Geschlechterlücke in der Kardiologie

Darum werden Frauen beim akuten Koronarsyndrom schlechter versorgt

Aus der Fachliteratur
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Brustschmerz bei Frauen ist beim akuten Koronarsyndrom nicht "atypisch", sondern untererkannt.

Lange glaubte man, dass atypische Symptome die Ursache dafür sind, dass Frauen mit akuten Herzerkrankungen weniger gut behandelt werden als Männer. Das scheint ein Mythos zu sein. Aber es gibt andere Unterschiede, die Frauen schlechter abschneiden lassen.

Woran liegt es, dass bei Frauen kardiale Ursachen von Brustschmerzen weniger oft erkannt werden als bei Männern? Sind die diagnostischen Pfade und therapeutischen Konsequenzen verschieden? Prof. Dr. ­Deborah ­Diercks und ihre Kolleginnen vom UT Southwestern Medical Center, Dallas, wollten es genau wissen. Ihre PubMed-Recherche umfasste Publikationen zwischen dem 1.1.2020 und dem 1.3.2025.

Entgegen der bisherigen Annahme schildern auch Frauen mit akutem Koronarsyndrom laut neueren prospektiven Studien überwiegend typische Symptome. Dazu gehören Schmerzen in Brust, Arm oder Kiefer, die als dumpf, schwer, einengend, drückend, krampfartig oder als Vernichtungsschmerz beschrieben werden. Atypische Beschwerden wie epigastrische oder Rückenschmerzen mit brennendem oder stechendem Charakter kommen auch bei Frauen selten vor. Allerdings nennen sie zusätzlich zu den typischen Symptomen häufiger als Männer weitere Beschwerden.

Für EKG und Troponin gelten bei Frauen andere Cut-offs

Beklagt werden Übelkeit, Müdigkeit, Angst, Dyspnoe, Dyspepsie, Herzstolpern, epigastrische Schmerzen oder Missempfindungen in Rücken, Armen oder Nacken. Bestimmte Risikofaktoren für eine atherosklerotische Herzerkrankung wie Rauchen, Typ-2-Diabetes sowie Angst und Depression kommen bei Frauen häufiger vor. Sie suchen im Vergleich zu Männern später einen Arzt auf. Dieser Umstand könnte eine Erklärung für ein schlechteres Outcome sein. Möglicherweise bewerten sie die Symptome falsch, unterschätzen die Gefahr oder halten sich länger mit einer Selbstbehandlung auf.

Bei der Diagnostik sollte man Geschlechtsunterschiede berücksichtigen. Die QRS-Zacken im EKG von Frauen sind kleiner und die frequenzkorrigierte QT-Zeit länger. Beim Myokardinfarkt gelten für ST-Streckenhebungen andere Grenzwerte, ≥ 2–2,5 mm für Männer und ≥ 1,5 mm für Frauen. Was das kardiale Troponin angeht, unterscheiden sich die Grenzwerte für die 99. Perzentile ebenfalls. In einer Studie lag dieser Wert z. B. bei 16 ng/l für Frauen und bei 34 ng/l für Männer.

Die Autorinnen plädieren dafür, geschlechtsspezifische Grenzwerte für diesen Laborparameter zu verwenden. Beim Belastungstest muss man aufgrund der Östrogeneffekte mit mehr falsch positiven Resultaten rechnen als bei Männern. Um die Myokardfunktion zu beurteilen, liefert die Positronenemissionstomografie (PET) sensitivere Resultate als die Single-Photon-Emissionscomputertomografie (SPECT).

Sekundärprävention und Reha fallen Frauen schwerer

Auch therapeutisch gilt es einiges zu beachten. Bei Frauen muss man unter dualer Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT), Antikoagulation und GP-IIb/IIIa-Inhibitoren mit einem höheren Blutungsrisiko rechnen. Dieser Nachteil mündet jedoch nicht unbedingt in eine höhere Mortalität. Bei früher Gabe von Abciximab zeigte sich, dass Frauen mit STEMI nach 30 Tagen und nach einem Jahr von einer signifikanten Reduktion der Mortalität profitierten, Männer dagegen nicht. Eine Herzkatheterisierung (PCI) wird bei Frauen seltener durchgeführt und wenn, dann später als bei Männern. Bei Frauen verläuft dieser Eingriff häufiger mit frühen ischämischen und Blutungskomplikationen. Außerdem geht er mit einer höheren Mortalität einher. Dafür scheinen Frauen von einer PCI mehr zu profitieren als Männer.

Frauen werden seltener Medikamente zur Sekundärprävention wie Betablocker und ACE-Hemmer verordnet. Sie nehmen seltener an einer Rehabilitationsmaßnahme teil und nehmen seltener die verschriebenen Medikamente zuverlässig ein. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie innerhalb von einem Jahr häufiger ein schwerwiegendes kardiales Ereignis (MACE) erleiden, so das Ergebnis einer Studie. Die Mortalität nach fünf Jahren lag für Frauen um 7 % höher. Korrigiert um Medikamenteneinnahme und Risikofaktoren war sie jedoch um 22 % niedriger als bei Männern.

Statine plus Ezetimib konsequent nutzen

Laut Leitlinienempfehlungen sollte man die lipidsenkende Therapie mit Statinen um Ezetimib ergänzen, wenn die Zielwerte für das LDL-Cholesterin nicht erreicht werden. Damit lässt sich sowohl für Frauen als auch für Männer ein ähnlich großer Benefit erzielen. Anders sieht es aus, wenn man noch einen PCSK9-Hemmer wie Alirocumab hinzufügt. Unter dieser erweiterten Therapie ließ sich laut einer Studie bei 59 % der Männer, aber nur bei 37 % der Frauen das LDL in den gewünschten Bereich drücken. Allerdings zeigten sich keine Unterschiede in puncto MACE.

Bestimmte Diagnosen findet man bei Frauen häufiger als bei Männern Dies gilt für den Myokardinfarkt ohne obstruktive Atherosklerose (MINOCA), die spontane Koronararteriendissektion, Mitralklappenstörungen, Trikuspidalinsuffizienz und das Takotsubosyndrom. Von Letzterem sind bevorzugt postmenopausale Frauen betroffen. Eine Aortendissektion kommt dagegen bei Frauen seltener vor.

Diercks D et al. BMJ 2026; 392: e086177; doi: 10.1136/bmj-2025-086177

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert ist approbierte Ärztin mit Berufserfahrung im Medizinbereich (Kinderklinik und Praxen niedergelassener Pädiater und Allgemeinärztinnen/Allgemeinärzte). Seit 2024 als freie Autorin tätig.

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