Depression bei CKD und Dialyse: Wenn die Kraft für die Therapie fehlt

Kapitel 1: Die unsichtbare Belastung

Mehr als eine Erkrankung der Nieren

Eine chronische Nierenerkrankung (CKD) verändert oft viel mehr als nur die Laborwerte. Auch wenn am Anfang vielleicht zunächst nur einzelne Werte aufmerken lassen, eine Microhämaturie (Blut im Urin), eine Proteinurie (Eiweißausscheidung) länger bestehen bleibt und die Glomeruläre Filtrationsrate (GFR) langsam sinkt. Doch je gravierender die Nierenfunktionseinschränkung ist und je länger sie besteht, desto mehr beeinflusst sie den Alltag. Sie greift in nahezu alle Lebensbereiche ein – in den Tagesablauf, die körperliche Leistungsfähigkeit, den Beruf, Beziehungen und Zukunftspläne.

Medikamente
Ernährung
Arzttermine
Arbeit
Familie
Schlaf
↗Zukunftsplanung

Wenn die Dialyse den Takt vorgibt

Ist schließlich eine Dialyse unabwendbar, verändert sich das Leben noch einmal grundlegend. Dialyse bedeutet nicht nur Therapiezeit, sondern eine umfassende Neuordnung des Lebens. Mit Beginn der Dialyse wird die Behandlung zum festen Taktgeber. Wiederkehrende Termine, lange Sitzungen, Fahrzeiten und Erschöpfung beanspruchen einen erheblichen Teil des Alltags. Beruf, Familie, Freizeit und Zukunftspläne müssen neu organisiert werden.

Seit der Dialyse plane ich nicht mehr meine Woche – die Dialyse plant sie für mich. Und an den freien Tagen fehlt mir oft die Kraft für das, was mir eigentlich wichtig ist.

Patientenstimme Andrea S.

Freie Zeit in der Woche
freie Zeit Fahrtzeit Dialyse Erholung Kontrollen
MoDialysetag
DiKontrollen
MiDialysetag
DoKontrollen
FrDialysetag
SaErholung
SoDialysetag
07
08
09
13
14
16
19
22
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Dialyse09–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Kontrollen08–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Dialyse09–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Kontrollen08–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Dialyse09–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr
Erholung08–19 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Dialyse09–13 Uhr
Fahrtzeitca. 30–60 Min.
Erholung14–19 Uhr

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Was von außen unsichtbar bleibt

Hinzu kommen die Sorge vor Komplikationen, der Verlust körperlicher Leistungsfähigkeit und das Gefühl, über wichtige Bereiche des eigenen Lebens nicht mehr frei bestimmen zu können. In dieser Situation ist die seelische Belastung keine Randerscheinung. Doch die Angst vor Komplikationen, die eingeschränkte Selbstständigkeit und der Verlust gewohnter Rollen sind nicht auf einem Laborbogen zu erkennen. Die zunehmende seelische Belastung kann deshalb leicht im Hintergrund verborgen bleiben. Doch eine Depression gehört zu den häufigsten und zugleich am leichtesten übersehenen Begleiterkrankungen bei chronischer Nierenerkrankung (CKD).


Wie häufig tritt eine Depression auf?

Depressive Symptome treten bei Menschen mit CKD deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung, etwa drei- bis viermal so oft. Aber genaue Zahlen zu nennen ist schwierig. Für dialysepflichtige Patient:innen werden häufig Größenordnungen von etwa 30 bis 50 % genannt. Die genaue Zahl variiert jedoch je nach untersuchter Gruppe und Erhebungsmethode. Ein selbst ausgefüllter Screeningbogen kann andere Ergebnisse liefern als ein strukturiertes klinisches Interview. Strukturierte klinische Interviews ergaben in einer Metaanalyse eine Prävalenz von ungefähr 21%, Fragebogenerhebungen etwa 33 %. Ein Grund dafür ist die Überlappung depressiver und körperlicher Symptome.

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Etwa drei von zehn untersuchten CKD-Patient:innen zeigen depressive Symptome.

Kapitel 2: Wenn Körper und Seele dieselbe Sprache sprechen

Ein Symptom – mehrere mögliche Ursachen

Müdigkeit, Schlafprobleme, verminderter Appetit, Konzentrationsstörungen, Antriebsmangel und Erschöpfung können Zeichen einer Depression sein. Sie können jedoch ebenso durch die Nierenerkrankung, durch Medikamente oder auch durch kardiovaskuläre Begleiterkrankungen entstehen. Diese Überschneidungen können in beide Richtungen täuschen: Eine Depression wird übersehen, weil alle Beschwerden der Nierenerkrankung zugeschrieben werden – oder körperlich bedingte Symptome werden vorschnell als Depression interpretiert.


