Gender-Gap bei Schmerzen Warum Frauen bei Schmerzen oft schlechter behandelt werden
Frauen erleben Schmerzen nicht nur häufiger und intensiver als Männer, sondern werden auch medizinisch benachteiligt.
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Frauen erleben Schmerzen oft anders als Männer. Das hat nicht nur biologische, sondern auch soziale und psychologische Gründe. Drei Expertinnen erörterten, welche Unterschiede es in puncto Neuropathie und Kopfschmerzen gibt und warum Frauen häufig schlechter behandelt werden.
Unter neuropathischen Schmerzen leiden Frauen mit 8 % deutlich häufiger als Männer mit 5,7 %, erklärte Prof. Dr. Janne Gierthmühlen vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Unter Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes und einer Krankheitsdauer von mindestens 50 Jahren fanden sich in einer Studie 42 % Frauen und 27 % Männer mit Polyneuropathie. Außerdem empfanden Frauen die Schmerzen offenbar intensiver.
In einer neueren Untersuchung mit Betroffenen von Typ-2-Diabetes gaben mehr Frauen neuropathische Schmerzen an und bewerteten sie zudem als ausgeprägter im Vergleich zu männlichen Patienten (7,9 vs. 6,8 auf der numerischen Rating-Skala von 0 bis 10). Dabei waren die objektiven Befunde der Neuropathie, etwa in Bezug auf die Nervenleitgeschwindigkeit, bei Männern im Durchschnitt ausgeprägter als bei Frauen.
Hinweise auf unterschiedliche Schmerzmechanismen
Wie kann man sich diese Unterschiede erklären? Viele Daten gibt es dazu nicht. Aus Experimenten an männlichen und weiblichen Mäusen stammt die Idee, dass bei Frauen der primäre Weg der Schmerzchronifizierung ein anderer sein könnte als bei Männern – nämlich eine T-Zell- statt einer Mikrogliaaktivierung. Grund dafür könnte der Hormonhaushalt sein. Jedenfalls weiß man, dass bei Frauen die höchste Schmerzsensitivität um den Eisprung herum besteht und Testosteron das Schmerzempfinden senkt. Bei chronischen Schmerzen liegt entweder eine verminderte körpereigene Schmerzhemmung oder eine erhöhte Aktivierung vor. Gemäß einer Studie von 2010 verfügten Männer über eine deutlich höhere Schmerzhemmung als Frauen, so Prof. Gierthmühlen.
Interessanterweise werde das Schmerzempfinden nicht nur durch das Geschlecht der erkrankten Person, sondern auch durch jenes des Untersuchers beeinflusst, so die Expertin. Wird ein männlicher Proband von einer Frau untersucht, gibt er eine deutlich geringere Schmerzstärke an als bei einem männlichen Untersucher. Wird dagegen eine weibliche Patientin von einer Frau untersucht, gibt sie tendenziell niedrigere Schmerzen als gegenüber einem männlichen Arzt.
Tendenziell niedrigere Schmerzen als gegenüber einem männlichen Arzt.Dass Geschlechtsstereotypien eine Rolle spielen, wurde auch in einer Studie von 2019 demonstriert. Darin ermittelte man zunächst bei gesunden männlichen Probanden die Hitzeschmerzschwelle. Am zweiten Tag wurde der Test wiederholt, zuvor aber wurden die Männer in drei Gruppen eingeteilt: Der ersten erzählte man, dass Männer viel weniger schmerzempfindlich seien, da sie früher als Jäger viel verletzungsanfälliger als Frauen gewesen seien. Die zweite Gruppe bekam zu hören, dass Frauen von Natur aus mehr Schmerzen aushalten könnten – wegen des schmerzhaften Geburtsvorgangs. Die dritte Gruppe blieb unbeeinflusst.
Im Vergleich zum ersten Untersuchungstag schätzten die Probanden der ersten Gruppe ihre Schmerzen als deutlich niedriger ein. Bei den Probanden der zweiten Gruppe fiel die Differenz deutlich geringer aus. Die dritte Gruppe bewegte sich ungefähr in der Mitte zwischen diesen Extremen.
