Krebsprävention in Deutschland: Warum die Umsetzung weiter stockt
Krankheitsprävention ist immer noch eine Schwachstelle in der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Das stellt sich leider auch in der Onkologie so dar. An Wissen mangelt es keineswegs – trotzdem hapert es an der Umsetzung. Warum?
Gesunde Lebensweise heißt aus Expertensicht: Verzicht auf Tabak und Nikotinprodukte, Übergewicht vermeiden, regelmäßige Bewegung, begrenzter Alkoholkonsum, Schutz vor intensiver UV-Strahlung. Seit Jahrzehnten werden diese Maßnahmen zur Reduzierung von Krebserkrankungen den Menschen empfohlen, von Politik, in Medien, von Ärzteschaft und Krankenkassen. Trotzdem werden jährlich mehr als eine halbe Million Neudiagnosen registriert.
Die Vorteile einer gesunden Lebensweise sind unstrittig. Bewegung und Sport können laut Deutscher Krebshilfe vor allem vor Darmkrebs, Brustkrebs (nach den Wechseljahren), Gebärmutterkörperkrebs, Blasenkrebs, Speiseröhrenkrebs, Magenkrebs und Nierenkrebs schützen. Langes Sitzen kann das Risiko für einige Krebsarten unabhängig vom Aktivitätslevel hingegen erhöhen. „Wir wissen heute so viel wie nie zuvor darüber, wie Krebs verhindert werden kann, aber wir schaffen es noch nicht, dieses Wissen umzusetzen“, so Präsidentin Prof. Dr. Rita Schmutzler.
Der Nationale Krebspräventionsgipfel von Deutscher Krebshilfe und Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) trägt den Titel „Von der Empfehlung zur Entscheidung?“ Erstmals 2024 und zuletzt im Juni 2025 gingen die Teilnehmenden der Frage nach, warum der Gesundheitsschutz in der Praxis oft hinter dem Forschungsstand zurückbleibt und mit welchen konkreten Maßnahmen sich das ändern lässt.
Neue Wege der Prävention
Anlässlich der Nationalen Krebspräventionswoche hat die DGHO aktuell einen neuen Band ihrer gesundheitspolitischen Schriftenreihe „Neue Wege der Prävention, Früherkennung und frühe systemische Therapie“ veröffentlicht.
Die Gipfelteilnehmenden – rund 50 Entscheider:innen aus Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft – mahnen politisches Handeln an. Dazu haben sie konkrete Empfehlungen auf Basis von Best-Practice-Beispielen aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens vorgelegt. Handlungspfade für Bund und Länder nennen die Akteure das. Die empfohlenen prioritären Maßnahmen sind:
Krebsprävention ist als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe ressort- und politikfeldübergreifend zu verankern, um bspw. den Zusatznutzen einer gesunden Bevölkerung für die Wirtschaft zu erkennen. Vonseiten des Parlaments braucht es dafür klare Verantwortlichkeiten und Koordinierungsstrukturen.
Gebraucht werden ausreichende Ressourcen für Vernetzung (kommunal/regional/zur Bundesebene), eine Evaluation und Datenerhebung, auch sind die Erfahrungen aus „Gesundheitsregionenplus“ für den bundesweiten Strukturaufbau zu nutzen. „Es gibt viele Gremien, Initiativen und Akteure in der Prävention – Vernetzung findet statt, aber häufig nicht oder nicht ausreichend koordiniert.“
Steuerliche Anreize und strukturelle Maßnahmen (z. B. Städteplanung) für gesundheitsförderliches Verhalten sind konsequent auszubauen und der Kindergesundheitsschutz durch Werbeverbote für gesundheitsschädliche Produkte ist zu stärken.
Die Lebenswelt Schule ist systematisch für Krebsprävention und Gesundheitsförderung zu nutzen, Schulgesundheitsfachkräfte sind flächendeckend zu etablieren und eine dauerhafte Finanzierung und einheitliche Qualifikationsstandards sicherzustellen.
Verhältnisprävention muss gesetzgeberisch gefördert und in den verschiedenen Lebenswelten implementiert werden. Niedrigschwellige Zugangswege zu Präventionsangeboten, etwa über Apotheken, Gesundheitshäuser und Schulen, sind auszubauen und über Begleitforschung sicherzustellen.
Gesundheitsökonomische Potenziale der Krebsprävention sind zu heben. Der volkswirtschaftliche Nutzen von Prävention ist sichtbar zu machen. Datenverfügbarkeit, Datenverknüpfung und Datennutzung verbessern, Simulationsmodelle entwickeln und die Forschungsförderung dafür ausbauen.
„Jetzt müssen die politischen und strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, um dieses Wissen konsequent in die Praxis zu überführen“, betont der Vorstandsvorsitzende des DKFZ Prof. Dr. Michael Baumann.
Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) thematisiert die Bedeutung der Krebsprävention schon seit Längerem. Prävention war Hauptthema der letzten Frühjahrstagung, zu der wie immer Mitglieder der DGHO und weiterer Fachgesellschaften (OeGHO, SGMO und SGH) zusammentrafen. Und im Oktober, bei der nächsten Jahrestagung in Wien, wird die Prävention erneut auf der Agenda stehen.
Dazu erklärt Prof. Dr. Claudia Baldus, Geschäftsführende Vorsitzende der DGHO, man dürfe bei aller Faszination für neue diagnostische Möglichkeiten nicht aus dem Blick verlieren, dass viele Krebserkrankungen bereits heute verhindert oder in einem früheren Stadium erkannt werden könnten: „Prävention und Früherkennung zählen zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben.“
Kongresspräsidentin Prof. Dr. Maike de Wit, Team Onkologie am Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln, verweist auf die zunehmend fließenden Grenzen zwischen Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Therapie: „Neue diagnostische Verfahren ermöglichen eine immer präzisere Einschätzung individueller Risiken und schaffen die Grundlage für frühzeitige und personalisierte Behandlungsstrategien, gleichzeitig leben dank des medizinischen Fortschritts immer mehr Menschen langfristig mit oder nach einer Krebserkrankung.“
Lungenkrebsscreening bestätigt positive Entwicklung
Damit würden auch Nachsorge, Lebensqualität und Survivorship an Bedeutung gewinnen. Ein Beispiel für diese Entwicklung bei soliden Tumoren sei das in Deutschland eingeführte Lungenkrebsscreening für definierte Hochrisikogruppen. „Moderne Krebsmedizin – Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, heißt es in der Kongressankündigung. Es seien viele Ressourcen zu heben.
Cornelia Kolbeck
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