Lebererkrankungen in der Primärversorgung

Die Lebergesundheit gehört in Hausarzthände!

Aus der Fachliteratur
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Chronische Lebererkrankungen entstehen oft unbemerkt und werden häufig erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt. Deshalb sollte die Früherkennung in der Hausarztpraxis verbessert werden, fordert eine Expertenkommission.

Vorsorge, Früherkennung und Therapie von Lebererkrankungen sollten mehr als bisher in der Primärversorgung angesiedelt sein, fordert eine Expertenkommission. Nur so ließe sich die weltweite Zunahme dieser Krankheiten stoppen.

Weltweit sterben jährlich rund 2 Mio. Menschen an Lebererkrankungen – und die Zahl steigt. Dennoch sind Prävention, Früherkennung und Langzeitbetreuung von Leberkrankheiten bislang kaum in der Primärversorgung verankert. Eine Expertenkommission unter Leitung von Dr. Helen Jarvis, Newcastle University in Newcastle upon Tyne, fordert einen Paradigmenwechsel: Hausärztinnen und Hausärzte sollen eine zentrale Rolle im Management der chronischen Lebererkrankungen übernehmen.

1,3 Milliarden Betroffene: MASLD auf dem Vormarsch

Die häufigste chronische Lebererkrankung ist die metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease, MASLD), früher als nicht-alkoholische Fettleber (non-alcoholic fatty liver disease, NAFLD) bezeichnet. Schätzungsweise 1,3 Mrd. Menschen waren 2023 betroffen, und bis 2050 könnte die Zahl auf 1,8 Mrd. steigen, schreibt die Gruppe um Dr. Jarvis. Parallel nimmt in vielen Ländern auch die alkoholbedingte Lebererkrankung (alcohol-related liver disease, ALD) zu. Beide Erkrankungen können über Fibrose und Zirrhose in ein Leberkarzinom münden.

Lebererkrankungen treffen sozial Benachteiligte überproportional hart. Dieses Muster zieht sich durch alle Ätiologien, so Dr. Jarvis et al. Besonders ausgeprägt ist dies bei der ALD: Obwohl das Ausmaß des Alkoholkonsums in einkommensschwachen und einkommensstarken Gesellschaftsgruppen ähnlich ist, sind alkoholbedingte Schäden bei besonders armen Menschen viel häufiger. In England wiesen Personen aus dem ärmsten Bevölkerungsfünftel zwischen 2001 und 2018 eine mehr als dreifach höhere ALD-Inzidenz auf als diejenigen aus dem wohlhabendsten Fünftel.

Gezielte Fibrose-Tests statt Routine-Leberwerte

Chronische Virushepatitiden sind ein weiteres gravierendes Problem. Täglich infizieren sich weltweit 4.900 Menschen neu mit dem Hepatitis-B- oder dem Hepatitis-C-Virus. Besonders gefährdet sind Personen, die Drogen injizieren, Gefängnisinsassen, Sexarbeiterinnen und -arbeiter sowie Männer, die Sex mit Männern haben. Laut WHO waren Ende 2024 nur 27 % der HBV-Infizierten entsprechend diagnostiziert, lediglich 4,3 % erhielten eine antivirale Therapie. Bei HCV waren es 36 % bzw. 20 %.

Eine Fettleber liegt vor, wenn mindestens 5 % der Hepatozyten Lipidtröpfchen enthalten. Im Ultraschall ist eine Steatose erst ab etwa 20 % Fettanteil erkennbar, im CT erst ab 30 %. Da Histologie und MRT nicht überall verfügbar sind, empfiehlt die Kommission einen proaktiven, risikobasierten Ansatz: Bei Vorliegen von Risikofaktoren (s. Kasten) sollten nichtinvasive Fibrose-Tests (z. B. FIB-4 als First-line-Test) eingesetzt werden. Leberwerte aus einer Routineuntersuchung allein sind für die Fibrosediagnostik nicht ausreichend sensitiv.

Fettleber-Check: Die wichtigsten Risikofaktoren

  • Alkoholabusus

  • Adipositas

  • Typ-2-Diabetes

  • Schlafapnoe

  • chronische KHK

  • chronische Nierenerkrankung

  • polyzystisches Ovarsyndrom

  • Hypothyreose

  • Leberkarzinom oder -zirrhose in der Familie

  • steatogene Medikation (z. B. Steroidhormone, Natriumvalproat)

Im Mittelpunkt des hausärztlichen Handelns stehen: Alkohol-Screening (z. B. mit dem AUDIT*- oder dem AUDIT-C**-Fragebogen) mit anschließender Fibrosediagnostik bei positivem Befund, psychosoziale und pharmakologische Interventionen bei Alkoholmissbrauch, Ernährungs- und Bewegungsberatung sowie das Erarbeiten individuell passender Maßnahmen gemeinsam mit den Betroffenen.

Auch normalgewichtige Personen können eine MASLD entwickeln, oft bei erhöhtem viszeralem Fettanteil und verminderter Muskelmasse. Auch diese Patientinnen und Patienten profitieren von Bewegung und moderatem Gewichtsverlust. Bei Virushepatitis gilt es, Risikogruppen zu identifizieren, HBV-Tests und Impfstatus zu prüfen sowie HCV-Infektionen frühzeitig zu behandeln.

Die Leberdiagnostik in die Praxisroutinen integrieren

Hausärztinnen und Hausärzte sehen das Management von Lebererkrankungen bislang häufig nicht als Teil ihrer Routineaufgaben. Geschuldet ist das dem allgegenwärtigen Zeitmangel, fehlenden Vergütungsstrukturen, der unzureichenden Ausbildung und mangelnder Ausstattung.

Die Expertenkommission fordert deshalb klare Versorgungspfade und eine bessere Integration der Lebergesundheit in bestehende Betreuungsprogramme für chronische Erkrankungen wie Diabetes, Hypertonie und Adipositas. Nur so lässt sich vermeiden, dass die Hausärzteschaft zusätzliche Aufgaben schultern muss. Stattdessen sollte die Leberdiagnostik in bereits etablierte Routinen eingebunden werden. Unterstützt werden soll dies durch digitale Tools und KI-gestützte Automatisierung, etwa bei der Auswertung nichtinvasiver Fibrose-Tests. Zur Finanzierung dieser Infrastruktur sind politische Maßnahmen erforderlich.

* Alcohol Use Disorders Identification Test
** Alcohol Use Disorder Identification Test for Consumption

1. Jarvis H et al. Lancet Gastroenterol Hepatol 2026; doi: 10.1016/S2468-1253(26)00015-4

2. Brierley R, Thomas H. Lancet Gastroenterol Hepatol 2026; doi: 10.1016/S2468-1253(26)00196-2

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert

Dr. Vera Seifert ist approbierte Ärztin mit Berufserfahrung im Medizinbereich (Kinderklinik und Praxen niedergelassener Pädiater und Allgemeinärztinnen/Allgemeinärzte). Seit 2024 als freie Autorin tätig.

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