Kongressbericht

Morbus Fabry – was gibt es Neues?

Nierenarzt/Nierenärztin
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Der Kongress fand in Bologna statt.

Das 9. Update zu Morbus Fabry 2026 in Bologna machte deutlich, wie dynamisch sich das Feld derzeit entwickelt. Aus der ursprünglich stark nephrologisch geprägten Satellitenkonferenz zur Fabry-Nephropathie ist inzwischen ein interdisziplinäres Forum geworden, das die Erkrankung in ihrer ganzen Breite adressiert: von renaler Histopathologie und Progressionsmarkern über kardiale und neurologische Manifestationen bis hin zu Screeningstrategien, neuen Wirkprinzipien und Fragen der Langzeitversorgung.

Inhaltsverzeichnis

Im Mittelpunkt der Konferenz vom 6. - 9. Juni standen weiterhin Themen, die für Nephrologinnen und Nephrologen unmittelbar relevant sind: die frühe Erkennung einer Fabry-Nephropathie, die Interpretation genetischer Varianten, die Rolle von Biomarkern, die adjuvante Nephroprotektion sowie die Frage, wie sich therapeutische Innovationen in ein individualisiertes Management einordnen lassen.

Neue Therapieansätze: mehr als klassische ERT und Chaperontherapie

Bereits der ERT-Workshop zu Beginn der Tagung zeigte, dass die Enzymersatztherapie keineswegs ein abgeschlossenes Kapitel ist. Diskutiert wurden unter anderem Biosimilars, oral oder subkutan applizierbare Enzymersatztherapien, nanoliposomale Trägersysteme, Strategien zur besseren zellulären Aufnahme sowie die Entwicklung weniger immunogener Enzymvarianten. Auch die Stabilität und Gewebeverteilung neuer Präparate standen im Fokus. In der Sitzung zu neuen Behandlungsansätzen wurden weitere therapeutische Konzepte vorgestellt: nicht-inhibitorische Chaperone, Substratreduktionstherapie, small molecules für Splicing-Varianten, gentherapeutische Ansätze wie AMT-191 und ST-920 sowie Substanzen mit Einfluss auf Substratwerte bei klassischen männlichen Fabry-Patienten. Für die Nephrologie besonders interessant bleibt dabei die Frage, ob diese Verfahren nicht nur Biomarker verändern, sondern langfristig die Organprogression und hier insbesondere Proteinurie, Podozytenschaden und eGFR-Verlust verhindern können.

Diagnostische Grauzonen im klinischen Alltag

Ein eigener Schwerpunkt war der Umgang mit spät manifestierenden GLA-Varianten. Die zunehmende genetische Diagnostik führt dazu, dass Varianten mit variabler Penetranz häufiger detektiert werden. Behandelt wurden diagnostische und klinische Herausforderungen, Kriterien zur Beurteilung und Therapieentscheidung sowie konkrete Varianten wie A143T und N215S.

Für Nephrologinnen und Nephrologen ist diese Diskussion hochrelevant: Nicht jede GLA-Variante erklärt automatisch eine chronische Nierenerkrankung, zugleich darf eine klinisch relevante Fabry-Erkrankung nicht übersehen werden. Die Beiträge unterstrichen, dass Genotyp, Enzymaktivität, Lyso-GB3, Organmanifestationen, Familienanamnese und bei unklarer renaler Beteiligung auch histologische Befunde zusammengeführt werden müssen.

Screening und Früherkennung

Die Tagung griff außerdem die Frage auf, wie Morbus Fabry künftig früher identifiziert werden kann. Vorgestellt wurden der aktuelle Stand des Neugeborenen-Screenings, Whole-Genome-Sequencing-Ansätze von der Geburt an, genbasierte NGS-Panels für Hochrisikokohorten sowie epigenetische Faktoren wie DNA-Methylierung als mögliche Determinanten des Phänotyps.

Aus nephrologischer Sicht bleibt das Screening von Hochrisikogruppen wie etwa Patientinnen und Patienten mit unklarer CKD, Proteinurie, hypertropher Kardiomyopathie oder zerebrovaskulären Ereignissen ein praktischer Ansatz. Gleichzeitig wurde deutlich, dass jede Ausweitung des Screenings eine sorgfältige phänotypische Einordnung nach sich ziehen muss, um Überdiagnostik und unnötige Therapieentscheidungen zu vermeiden.

Fabry-Kardiomyopathie

Die kardiale Sitzung zeigte, wie stark sich das Verständnis der Fabry-Kardiomyopathie weiterentwickelt. Themen waren neue Erkenntnisse zur kardialen Progression von Bildgebung bis Histologie, atriale und ventrikuläre Dysfunktion vor Auftreten einer linksventrikulären Hypertrophie, GB3-Akkumulation in Kardiomyozyten, Tissue-Mapping, Strain-Analysen und Belastungstestung als möglicher Studienendpunkt.

Die Diskussion verdeutlichte, dass kardiale Manifestationen nicht isoliert betrachtet werden können. Arterielle Hypertonie, energetischer Stress und hypertrophes Remodeling wurden als Faktoren adressiert, die den Verlauf beeinflussen können. Für die nephrologische Betreuung ergibt sich daraus die Notwendigkeit eines konsequent interdisziplinären Monitorings, insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit CKD, Hypertonie und fortgeschrittener Organbeteiligung.

