Bertelsmann-Studie nimmt Rolle der Medizinischen Fachangestellten in den Blick

Warum das Potenzial Ihrer MFA oft ungenutzt bleibt

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Knapp 40 % der MFA arbeiten noch in Vollzeit. Viele Praxen setzen inzwischen verstärkt auf Teilzeitmodelle, um Stoßzeiten besser abzudecken.

Medizinische Fachangestellte halten Deutschlands Praxen am Laufen. Im Praxisteam übernehmen sie immer häufiger delegierbare Aufgaben, die über die reine Assistenz hinausgehen. Wie die aktuelle Situation der MFA auf dem Gesundheitsmarkt aussieht und wo die größten Hürden, aber auch Potenziale liegen, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung.

Rund 475.000 MFA arbeiten in Deutschland in Praxen, Krankenhäusern und Pflegeberufen. Der Beruf ist bei Frauen ungebrochen beliebt, ihr Anteil lag auch zwischen 2012 und 2024 konstant bei über 96 %. Doch die Männer ziehen nach: Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich ihr Anteil von 5.000 auf 10.000 Personen. Besonders in der hausärztlichen Praxis zählen MFA zu den tragenden Berufsgruppen. Das Berufsbild gilt jedoch als Engpassberuf. Die neue Studie sagt bis zum Jahr 2028 eine Fachkräftelücke von knapp 14.400 MFA voraus.

Die Gründe sind vielfältig: demografischer Wandel, Nachwuchsprobleme, Fluktuation. Doch trotz der Diskussionen um Fachkräftemangel, neue Versorgungsmodelle, Delegation, Digitalisierung und die Frage, wie eine verlässliche Versorgung künftig aussehen soll, stehe die Rolle der Medizinischen Fachangestellten „nur selten im Zentrum eigenständiger Betrachtungen“, so Uwe Schwenk, Direktor der Bertelsmann Stiftung.

Die neue Studie soll das nun ändern. Sie wurde von der Stiftung im Rahmen des Health Transformation Hub bei der Goethe-Universität Frankfurt am Main in Auftrag gegeben. Es ist eine Bestandsaufnahme, die einen umfassenden Überblick über die aktuelle Situation der MFA gibt und deren Herausforderungen, aber auch Potenziale aufzeigt. Genauer untersucht werden Daten zu Arbeitsmarkt, Qualifizierung und Aufgabenprofil, der aktuelle Forschungsstand, Good-Practice-Beispiele sowie die Positionen zentraler Player im Gesundheitswesen.

Wo sich VERAH oder NäPA stärker einbinden lassen

Medizinische Fachangestellte übernehmen in der hausärztlichen Praxis vielfältige Aufgaben – auch solche, die weit über klassische Assistenztätigkeiten hinausgehen. Das Spektrum an delegierten Aufgaben umfasst (erweiterte) Tätigkeiten aus Bereichen wie Patientenkontakt, Assistenz bei Diagnostik und Therapie, Prävention, Nachsorge, Hygiene-, Labor- und Verwaltungsaufgaben sowie Kommunikation, Dokumentation, Abrechnung und Praxismanagement. Vor allem standardisierte medizinische, organisatorische und koordinierende Aufgaben werden verstärkt an MFA und qualifizierte Praxisassistenzen übertragen.

So sind MFA weiterhin u. a. in der Praxisorganisation und -verwaltung tätig, betreuen die Patientinnen und Patienten, assistieren bei Behandlungen und Untersuchungen (z. B. bei der Basisdiagnostik wie Blutentnahmen oder Urintests), bereiten Infusionen vor, kümmern sich um Wundversorgung sowie die Dokumentation bei den DMP, um Abrechnungsfragen und Datenschutz. Diese delegierbaren Arbeiten sind allerdings allesamt im bereits bestehenden Tätigkeitsprofil von MFA angelegt, merken die Studienautorinnen an.

Hausärztinnen und Hausärzte delegieren heute deutlich häufiger als noch vor 15 Jahren. Neben erweiterten Aufgabenbereichen und einer zunehmenden Arbeitsteilung werden vor allem standardisierte medizinische, organisatorische und koordinierende Aufgaben an qualifizierte nichtärztliche Berufsgruppen delegiert. MFA und qualifizierte Praxisassistenzen (VERAH und NäPA/EVA) könnten künftig aber noch stärker in die hausärztliche Versorgung eingebunden werden, etwa für strukturierte Anamnesen, Diagnostik und Verlaufskontrollen, so die Studienautorinnen.

