Suchtmedizin

„Eine Steuererhöhung muss der Gesundheit dienen“

Interview
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Ob Rauchen, Trinken oder Scrollen: Der diesjährige Deutsche Ärztetag widmet sich unter dem Motto „Suchtmedizin im Wandel“ aktuellen Problemen.

Der diesjährige Deutsche Ärztetag widmet sich dem Thema Suchtmedizin. Wie blickt Prof. Dr. Hendrik Streeck, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, auf eine Tabaksteuer, ein Social-Media-Verbot oder die Rolle der Ärzteschaft in der Suchtversorgung?

War die Teillegalisierung von Cannabis durch die Ampelkoalition ein Fehler?

Prof. Dr. Hendrik Streeck: Die Debatte wird zu oft ideologisch geführt. Aus medizinischer Sicht ist eindeutig, dass Cannabis keine harmlose Substanz ist, insbesondere für junge Menschen mit einem noch reifenden Gehirn. Das Gesetz ist in Teilen widersprüchlich und muss deswegen korrigiert werden. Gleichzeitig dürfen wir die Realität nicht ausblenden, dass rund fünf Millionen Erwachsene in Deutschland regelmäßig Cannabis konsumieren. Hier müssen wir Wege finden, wie wir Risiken und Schäden reduzieren.

Nina Warken spricht sich dafür aus, die Legalisierung umfassend zu überarbeiten. An welchen Stellen sollte sie nachschärfen?

Prof. Streeck: Der Handlungsbedarf liegt vor allem beim Jugendschutz und bei der Prävention. Wir haben Strukturen verloren, die junge Konsumierende früh in Hilfesysteme geführt haben. Das müssen wir wieder aufbauen. Solche Frühinterventionen sind enorm effektiv, um junge Menschen vor einer dauerhaften Sucht zu schützen. Zudem braucht es eine klare Trennung zwischen medizinischer Anwendung und Freizeitkonsum. Wenn diese Grenze verschwimmt, leidet nicht zuletzt die Glaubwürdigkeit der Medizin.

Die meisten drogenbedingten Gesundheitsschäden gehen auf die legalen Substanzen Alkohol und Tabak zurück. Meinen Sie, die Bundesregierung sollte das stärker ins Auge fassen?

Prof. Streeck: Ja, und zwar konsequent. Die größten gesundheitlichen Schäden entstehen durch Alkohol und Tabak. Das ist medizinisch eindeutig. Trotzdem behandeln wir beide Substanzen oft zu nachlässig. Maßnahmen wie ein Aromenverbot bei Vapes oder das Ende des begleiteten Trinkens ab 14 sind konkrete Schritte. Wenn wir Gesundheitsschutz ernst nehmen, müssen wir hier ansetzen.

Was halten Sie von einer höheren Tabaksteuer, wie sie die Finanzkommission Gesundheit vorgeschlagen hat?

Prof. Streeck: Ich setze mich schon länger mit Nachdruck für eine Erhöhung der Tabaksteuer ein. Höhere Preise senken nachweislich den Konsum und erschweren den Einstieg, vor allem bei Jugendlichen. Entscheidend ist jedoch die Ausgestaltung. Eine Steuererhöhung muss der Gesundheit dienen. Ein Teil der Einnahmen sollte gezielt in Prävention und Entwöhnung fließen. Wer aufhören will, braucht Zugang zu wirksamer Unterstützung.

Der diesjährige Ärztetag steht unter dem Motto „Suchtmedizin im Wandel – ärztliche Verantwortung zwischen Prävention, Versorgung und Regulierung“. Welchen Wandel wünschen Sie sich in der Rolle von Ärztinnen und Ärzten in der suchtmedizinischen Versorgung?

Prof. Streeck: Suchtmedizin gehört in die Mitte der Versorgung. Ärztinnen und Ärzte müssen früher hinschauen und klar ansprechen, wenn Konsum problematisch wird. Dafür brauchen sie Zeit, gezielte Fortbildung und eine bessere Vernetzung mit Beratungs- und Hilfsangeboten. Prävention beginnt im Sprechzimmer und nicht erst bei manifester Abhängigkeit.

Zuletzt wurde ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Wie finden Sie diese Idee?

Prof. Streeck: Wir sehen ­bereits, dass etwa jedes vierte Kind problematische Nutzungsmuster entwickelt hat. Das liegt nicht nur am individuellen Verhalten, sondern auch an Plattformen, die gezielt suchtfördernde Mechanismen einsetzen. Die Risiken sind real. Deshalb brauchen wir klare Regeln, verlässliche Altersgrenzen und mehr Verantwortung der Anbieter. Ein Verbot allein greift zu kurz.

Wie ist Ihre Agenda für Ihre Zeit als Drogenbeauftragter der Bundesregierung, was wollen Sie erreichen?

Prof. Streeck: Ich richte Drogenpolitik stärker an Evidenz und Realität aus. Wir sehen neue Dynamiken mit Kokain, Crack und synthetischen Opioiden. Gleichzeitig bleiben Alkohol und Tabak die größten Treiber von Krankheit. Daraus folgt ein klarer Auftrag: Prävention stärken, Versorgung verbessern und schneller auf neue Entwicklungen reagieren.

Wenn es nur eine drogenpolitische Maßnahme gäbe, die in dieser Legislatur umgesetzt wird, welche sollte das Ihrer Meinung nach sein?

Prof. Streeck: Ein belastbares Frühwarnsystem. Wir erkennen zu oft zu spät, welche Substanzen im Umlauf sind. Das kostet Leben. Wir brauchen bessere Daten und schnellere Auswertung, idealerweise in Echtzeit. Nur so können wir rechtzeitig gegensteuern und wirksam handeln.

Foto von Isabel Aulehla

Isabel Aulehla

Redakteurin Medical Tribune
Isabel Aulehla arbeitet seit 2019 im Ressort für Politik & Praxis der Medical Tribune, erst als Volontärin, dann als Redakteurin. Zuvor studierte sie Publizistik und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie befasst sich besonders gerne mit Themen rund um Behandlungsfehler und KI. Außerdem ist sie Host des Podcasts O-Ton Innere Medizin.