Neuropathophysiologie

Auch neurologische Aspekte nahmen breiten Raum ein. Vorgestellt wurden Daten zur GB3-Lokalisation im Hippocampus und präfrontalen Cortex, Konzepte zu neuropathischem versus neuroplastischem Schmerz, Untersuchungen an Nozizeptoren sowie humane Assembloid-Modelle zur Erforschung neuropathischer Schmerzen.

Damit wurde ein Aspekt betont, der im nephrologischen Alltag leicht unterschätzt wird: Schmerzen, Fatigue und neurologische Symptome sind für viele Betroffene krankheitsprägend und beeinflussen Lebensqualität, Aktivität und Therapieadhärenz. Die Beiträge machten deutlich, dass eine erfolgreiche Behandlung von Morbus Fabry nicht allein an renalen oder kardialen Endpunkten gemessen werden sollte.

Fabry-Nephropathie: Podozyten und mehr

Ein zentraler nephrologischer Block widmete sich der Nierenhistopathologie. Diskutiert wurden extralysosomale GB3-Ansammlungen, lysosomale Ablagerungen, Podozyten-Verflachung als Frühmarker einer Podozytenbeeinträchtigung, perivaskuläre kapilläre Veränderungen als möglicher Treiber der Nierenfibrose sowie ein Chronizitätsindex mit glomerulären und tubulointerstitiellen Fibrosekomponenten.

Besonders zukunftsweisend waren Multi-Omics-Analysen von Podozyten, die aus Patienten-iPSCs (Patienten-spezifische induzierte pluripotente Stammzellen) abgeleitet wurden. Sie könnten helfen, neue Pathomechanismen der Fabry-Nephropathie zu identifizieren und künftig besser zwischen reversiblen Speicherphänomenen, früher Zellschädigung und irreversibler Narbenbildung zu unterscheiden.

Für die klinische Praxis bestätigte sich: Die Fabry-Nephropathie ist mehr als eine reine Speichererkrankung. Podozytenschaden, vaskuläre Veränderungen, Entzündung, Fibrose und möglicherweise zusätzliche molekulare Stressmechanismen bestimmen den Verlauf wesentlich mit.

Klinisches Management: nephroprotektive Add-on-Strategien

Eine eigene Sitzung widmete sich dem Management jenseits von Enzymersatz- und Chaperontherapie. Vorgestellt wurden potenziell nephroprotektive Effekte von SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Analoga und Mineralokortikoid-Rezeptorantagonisten als adjuvante Therapien. Die Bildgebung der retinalen Vaskularisierung und Bewegungsinterventionen zur Reduktion der Folgen einer überwiegend sitzenden Lebensweise wurden ebenso vorgestellt wie Daten zum Abbruch der Enzymersatztherapie.

Gerade die Diskussion um SGLT2-Inhibitoren und weitere CKD-modifizierende Substanzen markiert einen wichtigen Schritt: Morbus Fabry wird zunehmend nicht nur pathogenetisch spezifisch behandelt, sondern auch nach Prinzipien moderner Nephroprotektion begleitet. Entscheidend bleibt jedoch, welche Patientengruppen tatsächlich profitieren und wie sich Add-on-Strategien sicher mit Fabry-spezifischen Therapien kombinieren lassen.

Krankheitsmodelle und Immunogenität

In den Sessions zu Krankheitsmodellen standen hypomorphe Varianten, Multi-Gewebe-Analysen, iPSC-basierte kardiale und podozytäre Modelle, Mausmodelle zur Verbindung von peripherem und zentralem Nervensystem, Vaskulopathie trotz Enzymersatztherapie und endoplasmatischer Stress als möglicher therapeutischer Angriffspunkt im Fokus.

Die abschließende Sitzung zur Immunogenität griff klinisch relevante Probleme auf: z. B. die Bildung von Antikörpern gegen infundierte Enzymersatztherapien oder die Entwicklung einer membranoproliferativen Glomerulonephritis unter ERT. Damit wurde deutlich, dass Immunantworten nicht nur pharmakologische Begleitphänomene sind, sondern potenziell Organmanifestationen und Therapieansprechen beeinflussen können.

Fazit

Das 9. Morbus-Fabry-Update vermittelte ein umfassendes Bild einer Erkrankung, deren Management zunehmend präziser, aber auch komplexer wird. Für Nephrologinnen und Nephrologen ergeben sich mehrere Kernbotschaften: Die Nierenbeteiligung bleibt ein zentraler Prognosefaktor, muss aber im Kontext kardialer, neurologischer, vaskulärer und genetischer Befunde interpretiert werden. Neue Therapien und Add-on-Strategien erweitern die Optionen, verlangen jedoch bessere Biomarker und belastbare Endpunkte. Histopathologie, Omics-Technologien und Krankheitsmodelle könnten künftig helfen, Therapieentscheidungen stärker an individuellen Pathomechanismen auszurichten.

Bologna zeigte damit vor allem eines: Morbus Fabry ist längst nicht mehr nur eine seltene lysosomale Speicherkrankheit mit nephrologischer Manifestation, sondern ein Modell für interdisziplinäre Präzisionsmedizin — mit der Nephrologie weiterhin an einer Schlüsselposition.