Die Klimakrise begünstigt virale Tropenkrankheiten in Europa
Stechmücken übertragen zunehmend auch in Europa Viren, die bislang als tropisch galten. Chikungunya-, Dengue- und West-Nil-Fieber treten inzwischen auch ohne vorherige Fernreise in Deutschland auf und erfordern in der Hausarztpraxis neues Wissen und erhöhte Aufmerksamkeit.
Der Klimawandel begünstigt die Ausbreitung invasiver Mückenarten und mückenübertragener Viren in Europa. Dengue-, Chikungunya- und West-Nil-Fieber kommen immer häufiger auch bei Personen vor, die zuvor nicht weit gereist sind. Hausärztinnen und Hausärzte stehen vor der Aufgabe, diese Arbovirosen klinisch zu erkennen, differenzialdiagnostisch einzuordnen und präventiv zu handeln. PD Dr. Gregor Paul vom Universitätsklinikum Augsburg präsentierte aktuelle Daten und klinische Fallvignetten zu klimabedingten Infektionskrankheiten, die für die hausärztliche Praxis unmittelbar relevant sind.
Chikungunya-Virus: Ausbreitung bis zur deutsche Grenze
Chikungunya breitet sich kontinuierlich aus, inzwischen auch mit autochthonen Fällen in Italien und Frankreich. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde aus dem französischen Département Bas-Rhin – wenige Kilometer vom Rhein und der deutschen Grenze bei Offenburg entfernt – ein nicht reiseassoziierter Chikungunya-Fall gemeldet, berichtete der Referent. Das auslösende Virus wird neben der Gelbfiebermücke auch durch die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus übertragen, die inzwischen in weiten Teilen Südeuropas sowie im Südwesten Deutschlands heimisch ist. Die allermeisten Fälle in Europa sind aber importierte Erkrankungen, betonte der Infektiologe. Besonders betroffen sind derzeit Personen, die etwa aus Indien, Südamerika oder Kuba zurückkehren.
Klinisch dominieren beim Chikungunya-Fieber geschwollene Gelenke und arthritischer Schmerz, Fieber, Myalgien, Hautausschläge sowie neurologische und okuläre Symptome. Eine Chronifizierung ist möglich.
Die STIKO empfiehlt die Impfung für Personen ab zwölf Jahren, die wiederholt kurzzeitig in Gebiete mit aktuellem Ausbruchsgeschehen reisen oder Aufenthalte von mehr als vier Wochen in Chikungunya-Endemiegebieten planen. Zugleich muss ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe oder die Chronifizierung bestehen, etwa ein Alter über 60 Jahre oder eine schwere internistische Grunderkrankung. Zur Verfügung stehen ein Lebend- und ein Totimpfstoff, beide als Einmaldosis i. m. ab dem zwölften Lebensjahr. Bei Personen ab 60 Jahren sollte der Totimpfstoff bevorzugt werden.
Denguefieber: Differenzialdiagnosen bei Reiserückkehrenden
Auch vom Denguefieber gibt es erste autochthone Fälle in Italien, Frankreich, Portugal, Spanien und Kroatien. Die Erkrankung verläuft mit retroorbitalem Schmerz, hohem Fieber, starken Kopf-, Muskel-, Gelenk- und Knochenschmerzen, oft mit dem charakteristischen Exanthem. Selten kommt Thrombopenie mit Petechien hinzu. „Es ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Dengue auch bei uns ist“, meinte Dr. Paul. „Und manche empfehlen auch schon, bei unklarer fieberhafter Thrombopenie vor allem im Sommer auch an Dengue zu denken.“
Differenzialdiagnostisch müssen Chikungunya- und Zika-Fieber abgegrenzt werden. Dengue zeigt von den drei Arbovirosen das stärkste Fieber, Blutungszeichen und retroorbitale Schmerzen. Chikungunya fällt durch intensivere Arthralgie und Hepatomegalie auf, Zika durch ausgeprägte Konjunktivitis und Extremitätenödeme. „Klinisch und ohne Labordiagnostik lassen sich die drei Erkrankungen aber kaum unterscheiden“, so Dr. Paul.
Das Oropouche-Virus, der große Dengue-Imitator
Als weitere Differenzialdiagnose stellte Dr. Paul das Oropouche-Fieber vor. Ausgelöst wird es durch ein RNA-Virus, das überwiegend in Zentral- und Südamerika durch Gnitzen und Stechmücken übertragen wird. Bei Patientinnen und Patienten mit entsprechender Reiseanamnese und dengueähnlicher Symptomatik, aber negativem Dengue-, Zika- und Chikungunya-Befund sollte an das Oropouche-Virus gedacht werden, so der Infektiologe. Diagnostiziert wird die Tropenkrankheit per PCR und Serologie.
In der frühen Infektionsphase kann Virus-RNA per PCR nachweisbar sein, ab etwa Tag 5 sind Serologie (IgM, IgG) und das NS1*-Antigen relevant. „Habe ich NS1-Antigen im Blut gefunden, habe ich Dengue diagnostiziert.“ Bei Zweitinfektionen mit einem anderen Denguevirustyp fällt die IgM-Bildung deutlich geringer aus oder kann ganz fehlen, während die IgG-Titer aufgrund infektionsverstärkender Antikörper deutlich ansteigen können.
Die Impfung ist nach STIKO-Empfehlung ab dem vierten Lebensjahr möglich, allerdings nur für Personen, die anamnestisch eine labordiagnostisch gesicherte Vorinfektion durchgemacht haben. Das Reiseziel muss in einem Denguevirus-Endemiegebiet liegen, wobei vor Ort ein erhöhtes Expositionsrisiko bestehen muss. Die tetravalente Lebendvakzine wird in zwei Dosen und mit einem Abstand von mindestens drei Monaten gegeben.
West-Nil-Virus: Krank auch ohne Auslandsreise
Das West-Nil-Virus wird durch heimische Culex-Mücken übertragen. Der Erreger ist schon seit einigen Jahren in bestimmten Regionen Deutschlands endemisch, insbesondere in Berlin, Brandenburg und Sachsen. Vögel fungieren als Amplifikationswirt, der Mensch ist ein sogenannter Dead-End-Host, kann das Virus also nicht weitergeben.
„In den allermeisten Fällen verläuft eine West-Nil-Virus-Infektion asymptomatisch, ansonsten ist die Erkrankung in der Regel selbstlimitierend“, beschrieb der Referent. Selten – und besonders bei älteren Menschen – kommt es allerdings zu neuroinvasiven Verläufen mit Meningitis, Enzephalitis oder schlaffer Lähmung.
West-Nil-Virus kann auf die Nerven gehen
Eine der Fallvignetten im Vortrag zeigte anschaulich die Symptomatik bei West-Nil-Fieber: Ein 72-jähriger Mann aus Sachsen ohne Auslandsreise war im Spätsommer an Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien und Abgeschlagenheit erkrankt. Er berichtete über zahlreiche Mückenstiche, die er sich einige Tage zuvor im häuslichen Umfeld zugezogen hatte. Im Verlauf der Erkrankung kam es zu einer neurologischen Symptomatik mit Nackensteifigkeit und Gangunsicherheit.
„Das Spannende am West-Nil-Virus ist, dass es über längere Zeit mit dem Urin ausgeschieden wird“, so Dr. Paul. Neben der Liquordiagnostik sollte man daher bei Verdacht auf West-Nil-Fieber neben der Serologie auch eine PCR aus dem Urin veranlassen.
* nonstructural protein 1