Medfluencing geht auch seriös

Ärztekammern in NRW fordern online mehr Transparenz

Medical-Tribune-Bericht
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Ärztekammern in NRW fordern Transparenz beim Medizin-Influencern.

Gesundheitscontent boomt. Doch statt seriös über Medizinthemen aufzuklären, nutzen viele Medfluencerinnen und Medfluencer den Trend, um etwa für Nahrungsergänzungsmittel zu werben. Die Ärztekammern in NRW fordern jetzt klare Transparenzregeln.

Sie posen mit Stethoskop, nennen sich „Doc“, obwohl sie kein Medizinstudium abgeschlossen haben und gehen munter Werbepartnerschaften ein. Während sich diese Spezies an Medfluencerinnen und Medfluencern bewusst publikumswirksam präsentiert und oft Des- und Fehlinformationen verbereitet, nutzen auch immer mehr approbierte Ärztinnen und Ärzte digitale Plattformen wie Instagram oder YouTube für seriösen Content.

Um „Doc Alina“, genauer Alina Walbrun, Medizinstudentin aus München und eine der erfolgreichsten Medfluencerinnen, der etwa 300.000 Menschen allein auf Instagram folgen, war es vor einigen Wochen plötzlich ruhig geworden. Keine Storys, keine Posts, keine Kommentare. Obwohl sie sonst fast täglich ihre Erfahrungen mit Vitaminpillen oder Matchapulver aus ihrem eigenen Online-Shop teilt. Im Mai meldete sie sich auf LinkedIn dann publikumswirksam zurück: Die umstrittene Influencerin hat ihr Medizinstudium offiziell an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) abgeschlossen. Ihr früherer Instagram-Kanal „Doc Alina“ läuft nun weiter unter ihrem Klarnamen, aber ohne „Doc“.

LMU wehrt sich gegen „gezielte Fehlinformation“

Ausgerechnet an der LMU hat Walbrun ihr drittes Staatsexamen abgelegt, wo im Sommer 2023 eine Petition gegen sie gestartet wurde. Anlass gab ein Podcast, in dem die damals angehende Ärztin einer Aussage zugestimmt hatte, dass es im Interesse der Schulmedizin liege, Patientinnen und Patienten krank zu halten, um davon profitieren zu können. Dies führte letztlich dazu, dass die LMU die Prüfung der Promotion von Doc Alina durch die Ethikkommission der Uni forderte.

Zum Abschluss hat Alina Walbrun eine Berliner Kinderärztin auf LinkedIn mit einem verbalen Seitenhieb gratuliert: „Ich würde mir wünschen, dass du jetzt als fertige Ärztin deinen Berufsstand würdevoll vertreten wirst und nicht dein Portemonnaie, sondern das Wohl deiner Patienten in den Vordergrund stellst!“

Zu den heutigen Medfluencerinnen und Medfluencern zählen aber nicht nur solche negativ kommentierte Beispiele, sondern auch approbierte Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches Fachpersonal, die seriös über medizinische Themen aufklären und das Gesundheitsbewusstsein fördern wollen. Sie nutzen die üblichen Kanäle wie Instagram, YouTube, TikTok, LinkedIn mit Videos, Reels, Storys bzw. Expertenposts oder sind in Podcasts zu hören.

Einer der führenden Medfluencer in Deutschland ist Dr. Felix M. Berndt, Facharzt für Allgemeinmedizin. Doc Felix folgen über 2 Mio. Personen auf Instagram sowie weitere fast 1 Mio. auf TikTok, wo er humorig über Ernährung, Fitness und Prävention aufklärt. Und auch mit Sebastian Alsleben informiert ein seriöser Medfluencer mit über 78.000 Followerinnen und Followern auf Instagram (@deinhausarzt) sowie auf dem Medical-Tribune-Insta-Kanal über Medizinthemen.

