Leichenschau ist fehleranfällig

Natürlicher Tod oder Suizid?

Aus der Fachliteratur
|Erschienen am: 
Bei einer zweiten Leichenschau werden immer wieder nicht natürliche Todesfälle aufgedeckt, die bei der ersten Leichenschau als natürlich eingestuft worden sind.

Zwei Fälle aus Hamburg zeigen die Fehleranfälligkeit der Leichenschau: Trotz blutender Schnittverletzungen am Handgelenk wurde ein natürlicher Tod bescheinigt. Erst die zweite Leichenschau im Krematorium weckte den Verdacht auf Suizid.

Die äußere Leichenschau ist bekanntlich fehleranfällig, schreiben ­Ann ­Sophie ­Schröder, Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und Mitarbeitende. Bei einer zweiten Leichenschau, die bei Feuerbestattungen in der Regel erfolgen muss, werden immer wieder nicht natürliche Todesfälle aufgedeckt, die bei der ersten Leichenschau als natürlich eingestuft worden sind. Die beiden Fälle, über die das Team berichtet, sind besonders gravierende Fehleinschätzungen.

Sehr viel Blut in der Umgebung des Leichnams

Im ersten Fall hatte man einen Rentner zu Hause tot aufgefunden. Auffällig war sehr viel Blut in der Umgebung des Leichnams. Dies veranlasste wohl den leichenschauenden Anästhesisten, eine Ösophagusvarizenblutung als Todesursache anzunehmen. „Natürlicher Tod“ lautete daher sein Urteil, die anwesende Polizei hatte keine Einwände. Hinweise auf Fremdeinwirkung hätten nicht bestanden. Zu etwaigen Grunderkrankungen oder Todesumständen gab es keine Dokumentationen. Nach drei Tagen erfolgte im Krematorium die zweite Leichenschau. Die zuständige Ärztin entdeckte dabei blutende Schnittverletzungen an beiden Handgelenken sowie ältere Narben. Im Mund dagegen waren keinerlei Hinweise auf Blutungen zu finden. Sie stufte den Fall als nicht natürlich ein mit Verdacht auf Suizid und meldete die neuen Erkenntnisse der zuständigen Ermittlungsbehörde. Konsequenzen hatte das aber keine. Weder wurde eine Obduktion angeordnet noch rechtliche Schritte gegen den Anästhesisten unternommen. Der Leichnam wurde verbrannt.

Ähnlich verlief der zweite Fall. Es handelte sich ebenfalls um einen älteren Mann, der zu Hause verstorben war und den ein Angehöriger gefunden hatte, zusammen mit einem Eimer voll „Blut und Erbrochenem“.

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