Grenzüberschreitungen gang und gäbe

Sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch im ärztlichen Arbeitsalltag

Pressekonferenz Marburger Bund
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Mehr als 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte haben in einer Umfrage des Marburger Bundes ihre Erfahrungen zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geteilt.

Mehr als 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte haben in einer Umfrage des Marburger Bundes ihre Erfahrungen zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geteilt.

Demnach sind Grenzüberschreitungen gang und gäbe, gemeldet werden sie aber häufig nicht.

Weil Umfragen der Landesverbände Bayern und Hamburg des Marburger Bundes (MB) zu Machtmissbrauch und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz alarmierend ausfielen, ließ der MB im Februar und März noch einmal bundesweit angestellte Ärztinnen und Ärzte online befragen. MB-Chefin Dr. Susanne Johna spricht von gravierenden Zahlen. Gefragt worden war nach den Erfahrungen der Mitglieder in den vergangenen zwölf Monaten. Die überwiegende Mehrheit der Antwortenden arbeitet in der Klinik, 10 % in Praxis und MVZ. 60 % der Antwortenden sind weiblich, 53 % 40 Jahre und jünger.

Gebraucht wird ein Kulturwandel im Setting

59 % der Befragten machten mehrmals im Jahr Erfahrungen mit sexueller Belästigung, bei 17 % geschah es mehrmals im Monat. Verursacht durch ärztliche Vorgesetzte (63 %), aber auch Kolleginnen und Kollegen (29 %) – überwiegend Männer (71 %). 84 % der Betroffenen meldeten die Vorfälle nicht. Sie erwarteten keine wirksamen Konsequenzen und befürchteten berufliche Nachteile.

Mehr als 500 Seiten mit Freitexteinträgen verdeutlichen laut Dr. Johna die individuellen Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen besonders. Auszüge zu sexualisierten Übergriffen machen das sichtbar:

Die Hälfte der Befragten hat Machtmissbrauch erlebt, vor allem als respektlosen oder herablassenden Umgangston, Infragestellen der eigenen Person und Kompetenz ohne sachliche Gründe, die öffentliche Bloßstellung im Team und vor Patientinnen und Patienten oder als Mobbing. Ein Viertel geht davon aus, aufgrund der eigenen familiären Situation benachteiligt zu werden.

Beim Melden von Machtmissbrauchsvorfällen überwiegt ebenfalls die Zurückhaltung. Zwei Drittel der Betroffenen blieben still. Auch viele Zeuginnen und Zeugen verhalten sich passiv, wie die Umfrage zeigt.

„Die Ergebnisse haben uns in der Deutlichkeit überrascht“, resümiert die MB-Vorsitzende. Diejenigen, die die Mitarbeitenden schützen sollten, seien ein Teil des Problems. In acht von zehn Fällen gehe Machtmissbrauch von Vorgesetzten aus. Wer in Führungspositionen arbeite, müsse sich doch des Machtgefälles bewusst sein, so Dr. Johna. Sie sieht hier ein strukturelles Problem im System.

„Gebraucht wird jetzt ein tatsächlicher Kulturwandel in diesem Setting“, sagt die Ärztin. Arbeitgeber müssten unmissverständlich klarmachen, dass sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz nicht geduldet werden. Kolleginnen und Kollegen sollten motiviert werden, sich zu Grenzverletzungen zu äußern. Dafür seien niedrigschwellige Meldeverfahren wichtig – und echte Konsequenzen. MB-Vize Dr. Andreas Botzlar bekräftigt: „Betriebsräte, Beschwerdestellen und Geschäftsführungen müssen bei Grenzüberschreitungen eng zusammenarbeiten und präventiv handeln.“

Pressekonferenz – Marburger Bund