Gefäßmedizin aktuell Thrombangiitis obliterans: Gefahr für kleine Gefäße
Aufgrund des allgemein rückläufigen Tabakkonsums tritt die Thrombangiitis obliterans hierzulande immer seltener auf.
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Obwohl die genaue Ursache der Thrombangiitis obliterans (TAO) weiterhin rätselhaft bleibt, hat die Forschung in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Nach wie vor gilt: Ein Tabakkonsum ist unabdingbar mit dem Beginn und der Progression der Erkrankung verknüpt, schreibt der in Bad Wildbad niedergelassene Kollege Dr. Frank Stammler. Definiert wird die TAO als nichtatherosklerotische inflammatorische Vaskulitis an den kleinen und mittleren Gefäßen der Arme und Beine. Die Zellwandnekrose als pathognomonischer Befund einer Vaskulitis fehlt jedoch. Bei der endothelialen Schädigung scheinen eine toxische Immunreaktion, eine genetische Prädisposition sowie vermehrter oxidativer Stress eine wichtige Rolle zu spielen.
Insbesondere männliche Raucher unter 40 Jahren entwickeln die Thrombangiitis, neueren Daten zufolge nimmt der Anteil an Betroffenen über 45 Jahre zu. Und auch bei Frauen zeigt sich inzwischen eine höhere Prävalenz. Insgesamt ist die TAO in Europa, Nordamerika und Japan aber auf dem Rückzug. In Westeuropa macht sie 0,5–5,6 % aller peripheren arteriellen Erkrankungen aus. In Indien dagegen sind es 45–63 %.
Der Befall an Armen und Beinen ist heute weniger stark ausgeprägt als früher. Bei mehr als zwei Drittel der Patientinnen und Patienten beschränkt sich die TAO auf ein bis zwei Extremitäten. Die Stenosen oder Verschlüsse der distalen kleinen Arterien führen anfangs zu ischämischen Symptomen wie belastungsabhängigen Schmerzen an Füßen, Waden, Händen und Armen. Im Verlauf kommen ischämische Ruheschmerzen, insbesondere nachts, hinzu. Mitunter zeigt sich ein asymmetrisches Raynaud-Syndrom an einzelnen Fingern. Eine Claudicatio der Fußsohle wird initial oft als orthopädisches Problem fehlinterpretiert, mahnt Dr. Stammler.
Bei bis zu 76 % der Betroffenen bilden sich bereits zu Erkrankungsbeginn akrale Nekrosen oder Ulzerationen. Zuvor besteht häufig ein Taubheits- und Kältegefühl. Die frühen Nekrosen und der fluktuierende Verlauf mit akuten Exazerbationen und Remissionen grenzt die Thrombangiitis obliterans von der PAVK ab. Letztere schreitet i. d. R. stadienhaft voran. Noch vor der Ischämie können sich als Erstsymptom der TAO Thrombophlebitiden entwickeln. Verdächtig sind oberflächliche Thrombosen bei jungen Rauchern, die sowohl die Arme als auch die Beine betreffen.
Zur Diagnose haben sich die Kriterien nach Shionoya bewährt (siehe Kasten). Da spezifische Laborparameter fehlen – Akutphaseproteine wie CRP sind bei TAO nicht erhöht –, dient die Blutuntersuchung dem Ausschluss von anderen Vaskulitiden oder einer Hyperkoagulabilität. Dr. Stammler empfiehlt u. a. die Bestimmung von Serum-Kreatinin, Blutzucker, CRP, BSG, ANA, ANCA, Antiphospholipid-Antikörpern, Kälte-Agglutininen und Homocystein. Um die Hand- und Fingerperfusion zu überprüfen, sollten bei vermuteter Thrombangiitis der Allen-Test und eine akrale Oszillografie durchgeführt werden.
Diagnosekriterien
Um eine Thrombangiitis obliterans zu diagnostizieren, kommen die Kriterien nach Shionoya weltweit am häufigsten zum Einsatz:
- Positive Raucheranamnese
- Erkrankungsbeginn vor dem 50. Lebensjahr
- Auftreten von infrapoplitealen arteriellen Verschlüssen
- Mitbeteiligung der oberen Extremität oder Thrombophlebitis migrans
- Fehlen anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren als Rauchen
- Liegen alle Kriterien vor, steht die Diagnose. Sie darf aber auch bei weniger als fünf Merkmalen gestelllt werden, wenn typische bildgebende und histologische Befunde dafür sprechen.
In der Duplex-Sonografie fallen klassischerweise korkenzieherartig imponierende Kollateralen in Höhe der segmentalen Läsionen auf. Diese entstehen vermutlich durch dilatierte Vasa vasorum (Martorell-Zeichen) und finden sich häufiger im Verlauf der A. tibialis posterior auf Höhe eines Gefäßverschlusses. An weiterer Bildgebung kann bei unsicherer Diagnose, unklarem Ausmaß oder vor einer geplanten interventionellen Therapie eine Arteriografie erforderlich sein. Herausfordernd ist laut Dr. Stammler die Abgrenzung der TAO von einer Cannabis-Arteriitis, die ihrerseits eine eigene Entität darstellt. Differenzialdiagnostisch solle zudem eine frühzeitig auftretende PAVK ausgeschlossen werden.
Als wichtigste Säule der Behandlung gilt ein konsequenter Rauchstopp mit Verzicht auf jegliche Tabakformen (auch Kautabak). Dadurch bessert sich das klinische Bild oft drastisch und die Gefahr einer Amputation sinkt. Wer seinen Zigarettenkonsum lediglich reduziert, profitiert dagegen nicht von einem günstigeren Verlauf der TAO.
Begleitend ist in vielen Fällen eine therapeutische Eskalation indiziert. Hierfür stehen Thrombozytenaggregationshemmer und systemische Prostaglandine zur Verfügung. Prostazyklin und dessen Analoga (Iloprost) sind nach wie vor die wirksamsten medikamentösen Optionen. Darüber hinaus kommen mittlerweile eine Sympathektomie und eine endovaskuläre Rekanalisierung infrage. Die Wahrscheinlichkeit eines Überlebens ohne Major-Amputation hat sich derweil erhöht – sie liegt nach fünf Jahren bei 94 %, nach zehn Jahren noch bei 91 %.
Quelle: Stammler F „Thrombangiitis obliterans: ein Update 2025“, Dtsch Med Wochenschr 2025; 150: 1440-1446;
doi: 10.1055/a-2660-1858
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