Jede Person darf sich „Doc“ nennen

Medfluencerinnen und Medfluencer wie „Medizinstudierende oder Personen mit medizinischem Hintergrund und großer Reichweite“ unterliegen bisher jedoch nicht automatisch den berufsrechtlichen Werbevorgaben und der Aufsicht der Ärztekammern. Das geht aus einer Kleinen Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hervor. Laut Antwort der Regierung liegen ihr auch keine weiteren näheren Quellen über das Ausmaß gesundheitsbezogener Desinformation vor. Gleiches gilt für genauere Erkenntnisse z. B. zu Nahrungsergänzungsmitteln, die über soziale Medien beworben werden und vor allem für Kinder und Jugendliche schnell gefährlich werden können.

Nach Angaben von Dr. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, darf sich online jede Person – mit oder ohne fachliche Kompetenz – zu Gesundheitsthemen äußern und sich „Doc“ nennen. Niemand muss einen Doktortitel oder ein abgeschlossenes Medizinstudium vorweisen können. Manche „Fake-Mediziner“ nutzten auch ungeschützte Titel wie „Gesundheitscoach“ oder „Gesundheitsprofi“. Die Plattformbetreiber prüften die Angaben hinter den Accounts selbst nicht. Auch fehlten Gütesiegel für vertrauenswürdige Profile im Gesundheitsbereich bei TikTok oder Instagram, kritisiert er.

Die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe fordern hier einheitliche Offenlegungs- und Transparenzpflichten (fachliche Qualifikation und Anzeige von kommerziellen Interessenkonflikten). Erstmals schreiben die beiden Kammern auch einen Medfluencer-Preis aus (siehe Kasten).

„Es darf nicht sein, dass selbsternannte Gesundheitsexperten zum Beispiel hoch dosierte Vitamininfusionen als Ersatz für eine Chemotherapie empfehlen und vermarkten, und es kaum Möglichkeiten gibt, dagegen vorzugehen“, so der Kammerpräsident. Als Beispiel nennt er Frankreich, das Influencerinnen und Influencern gesetzlich verboten hat, „Methoden zu bewerben, die dazu aufrufen, eine herkömmliche medizinische Behandlung abzubrechen oder zu unterlassen. In diese Richtung sollten wir auch denken“, empfiehlt er.

NRW-Ärztekammern vergeben Preis für Medfluencing

Die NRW-Ärztekammern loben erstmals einen Medfluencer-Preis 2026 für Ärztinnen und Ärzte sowie für Medizinstudierende aus. Ausgezeichnet werden fachlich fundierte und allgemeinverständliche Videobeiträge auf Social Media (YouTube Shorts, Instagram und TikTok). Alle Beiträge müssen den professionellen Standards journalistischer Arbeit und der ärztlichen Sorgfaltspflicht entsprechen. Das Preisgeld liegt bei 2.500 Euro. Mit dem Preis sollen auch „Standards für guten Social-Media-Content in der Bevölkerung“ bekannt werden, so Dr. Hans-Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Die Schirmherrschaft für den Preis hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann übernommen. Bewerbungen können noch bis zum 10. Juli 2026 eingereicht werden.www.aekno.de/preis2026

Staatsexamen in der Tasche, Werbung läuft weiter

Der Wunsch der Berliner Kinderärztin an Alina Walbrun hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Die Münchner Jungärztin ist nicht nur auf Instagram wieder täglich digital am Geldverdienen. So bewarb sie kurz nach ihrem Abschluss in einem Reel ein „matchy Oberteil“ von Lacoste vor dem Lauftraining. Später bei einem Gang durch einen Wellnessbereich empfiehlt sie Infrarotsaunen („aus Longevity-Perspektive“) und eine Blaulichtfilterbrille für bessere Schlafgesundheit. Beim Abendessen schwärmt sie von Hanföl zum Karottensüppchen. Werbepartner des Films ist ein österreichisches Health Ressort.

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