Schwindel bei älteren Patienten begegnen

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Subjektive Beschwerden und objektive Befunde liegen oft weit auseinander. Subjektive Beschwerden und objektive Befunde liegen oft weit auseinander. © amixstudio – stock.adobe.com

Schwindel ist die häufigste Ursache für eine geringe Lebensqualität im hohen Alter. Nicht nur, dass sich Betroffene dadurch weniger bewegen und die ohnehin spärlichen Sozialkontakte weiter reduzieren. Es kommt auch zu erheblich mehr Stürzen – mit all ihren Folgen.

Wenn man sich vor Augen führt, dass jedes Jahr etwa 50 000 Stürze auf das Konto vestibulärer Störungen gehen, die Behandlung der Folgen jährlich Milliarden verschlingen und Stürze an Position sechs der häufigsten Todesursachen im Alter stehen, dann wird deutlich, dass man einen Schwindel nicht einfach als Begleiterscheinung hochbetagter Patienten abtun sollte. Diese müssen häufig mit erheblichen Einschnitten leben, fühlen sich im Alltag immer unsicherer, bewegen sich weniger und isolieren sich.

Regelmäßig in die PRISCUS-Liste schauen

Um den Ursachen eines Schwindels im Alter auf den Grund zu gehen, sollten HNO- und Allgemeinmediziner eng zusammenarbeiten, betonen Professor Dr. Leif­ Erik Walther­ von der HNO-Gemeinschaftspraxis im Main-Taunus-Zentrum Sulzbach und Privatdozent Dr. Alexander­ Blödow­ von der HNO-Klinik Pirna. Dabei lässt sich meist eine Mischung aus der altersbedingt nachlassenden Empfindlichkeit des Gleichgewichtsorgans sowie komorbiden Erkrankungen ausmachen, etwa Herzrhythmusstörungen oder ein Normaldruckhydrozephalus. Aber auch Neben- bzw. Wechselwirkungen von Medikamenten können die Beschwerden verursachen, weshalb ein regelmäßiger Blick in die PRISCUS-Liste lohnt.

In einer Sturzanamnese sollten neben tatsächlichen auch Fast-Stürze aus dem zurückliegenden Jahr erfragt werden. Ebenfalls wichtig zu wissen sind die dabei erlittenen Verletzungen, ob weiteren Stürzen vorgebeugt und der Patient infolge des Sturzes behandelt wurde. Mögliche Risikofaktoren wie Muskelschwäche, reduziertes Seh- oder Hörvermögen und/oder Gelenkbeschwerden gehören ebenfalls in die Anamnese, schreiben die Autoren. Praxistipp: Werfen Sie beim nächs­ten Hausbesuch ruhig mal einen Blick auf Stolperfallen in der Wohnung, Stichwort Teppichkanten, glatte Bodenoberflächen und ggf. herumliegende Kabel.

Objektiv prüfen lässt sich das individuelle Sturzrisiko zum Beispiel mit dem Aufsteh-und-Geh- oder dem Geh-und-Zähl-Test. Aufwendiger, aber aussagekräftiger ist der Tinetti-Test, der Gleichgewicht und Gang in einem Gesamtpunktewert kombiniert und das Risiko graduell beziffert.

Spezielles Training dringend empfohlen

Von der altersbedingten Abnahme der sensorischen Organe ist das Vestibularsystem natürlich nicht ausgenommen. Bis in die höheren Jahre nehmen die Otokonien in Utrikulus und Sakkulus mengen- und größenmäßig ab. Etwa ab 70 Jahren sind die vestibulären Haarzellen im Bereich der Otolithenorgane signifikant reduziert. Zudem kann der Gleichgewichtssinn ohne Infos von Augen, Ohren, Oberflächen- und Tiefensensibilität die „Balance“ nicht halten.

Der Kollege aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde prüft den Verdacht auf eine Vestibulopathie dann noch einmal genauer, indem er den vestibulookulären Reflex misst. Dies geschieht mittels thermischer Prüfung, rotatorischen Testverfahren oder dem Kopf­impulstest. Ob die Bestimmung der Otolithenfunktion über okulär ves­tibular evozierte myogene Potenziale sinnvoll ist, bleibt abzuwarten. Wie die klinische Erfahrung zeigt, liegen die Beschwerden der älteren Patienten und jene objektiven Befunde oft weit auseinander.

Fachärzte helfen

Die Therapie eines Schwindels schließlich richtet sich nach den Ursachen. Ein herabgesetztes Seh- und Hörvermögen etwa lässt sich mit einer passenden Brille, einer Katarakt-OP oder einem Hörgerät korrigieren. Bei schwerwiegenderen kardio­logischen bzw. psychiatrischen Erkrankungen helfen die jeweiligen Fachärzte.

In jedem Fall sollten Betroffene ein spezielles Training absolvieren, um ihre Sturzgefahr zu reduzieren, so die Autoren. Dual-task-Übungen, Neurofeedback und Tai-Chi helfen dabei, die Kraft, Koordination und Balance zu verbessern. Ebenso kann ein Ausdauertraining wie Nordic Walking, Schwimmen oder Radfahren den Oldies helfen, ihre Beschwerden in den Griff zu bekommen.

Quelle: Walther LE, Blödow A. HNO 2020; 68: 191-198; DOI: 10.1007/s00106-019-00756-5