Widersprüchliche Ergebnisse zu den Wirkstoffspiegeln
Das Geschlecht spielt auch bei der medikamentösen Behandlung eine Rolle. Studien zeigen, dass die erzielten Wirkstoffspiegel bei Frauen meist deutlich höher sind. Womöglich benötigen sie also geringere Dosen. „Das können wir auch in der täglichen Routine bestätigen“, so Prof. Gierthmühlen. Allerdings gibt es auch Untersuchungen z. B. zur Effektivität von Neuropathiemedikamenten, in denen keine Geschlechtsunterschiede zu beobachten waren.
Unter Migräne leiden in Deutschland zwei- bis dreimal mehr Frauen als Männer, beim Spannungskopfschmerz ist die Prävalenz 1,5-mal höher, berichtete Prof. Dr. Gudrun Goßrau vom Universitätsklinikum Dresden. Begleiterscheinungen der Migräne wie Phono- und Photophobie, Übelkeit, Allodynie sowie eine Aura kommen zudem bei Frauen häufiger vor. Außerdem sind die Schmerzen häufiger pulsierend bzw. pochend und einseitig. Frauen suchten wegen der Beschwerden häufiger einen Arzt auf, bekämen aber seltener eine medikamentöse Migräneprophylaxe verordnet, so die Referentin. Dafür gebe es keinen medizinischen Grund.
Der Clusterkopfschmerz dagegen kommt bei Männern etwas häufiger vor; Suizidgedanken bei dieser sehr quälenden Kopfschmerzform geben dagegen um fast 50 % häufiger Frauen an. Beim Clusterkopfschmerz ist die Versorgung mit Arzneimitteln generell sehr schlecht, wobei es Frauen noch härter trifft als Männer: Sie erhalten nur in 2,7 % der Fälle Sumatriptan s.c. bzw. in 4,4 % Zolmitriptan nasal, Männer dagegen in 6,8 bzw. 8 % der Fälle.
Das unterschiedliche Schmerzerleben von Männern und Frauen kann auch auf geschlechtsbezogene Erwartungen und Überzeugungen zurückgeführt werden, erklärte Eva Liesering-Latta, Psychologische Psychotherapeutin am DRK Schmerz-Zentrum Mainz. Das zeige etwa eine Studie, in der sich die Teilnehmenden selbst in ihrer Geschlechtsidentität kategorisieren sollten.
Männer, die sich stark mit traditionellen männlichen Rollen identifizierten, wiesen im Vergleich zu Frauen, die sich mit traditionellen weiblichen Rollen identifizierten, eine größere Schmerztoleranz auf. Zwischen Männern und Frauen, die sich weniger mit diesen tradierten Geschlechterrollen identifizierten, bestanden dagegen keine Unterschiede.
Wenn sie Schmerzen haben, suchen Frauen tendenziell häufiger soziale und auch medizinische Unterstützung als Männer. Letztere dagegen neigen eher dazu, Schmerzauslöser zu vermeiden oder sich abzulenken. Bei unklarer Genese vermuten Männer eher externe Umständen (z. B. Anforderungen am Arbeitsplatz), Frauen dagegen schreiben die Schmerzen häufiger internen Ursachen wie psychischer Belastung und Stress zu. Dementsprechend seien sie oft aufgeschlossener gegenüber einer psychologischen (Mit-)Behandlungen, während Männer meist eher „aktive“ Therapieangebote wie körperliches Training schätzten, so die Referentin.
Die unterschiedlichen Rollenbilder sind auch bei Gesundheitsfachkräften tief verankert. In einem Review-Artikel über 77 Studien beschrieben Behandelnde Männer eher als stoisch, Schmerzen aushaltend und unwillig, über mögliche psychische Ursachen zu sprechen. Frauen dagegen wurden häufig als schmerzempfindlicher, manchmal auch als hysterisch, klagsam und nicht bereit für Besserung wahrgenommen.
Die Symptome von Frauen werden eher psychologisiert
Das habe Folgen für die Therapie, erklärte die Referentin. Frauen mit chronischen Schmerzen berichten häufiger als Männer darüber, dass Behandelnde ihren Schilderungen misstrauen und/oder ihre Beschwerden psychologisiert werden. Eine Berücksichtigung von Gender-Faktoren – beim Gegenüber, aber auch bei sich selbst – könne daher die Behandlung von Schmerzpatientinnen und -patienten verbessern.
Quelle: Deutscher Schmerzkongress 2025