Was stärker für Depression spricht

Besonders aufmerksam machen sollten deshalb Veränderungen, die sich nicht allein somatisch erklären lassen: anhaltende Niedergeschlagenheit, ein deutlicher Verlust von Interesse und Freude, Hoffnungslosigkeit, ausgeprägte Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle und sozialer Rückzug.


Das stille Warnsignal im Alltag

Ein bislang zuverlässiger Patient kommt wiederholt zu spät, versäumt Termine oder zieht sich zurück. Eine Patientin nimmt Medikamente unregelmäßig und kann Flüssigkeitsvorgaben kaum noch einhalten. Dahinter muss nicht Gleichgültigkeit stehen. Eine Depression kann Antrieb, Konzentration, Hoffnung und Selbstwirksamkeit beeinträchtigen. Damit wird gerade das schwieriger, was bei CKD täglich verlangt wird: planen, entscheiden, verzichten und eine komplexe Therapie einhalten. Non-Adhärenz kann also Ausdruck eingeschränkter Handlungsfähigkeit sein – nicht mangelnden Willens.

Ich weiß, wie wichtig die Tabletten und die Termine sind. Aber manchmal schaffe ich es kaum aufzustehen – und dann denke ich, es macht sowieso keinen Unterschied mehr.

Patientenstimme Hans B.


Klinische Folgen sind möglich

Damit wird Depression auch nephrologisch relevant. Depressive Symptome sind mit einer geringeren Adhärenz gegenüber Dialysebehandlungen, Medikamenten sowie Ernährungs- und Flüssigkeitsvorgaben verbunden. Studien beschreiben außerdem Zusammenhänge mit einer schlechteren gesundheitsbezogenen Lebensqualität, häufigeren Krankenhausaufnahmen und höherer Sterblichkeit, auch nach statistischer Berücksichtigung anderer Faktoren.

Kapitel 3: Warum Depression entsteht

Nicht eine Ursache, sondern ein Geflecht

Depression bei CKD lässt sich am besten biopsychosozial verstehen. Biologische Veränderungen treffen auf Krankheitsbelastung, soziale Verluste und individuelle Bewältigungsmöglichkeiten.

Körperliche und psychische Beschwerden sind häufig Teil desselben Problems.

Dr. Gabriele Angenendt

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Psychologin Dr. Gabriele Angenendt und Angela Monecke beim Nephrologie-Kongress 2026 zum Thema Nierenerkrankung und Depression

Quelle: Interview mit Dipl.-Psych. Dr. phil. Gabriele Angenendt, Nierenarzt/Nierenärztin 3/2026, S. 33; im Interview als zusammenfassende Aussage zur bidirektionalen Wechselwirkung formuliert.


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Die biologische Ebene

Diskutiert werden unter anderem chronische Entzündung, neuroendokrine Veränderungen, urämische Toxine und vaskuläre Veränderungen. Die Mechanismen sind noch nicht abschließend geklärt.

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Die psychosoziale Ebene

Verlust von Autonomie, körperliche Einschränkungen, finanzielle Sorgen, Abhängigkeit von Unterstützung und veränderte Rollen in Familie und Beruf können die seelische Belastung erhöhen.


Der Dialysebeginn als sensible Phase

Rund um den Beginn der Dialyse verändern sich medizinische Situation, Tagesstruktur, Selbstbild und Zukunftsperspektive oft gleichzeitig. Eine Psychische Belastung sollte daher möglichst früh erfasst werden.

Kapitel 4: Das Erkennen

Screening öffnet die Tür

Depression lässt sich im nephrologischen Alltag nur erkennen, wenn sie aktiv mitgedacht wird. Ein kurzes, standardisiertes Screening kann dafür die Tür öffnen. Ein standardisierter Fragebogen, den das Dialyseteam aushändigt, kann helfen, depressive Symptome systematisch zu erfassen. Der PHQ-9 z.B. fragt neun typische Symptome der vorausgegangenen zwei Wochen ab und eignet sich sowohl zur ersten Einschätzung als auch zur Verlaufskontrolle. Ein auffälliger PHQ-9-Wert zeigt weiteren Klärungsbedarf, stellt aber keine Diagnose. Dies geschieht erst im ärztlichen Gespräch, das Dauer, Kernsymptome, funktionelle Einschränkungen, körperliche Ursachen und psychiatrische Differenzialdiagnosen berücksichtigt.


Suizidgedanken verändern die Dringlichkeit

Eine Sonderstellung nimmt die Frage nach Todes- oder Selbstverletzungsgedanken ein. Wird sie bejaht, darf die Reaktion nicht vom Gesamtscore abhängig gemacht werden. Erforderlich ist eine unmittelbare persönliche ärztliche Einschätzung: Sind die Gedanken passiv oder konkret? Gibt es einen Plan, verfügbare Mittel, frühere Suizidversuche oder aktuell fehlende Schutzfaktoren? Bei akuter Selbstgefährdung, psychotischer Symptomatik oder schwerer Depression ist unverzüglich psychiatrische beziehungsweise notfallmedizinische Hilfe notwendig.