Laut der Studie können die unterschiedlichen Qualifikationsmöglichkeiten wie NäPA/EVA, VERAH, Fachwirtinnen und Fachwirte als auch akademische Studiengänge in der hausärztlichen Praxis dazu führen, dass sich Rollen und Verantwortlichkeiten deutlich voneinander unterscheiden. Die Untersuchung zeigt jedoch auch auf, dass sich Delegation aufgrund der unzureichenden Vergütung delegierbarer Leistungen und der fehlenden Refinanzierung von Qualifikationen wirtschaftlich bislang nicht lohnt.

Mit Blick auf die Altersstruktur der MFA fällt auf, dass sich der Anteil in der Altersgruppe „60 Jahre und älter“ bezogen auf alle Altersgruppen von 12.000 (4,3 % im Jahr 2012) auf 33.000 (10,5 % im Jahr 2024) mehr als verdoppelt hat. Als mögliche Gründe nennen die Autorinnen eine zunehmende Alterung bei den Beschäftigten. Die Zahl der unter 30-Jährigen stagniert hingegen seit 2015 weitgehend. Die Daten machen deutlich, wie wichtig es ist, den Fokus noch stärker auf die Nachwuchsgewinnung zu legen. Der überwiegende Teil der MFA arbeitet weiterhin in der ambulanten Versorgung, doch hat sich deren Anteil von 75 % im Jahr 2012 auf 70 % in 2024 reduziert. Immer mehr MFA zieht es dagegen in stationäre oder teilstationäre Einrichtungen. 2012 arbeiteten dort noch 34.000 Medizinische Fachangestellte in Vollzeit, 2024 waren es 52.000. Den höchsten Zuwachs verzeichnen die Krankenhäuser. Laut Studienautorinnen ist deren Anteil im (teil)stationären Sektor zwar „zahlenmäßig noch sehr klein“, lässt sich aber als „größer werdende ,Konkurrenz’“ um ausgebildete MFA für die ärztliche Praxis einstufen.

Das dürfte auch daran liegen, dass im stationären Setting die Gehälter oftmals höher liegen als in ambulanten Einrichtungen. In Krankenhäusern und Kliniken werden MFA in der Regel nach Krankenhaustarif bezahlt. Viele Praxen orientieren sich jedoch auch ohne Tarifbindung freiwillig am Tarifvertrag. Zu den gängigsten Tarifverträgen in der ambulanten Versorgung zählt der Manteltarifvertrag für MFA, Arzthelferinnen und Arzthelfer.

Im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen im Gesundheitswesen wie in der Altenpflege (3.901 €) oder der Pflegeassistenz (3.116 €) verdienen MFA ohne weitere Qualifizierung (2.899 €) am wenigsten.

Über die Hälfte der MFA arbeitet in Teilzeit

Auch die Beschäftigungsstruktur hat sich bei den MFA laut Studie spürbar hin zu deutlich mehr Teilzeitstellen verändert. Während 2012 knapp 46 % aller Beschäftigten in Vollzeit arbeiteten, sank dieser Wert 12 Jahre später erstmals auf rund 40 %. Dieser Trend zeigt sich in allen Altersgruppen, besonders aber bei den 30- bis 50-Jährigen, wo die Teilzeitbeschäftigung überdurchschnittlich stark zugelegt hat. Über alle Jahre hinweg üben vor allem die unter 30-Jährigen ihre Arbeit in Vollzeit aus. Viele MFA kehren aber wohl auch dann nicht in eine Vollzeitstelle zurück, wenn sie älter sind.

Die Autorinnen sehen darin auch die zunehmende Anwendung des Teilzeitmodells durch die Praxisinhaberinnen und -inhaber, das ihnen ermöglicht, die Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Mehr MFA seien auch deshalb in Teilzeit angestellt, damit sie die Stoßzeiten der Praxis (z. B. Vormittags- und/oder Nachmittagssprechstunde) besser abdecken. Denn oft gehen die Praxisöffnungszeiten über die normale Wochenarbeitszeit der MFA hinaus.

Die Studie macht deutlich, dass MFA bei der Karriereentwicklung immer wieder auf strukturelle Hindernisse stoßen, wie bei konkreten Aufstiegsmöglichkeiten oder erweiterten Einsatzbereichen. Auch der Übergang für MFA von der beruflichen Ausbildung ins Studium ist formal zwar möglich, wird jedoch nur wenig genutzt.

Wie man mehr junge Menschen für den Beruf der Medizinischen Fachangestellten begeistert, etwa durch transparente Karrierepfade und den passenden finanziellen Rahmen, der für den erweiterten Einsatz qualifizierter MFA benötigt wird, beleuchtet die Studie ebenfalls. Mehr zum Thema lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

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