Wie Muttermilch vor Allergien schützt
Stillen ist aus vielen Gründen gesund für den Säugling. Gut erforscht ist inzwischen der durch Antikörper getragene Infektionsschutz. Seit einiger Zeit steht die Muttermilch auch im Rahmen der Allergieprävention im wissenschaftlichen Fokus.
Neben wichtigen Nährstoffen ist Muttermilch reich an verschiedenen Immunglobulinen. Diese können zum einen mikrobielle Pathogene binden und den Säugling wirksam direkt vor Infektionen schützen, zum anderen indirekte immunregulatorische Wirkungen haben. Welchen Beitrag Immunglobuline in der Muttermilch zur frühen Allergievorbeugung leisten und ob man daraus prophylaktische Strategien entwickeln könnte, ist noch unklar, schreiben Dr. Courtney Jackson von der Universitätsklinik Rochester, New York, und Kolleginnen und Kollegen.
An Antikörpern enthält Muttermilch vorwiegend IgA (als sekretorisches IgA), weniger IgM und IgG und äußerst geringe Mengen an IgD und IgE. Wie IgD, IgE und IgG in die Muttermilch gelangen, ist nicht geklärt. Hingegen werden IgM und IgA v. a. in geweberesidenten antikörperproduzierenden Zellen in der Brust gebildet. Diese Zellen entstammen dem mukosa-assoziierten Lymphgewebe, insbesondere im Darm, aber auch im Respirationstrakt. Ab der Spätschwangerschaft wandern die Zellen in das Brustgewebe ein, akkumulieren dort und produzieren Antikörper. Entsprechend einer „mucosal-mammary-link“ bzw. „Immunsystem-Mamma-Achse“ sind die Immunglobuline in der Muttermilch wie ein Spiegelbild spezifisch für ganz verschiedene Antigene der Umgebung der stillenden Mutter und ihres Säuglings. Dazu zählen zahlreiche Pathogene genauso wie nichtinfektiöse Antigene, z. B. aus Kuhmilch, Hühnerei, Erdnuss, Hausstaubmilben oder Gras- und Baumpollen. Grundsätzlich haben die mit der Muttermilch in den Säuglingsdarm gelangenden Ig, auch wenn viele dabei durch Proteasen gespalten werden, entscheidenden Einfluss auf das Mikrobiom und das sich entwickelnde Immunsystem des Säuglings.
Aus Versuchen an Nagetieren weiß man genauer, wie IgA aus der Muttermilch lokal im Darm des Nachwuchses über verschiedene Mechanismen wirkt, z. B. Antigene bindet und deren Aufnahme ins Blut blockiert. IgG hat darüber hinaus nach Aufnahme ins Blut auch systemisch Einfluss. IgG kann – ähnlich wie beim „Kampf“ gegen infektiöse Pathogene – Antigene binden, deren Zerstörung durch Phagozytose beschleunigen oder IgE-Allergen-Interaktionen hemmen. Über den Einfluss auf neonatale B-Zellen, dendritische Zellen und z. B. regulatorische T-Zellen hat IgG offenbar auch langfristige Effekte im Sinne der Induktion einer Allergen-Toleranz – auch durch bestimmte Antigen-IgG-Komplexe. Fehlen Muttermilch-Immunglobuline, ist das Immunsystem des Nachwuchses nur auf die eigene Antikörperproduktion angewiesen, was offenbar zu ungenügender Immunregulation führen kann. Auf den Menschen lassen sich die Erkenntnisse aus Tierversuchen natürlich nicht einfach übertragen.
Müttern wird im Rahmen der Allergieprävention keine Ernährungseinschränkung empfohlen
In Humanstudien haben Metaanalysen und systematische Reviews allgemein einen protektiven Effekt des Stillens auf Wheezing und Asthma, manche auch auf atopische Dermatitis bei den Säuglingen bzw. Kindern gezeigt; Studien zu Nahrungsmittelallergien sind begrenzt. Speziell für IgA gibt es einzelne Publikationen; eine zeigt z. B. eine positive Korrelation zwischen hohen IgA-Konzentrationen in der Muttermilch und geringem Asthmarisiko beim Kind. Ähnliches ließ sich für kuhmilchspezifische IgA und Kuhmilchallergie beim Kind zeigen. Andere Studien zu Muttermilch-IgA und atopischer Dermatitis oder allgemein Atopie beim Kind ergaben jedoch widersprüchliche Ergebnisse. Ebenfalls wenig eindeutig sind bisherige Daten zur Frage, wie z. B. Genuss versus Meidung von Kuhmilch aufseiten der Mutter die Konzentration von kuhmilchspezifischen IgA in der Muttermilch beeinflusst. Derzeit wird Müttern im Rahmen der Allergieprävention nicht empfohlen, ihre Ernährung einzuschränken.
Zukünftig sollten laut Autorenteam die in Tierversuchen gewonnenen Erkenntnisse beim Menschen genauer erforscht werden. Wichtig bleibt auch die mögliche Bedeutung nahrungsmittelspezifischer Immunglobuline in der Muttermilch für bestimmte Nahrungsmittelallergien beim Kind. Es laufen derzeit mehrere große Studien zu verschiedenem Ernährungsverhalten von Frauen, z. B. Verzehr bestimmter potenter Allergene versus Meidung, während Schwangerschaft und Säuglingszeit. Mit den Ergebnissen, inkl. Muttermilch-Analysen und Allergietests beim Nachwuchs, könnte man dem Ziel näherkommen, Nahrungsmittelallergien bei Kindern vorbeugen zu können. Das Autorenteam gibt jedoch zu bedenken: Das Vorkommen der bioaktiven Komponenten in der Muttermilch variiert von Frau zu Frau enorm, ihre (positiven) Effekte können also sehr verschieden ausfallen.
Jackson CM et al. Allergy 2026; doi: 10.1111/all.70218