Kapitel 5: Behandeln – individuell und gemeinsam

Psychotherapie
Medikamentöse
Behandlung
Unterstützende
Maßnahmen
Individueller
Behandlungsplan

Die Behandlung muss zum Menschen passen

Ist die Diagnose gestellt, richtet sich die Behandlung nach Schweregrad, Suizidrisiko, Begleiterkrankungen, Nierenfunktion, bisherigem Verlauf und den Präferenzen der Patient:innen. Grundsätzlich kommen Psychotherapie, medikamentöse Behandlung und unterstützende nicht medikamentöse Maßnahmen infrage; häufig ist eine Kombination sinnvoll. Die Entscheidung sollte gemeinsam mit den Betroffenen getroffen werden.


Psychotherapie schafft neuen Handlungsspielraum

Psychotherapie kann depressive Gedanken und Verhaltensmuster behandeln und zugleich bei Krankheitsverarbeitung, Ängsten, Rollenverlusten und Konflikten unterstützen. Untersucht wurden unter anderem kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze, Aktivierung und Problemlösetraining.


Medikamente erfordern nephrologischen Blick

Bei Antidepressiva sind Polypharmazie, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und die veränderte Pharmakokinetik bei eingeschränkter Nierenfunktion zu berücksichtigen. Auswahl und Dosierung müssen individuell erfolgen. Auswahl und Dosierung erfolgt durch die Ärzt:innen; bei komplexen Verläufen ist die Zusammenarbeit von Nephrologie, Psychiatrie und hausärztlicher Versorgung sinnvoll. Nach Therapiebeginn braucht es frühe Verlaufskontrollen, denn Wirkung und Verträglichkeit müssen getrennt beurteilt werden: Während Nebenwirkungen rasch auftreten können, entwickelt sich die antidepressive Wirkung meist erst im Verlauf mehrerer Wochen.


Unterstützen, ohne zu überfordern

Bewegung, Schlafbehandlung, soziale Unterstützung, Beratung und Rehabilitation können sinnvoll sein. Angebote müssen aber zur körperlichen Leistungsfähigkeit, zu den Dialysezeiten und zu den persönlichen Zielen passen.


Digitale Angebote (DiGA): Chance mit Grenzen

Telemedizinische und digitale Interventionen (DiGA, „Apps auf Rezept“) können Wege verkürzen, Wartezeiten auf Therapieplätze überbrücken und Zugangsbarrieren senken. Entscheidend sind ihre klinische Eignung, nachgewiesene Qualität und offizielle Zertifizierung sowie guter Datenschutz. Wichtig ist außerdem eine gute psychologische Begleitung und die Medienkompetenz des Patienten/der Patientin.

Kapitel 6: Der Perspektivwechsel

Nephrologie
Pflege
Hausarztpraxis
Psychiatrie/
Psychotherapie
Sozialberatung
Angehörige

Das Dialyseteam hat eine besondere Chance

Dialysezentren sehen ihre Patient:innen regelmäßig und über lange Zeit. Pflegekräfte und Ärzt:innen können Veränderungen dadurch oft früher erkennen als andere Versorgungsbereiche.

Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Hoffnungslosigkeit sollten ebenso selbstverständlich angesprochen werden wie Blutdruck, Gewicht oder Shuntfunktion.

Eine gute seelische Gesundheit [ist] kein Luxus, sondern ein zentraler Teil der Therapie.

Dr. Gabriele Angenendt

Quelle: Interview mit Dipl.-Psych. Dr. phil. Gabriele Angenendt, Nierenarzt/Nierenärztin 3/2026, S. 32. Die eckige Ergänzung stellt den grammatischen Anschluss des gekürzten Originalsatzes her.


Nicht schwierig – möglicherweise depressiv

Vermeintlich fehlende Kooperation kann ein stiller Hilferuf sein. Wer Verhalten vorschnell bewertet, übersieht möglicherweise eine behandelbare Erkrankung.


Die Schlussbotschaft

Depression bei CKD ist häufig, diagnostisch anspruchsvoll und behandelbar. Sie zu erkennen bedeutet nicht, neben der Niere noch ein weiteres Problem zu verwalten. Es bedeutet, eine zentrale Voraussetzung dafür zu schaffen, dass Patient:innen ihre Therapie bewältigen und wieder Handlungsspielraum gewinnen können.

Ein Blick auf die psychische Gesundheit ist Teil guter Nephrologie!


Abbildungen und Grafiken sind, sofern nicht anders angegeben, KI-generiert.