medizin studieren können.“ Und er bleibt ihm auch verbunden: Heute engagiert er sich in einem neuen Beirat für Studierende in Pécs und unterstützt mit weiteren Beteiligten neue Teilnehmende. Jährlich soll ein Beiratsmitglied nach Pécs reisen und den Kontakt zu den Studierenden halten. Vorgesehen ist auch eine Sprechstunde, über die sich Studierende bei Fragen oder Problemen an den Beirat wenden können.
Klagen gegen die Landarztquote
Um mehr junge Medizinerinnen und Mediziner für die allgemeinärztliche Versorgung in strukturschwachen Gebieten zu gewinnen, setzen die meisten Bundesländer das Instrument der Landarztquote ein. Ein bestimmter Anteil der Studienplätze wird an Bewerbende vergeben, die sich vertraglich verpflichten, nach Studium und Weiterbildung für mehrere Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Mittlerweile stellen allerdings erste Studierende ihre Verpflichtung aus der Landarztquote juristisch infrage. Bundesweit sind 28 Klagen anhängig, davon 17 in Nordrhein-Westfalen. Das zeigen Recherchen der „Zeit“ mit einer Abfrage bei den Landesgesundheitsministerien.
Im Zentrum der Kritik stehen die lange Bindungsdauer, die eingeschränkte Wahl der Fachrichtung und die Unsicherheit über den späteren Einsatzort. Viele Betroffene fürchten, dass sich Berufswunsch, Familienplanung und Wohnort in den kommenden Jahren nicht mit den Vertragsvorgaben vereinbaren lassen. Zudem wird die Höhe der Vertragsstrafe von bis zu 250.000 Euro juristisch angegriffen. Ein Gutachten des Bundesgesundheitsministeriums hatte 2015 maximal 150.000 Euro empfohlen.
Jan Helfrich
Bei Google bevorzugen
Sie möchten bei der Suche nach aktuellen Entwicklungen häufiger unsere Beiträge sehen? Dann fügen Sie uns jetzt zu Ihren bevorzugten Quellen hinzu.
Als bevorzugte Quelle auswählen